Während CDU-Generalsekretär Carsten Linnemann die großen Linien zieht, über die lange Historie des Antifaschismus innerhalb seiner Partei spricht, über ihre Rolle während der Gründung der Bundespolitik, über Martin Schreiber, Konrad Adenauer und ja, auch über Walter Lübcke, lächelt Luigi Pantisano. „Uns als Union vor diesem Hintergrund vorzuwerfen, es gebe keinen Unterschied zwischen uns und Faschisten“, sagt Linnemann langsam und mit betontem Ernst, „ist infam, geschichtsvergessen und niederträchtig“. Pantisano schaut auf sein Handy.Es wirkt, als wolle der 46-Jährige ausblenden, was um ihn herum passiert. Und es muss ja auch schwierig sein, angesichts der Geschwindigkeit dieser Eskalation hinterherzukommen. Erst am Samstag ließ sich Pantisano, immerhin erst seit der laufenden Legislatur Abgeordneter, auf dem Bundesparteitag in Potsdam zum Linken-Chef wählen. Mit nur knapp über 50 Prozent der Stimmen zwar, aber immerhin.Und nun sitzt er zum ersten Mal in dieser Rolle im Deutschen Bundestag, ein paar Reihen weiter vorn, in der dritten Reihe seines Fraktions-Dreiecks am linken Rand des Plenarsaals – und muss sich einer Aktuellen Stunde aussetzen, die seine Person betrifft. Union und SPD hatten diese kurzfristig anberaumt, um die „inakzeptablen Äußerungen des Co-Vorsitzenden Pantisano“ und die „antisemitischen Tendenzen auf dem Bundesparteitag der Partei Die Linke“ zu diskutieren.Binnen vier Tagen ist Pantisano vom politischen Hoffnungsträger zum Politikum geworden. Das dürfte ein neuer Rekord sein. Für Verantwortung disqualifiziert Zuzuschreiben hat er das allein sich selbst. Nachdem er am Freitagmorgen, kurz vor Start des Parteitags, noch im ZDF für mögliche Bündnisse mit der CDU geworben hatte, warf er den Christdemokraten am Abend in einem Interview mit „Bild“ vor, „faschistische Politik“ zu betreiben. Erwartungsgemäß brach daraufhin ein Sturm der Entrüstung aus so ziemlich allen politischen Lagern über ihm herein.Wie empfindlich dieser Vorwurf die Union traf, zeigte sich auch daran, wer sich zu Wort meldete. Als erster CDU-Mann forderte etwa Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Daniel Günther, von der CSU einmal wegen seiner Offenheit nach links als „Genosse Günther“ verschrien, Pantisano zum Rücktritt auf.Eine zwischenzeitliche Entschuldigung des Linken, in der er seine Aussage unter anderem als „verkürzt“ darstellte, wies Linnemann bereits am Montag zurück. „Was Sie gemacht haben“, sagt der CDU-General am Mittwoch in Pantisanos Richtung, „war keine aufrichtige Entschuldigung, sondern Sie haben versucht, sich herauszureden“.Damit stehen die Linken der AfD näher als jede andere Fraktion in diesem Haus.Die CDU-Abgeordnete Ottilie Klein kritisierte die Linke scharfDie Union scheint jedenfalls entschlossen, die Sache nicht auf sich beruhen zu lassen. Pantisanos Äußerung, so Linnemann weiter, sei „eine unfassbare Diffamierung, ja eine Beleidigung, auch gegenüber den 360.000 CDU-Mitgliedern.“ Der Linken-Chef habe „den Horror und die Gräueltaten des Faschismus“ verharmlost und sich damit „für jede politische Verantwortung disqualifiziert“.Die CDU-Abgeordnete Ottilie Klein warf der Linkspartei vor, dass sich hinter ihrer „schrillen Partyfassade immer mehr das hässliche Gesicht von Unfreiheit und Hass“ zeige. Sie hob unter anderem eine Delegierte hervor, die während des Linken-Parteitags davon sprach, dass „die größten Verbrecher“ im öffentlich-rechtlichen Rundfunk zu finden seien. „Damit stehen die Linken der AfD näher als jede andere Fraktion in diesem Haus“, so Klein. Wut in der eigenen Partei Pantisano lässt derlei Vorwürfe an diesem Nachmittag betont stoisch über sich ergehen. Er steht nicht auf der Rednerliste, antwortet nicht auf direkte Ansprachen. Stattdessen schaut er in den Raum, lächelt, scherzt, tippt. Womöglich, weil er weiß, dass es an seinen Aussagen wenig zu deuteln gibt. Oder, wie manche innerhalb seiner Partei seit dem Wochenende munkeln, weil er das Ausmaß dessen, was er losgetreten hat, weiterhin unterschätzt.Denn längst geht es um die Frage, ob Pantisano in seinem Amt noch tragbar ist. Denn auch in seiner eigenen Partei war die Wut über seine Äußerungen teils immens, es gibt nicht wenige, die es gerne gesehen hätten, wenn er kurz nach seiner Wahl schon wieder seinen Rücktritt erklärt hätte. „Das war schlicht Dummheit“, sagte ein einflussreicher Linker am Montag hinter vorgehaltener Hand. „Er kann es offenbar nicht.“Seit Monaten bereits arbeiten führende Linke, darunter ironischerweise auch Pantisano, schließlich daran, ihre Partei zumindest oberflächlich an die CDU anzunähern. Ziel ist eine Kooperation nach den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern. Dabei geht es nicht etwa um politischen Opportunismus, betont dieser Flügel. Vielmehr sehe man darin die einzige Chance, eine AfD-Regierung zu verhindern.Das dürfte nun deutlich schwerer geworden sein. Pantisano lieferte also als erste Amtshandlung ein krachendes Eigentor.Sie wollen nur davon ablenken, dass Sie mit der Kettensäge den Sozialstaat schreddern.Ines Schwerdtner, Co-Chefin der Linken neben Pantisano, sieht in der Debatte ein „Ablenkungsmanöver“Entsprechend bemüht wirkt auch der Versuch einer Verteidigung ihres Co-Vorsitzenden durch Ines Schwerdtner. Die Aufregung rund um Pantisanos Äußerungen sei ein „Ablenkungsmanöver“, ruft sie in den Bundestag hinein. Die Bundesregierung, so Schwerdtner, habe gerade Rentenkürzungen in Planung, die Millionen Menschen beträfen: „Doch sie setzt die Linke auf die Tagesordnung“, sagt sie. „Sie wollen nur davon ablenken, dass Sie mit der Kettensäge den Sozialstaat schreddern.“Pantisano habe die CDU als faschistisch bezeichnet, was nicht korrekt gewesen sei, und sich dafür entschuldigt, so Schwerdtner: „Das hat Größe.“ Andere, schiebt sie hinterher, hätten das nicht getan – und meint damit Kanzler Friederich Merz (CDU).Dem rechnet sie in der Folge eine Reihe von umstrittenen Aussagen vor: „Sozialtourismus“ ukrainischer Geflüchteter, die „kleinen Paschas“ aus zugewanderten Familien, Asylsuchende, die „sich die Zähne neu machen“ ließen. Es ist, so ehrlich muss man sein, was viele Linke gegenüber jeder anderen Partei als „Whataboutism“ brandmarken würden. Sprich, ein Ablenkungsmanöver.Dabei lässt die Union an diesem Tag offen, wie ernst sie es wirklich meint mit der Abgrenzung nach links. Trotz harter Worte traut sich aus ihren Reihen nämlich niemand, eine zukünftige Zusammenarbeit kategorisch auszuschließen.„Demokraten machen mit Radikalen keine gemeinsame Sache“, sagt einzig Ottilie Klein. „Weder mit denen am rechten, noch mit denen am linken Rand.“ Was das heißt, ist bekanntlich Definitionssache.