Mit der gewohnten Ruhe in ihrem Baseballstadion war es für die Fans der Miami Marlins am Montagabend vorbei. Lautstarker Gesang aus biergefluteten Kehlen drang beim Spiel gegen Texas durch den Ballpark. Die singenden Invasoren trugen ungewöhnliche Beinkleider und spielten auf ebenso ungewöhnlichen Musikinstrumenten. Ein Spektakel sondergleichen. Einigen Einheimischen standen die Münder offen, andere griffen sogleich zum Telefon, um das Schauspiel zu filmen.Schottlands Fans sind die Attraktion dieser Weltmeisterschaft. Mit kindlicher Neugierde tauchen sie ein in die amerikanische Kultur. Sei es beim Besuch eines Baseballspiels oder einem Auftritt beim Bullenreiten. Wohin sie kommen, freuen sich Restaurants und Barbetreiber.„Schotten trinken alles leer“ oder „Kein Bier mehr in der Stadt“ lauten dann die Schlagzeilen in den lokalen Blättern, wenn die schottischen Anhänger, genannt „Tartan Army“, wieder abziehen. Ein Problem der angenehmen Sorte für die Gastronomen Nordamerikas. „Wir wissen, dass wir die besten Fans der Welt haben“, sagt Schottlands Kapitän Andrew Robertson. Und damit zum eigentlichen Problem.Während die eigenen Anhänger vor dem Spiel am Donnerstag gegen Brasilien (0 Uhr MESZ bei MagentaTV) Südflorida mit ihrer überschwänglichen Ausgelassenheit erfreuen, geben die eigentlichen Protagonisten bisher einen tristeren Eindruck bei dieser Weltmeisterschaft ab als erwartet. Mit Außenseiter Haiti hatte Schottland beim 1:0 mehr Mühe als gedacht, beim 0:1 gegen Marokko blieb man vor allem fußballerisch vieles schuldig. Dass es im letzten Gruppenspiel nun ausgerechnet gegen den fünfmaligen Weltmeister Brasilien ums Weiterkommen geht, macht es nicht besser.Die Fans überzeugen, die Spieler (noch) nichtEs ist nämlich so: Schottland ist nicht nur zum Feiern zu diesem Turnier gereist. Die ungezügelte Reiselust ihrer Anhänger mag die Erwartungen zwar beflügeln, aber die Mannschaft hat auch sportlich vieles getan, um den Fans Hoffnung auf einen längeren Verbleib im Turnier zu geben.Qualifikation als Gruppensieger, vor Dänemark. Als Lohn gab es die erste WM-Teilnahme seit 28 Jahren. Das war doch was. Spieler wie Scott McTominay (Neapel), Andrew Robertson (bald Tottenham) und John McGinn (Aston Villa), die alle im gehobeneren europäischen Klubsegment unterwegs sind, hatte die Nationalmannschaft schon lange nicht mehr.Nach der Teilnahme an den letzten beiden Europameisterschaften 2021 und 2024 galt die erfolgreiche Qualifikation für die WM als logische Konsequenz. Da sollte die Vorrundengruppe mit Brasilien, Marokko und Haiti doch zu überstehen sein, lautete die allgemeine Meinung vor Turnierbeginn.Die Realität ist eine andere. Den einzigen Moment der Schotten, der bisher für Aufsehen sorgte, kreierte Kapitän Robertson nicht etwa durch ein Tor oder eine erinnerungswürdige Grätsche, sondern als er gegen Haiti die neue Einwurfregel des Weltverbandes FIFA ad absurdum führte. Robertson wartete, bis alle Kollegen in ihren Positionen waren. Erst dann hob er den Ball vom Boden auf, sodass der Schiedsrichter zu zählen begann. Die fünf Sekunden, binnen derer der Einwurf erfolgen muss, starten nämlich erst, wenn der Spieler den Ball zum Einwurf in die Hand genommen hat.McGinn ein „Pub Player“Abseits von Robertsons List war bisher nicht viel. Vor allem offensiv konnte Schottland nicht die Akzente setzen, die von so feinen Fußballern wie McTominay oder McGinn erwartet werden. Ihre durchschnittlichen Leistungen sorgten für Spott, Irlands ehemaliger Kapitän Roy Keane nannte McGinn gar einen „Pub Player“, also einen eigentlichen Spitzenspieler, der an schlechten Tagen aussieht wie ein lausig trainierter Amateur.„Wenn er gut drauf ist, ist er ein Hingucker. Aber wenn er einen schlechten Tag hat, wow. Dann sieht er aus wie ein Pub Player“, sagte Keane. Dass er später von seinen Kommentaren Abstand nahm und McGinn überschwänglich lobte, machte es kaum besser. Der Kommentar war da längst in der Welt.Zumal Keane einen Nerv traf, was McGinn sogar zugab. „Im Grunde hat er nichts Verwerfliches gesagt. Es ist aber so, dass meine schlechten Tage immer seltener werden“, sagte McGinn, der gegen Haiti das entscheidende, weil einzige Tor geschossen hatte. Das Pub-Problem hat nicht nur McGinn, der im Mai mit Aston Villa die Europa League gegen Freiburg gewann.Im Fall von McTominay verhält es sich ähnlich. Zwischen spielentscheidend und unsichtbar ist auch bei ihm alles möglich. Gegen Brasilien werden sich die Schwankungen sehr wahrscheinlich rächen, Schottland benötigt von seinen potentiellen Spielentscheidern eine außergewöhnliche Leistung. Die bisher erspielten drei Punkte könnten am Ende für die Qualifikation zur K.-o.-Runde zu wenig sein. Mindestens ein Zähler sollte es noch sein. Im Sechzehntelfinale wäre Schottland ein möglicher Gegner der deutschen Mannschaft.„Niemand von uns weicht von dem Ziel ab, sich für die nächste Runde qualifizieren zu wollen“, sagt Kapitän Andrew Robertson. „Wir wollen das erste Team in der Geschichte unseres Landes sein, das das erreicht.“ Bei acht WM-Teilnahmen schied Schottland jedes Mal nach der Vorrunde aus. Zuletzt 1998. Die Gegner, an denen die Schotten damals scheiterten, hießen unter anderem Brasilien und Marokko.