Für die Fußballweltmeisterschaft also wurde die Kuppel zu einem gigantischen WM-Ball umgestaltet, mit beachtlicher Präzision: Es ist nicht etwa ein stilisierter WM-Ball Trionda, sondern eine exakte Nachbildung geworden, mitsamt den Logos des Weltverbands Fifa und des Ballherstellers Adidas, die aus den meisten Winkeln gut zu erkennen sind. Und genau darin liegt ein Problem.Der „Beautiful Dome“ getaufte WM-Ball wurde finanziert von der lokalen Tourismusgesellschaft „Destination Vancouver“, der öffentlich geförderten Science World, der Stadt Vancouver, dem Bundesstaat British Columbia und der lokalen Hotelvereinigung. Wer hingegen keinen Cent bezahlte: die Fifa und Adidas, die laut den Kritikern des Projektes am meisten vom Werbeeffekt profitieren. Man hört in Vancouver die unterschiedlichsten Urteile über den Riesenball: von „unglaublich cool“ bis zu „Schande“. Und so ist dieser Fußball zu einer Illustration geworden für den Umgang der Menschen im nördlichen Gastgeberland Kanada.Nach dem Sieg der Ägypter haben Mohamed Salah und seine Teamkollegen vor dem Innenstadtstadion mit Fans gefeiertAm Montagnachmittag ist spielfrei in Vancouver, was an Turnierstandorten stets ein interessanter Wechseltag ist. Die einen kommen, die anderen gehen, wie an Samstagen im Pauschalurlaub. Am Fuße des Balls spazieren Ägypter und Neuseeländer noch das Wasser entlang, die die Partie tags zuvor besucht hatten, die ersten Schweizer sind für das Mittwochspiel bereits eingetroffen, und kanadische Trikots sind sowieso überall zu sehen. Der viel diskutierte Ball jedenfalls ist ein Magnet, fast jeder posiert davor für Fotos, zwischendrin nehmen zwei Jungs ein Tanzvideo für Snapchat auf.Omar und Zidane, so stellen sich die beiden vor, Letzterer hat sogar ein Trikot seines Spitznamensgebers an. Beide kommen aus ägyptischen Familien und leben in Florida, es ist eine typische WM-Konstellation: Die allerwenigsten Trikotträger, die man auf den Straßen trifft, haben wirklich die ganz weiten Reisen aus fernen Ländern auf sich genommen, es ist auch in Kanada eine Diaspora-Weltmeisterschaft. „Dieser Ball ist genial“, findet Omar jedenfalls: „Und Vancouver ist überhaupt die beste Stadt bei dieser WM.“ Keine Tropenstürme wie daheim gebe es hier, sagt Zidane als Erklärung. Und das Stadion mitten in der Stadt würden sie so auch nicht kennen: „Wir konnten auf den Straßen den Sieg feiern, sogar die Spieler waren dabei.“Irgendwo vor dem Riesenball posieren fast alle - auch Zidane (links) und Omar. Felix Haselsteiner/ohEin zweiter rauschender Abend innerhalb einer Woche hatte sich in Vancouver am Sonntag ergeben, wo man zunehmend merkt, dass es auch charmant sein kann, nicht die großen Kaliber des Weltfußballs im Stadion zu haben. Nach dem frenetisch bejubelten 6:0 der Kanadier gegen Katar folgte der erste WM-Sieg in der Geschichte Ägyptens, den Mohamed Salah und andere Spieler tatsächlich in den Straßen um das Stadion herum mit den Anhängern feierten. Die Musikbox hatten sie höchstselbst mitgebracht.Das für die Pazifikküste fast schon sensationell gute Sommerwetter, die überzeugende kanadische Mannschaft, die glücklichen Ägypter, die Stadtbewohner, die sich ganz dem Klischee entsprechend ständig höflich entschuldigen, ohne dass sie etwas falsch machen – das alles trägt zu einer einzigartigen WM-Stimmung bei. Inspiriert von Rudi Völler, der das zweite kanadische WM-Stadion in Toronto in einem Fernsehinterview „schnuckelig“ genannt hatte, könnte man über Vancouver sagen: Es ist der heimelige Spielort dieser Weltmeisterschaft in der großen, weiten, nordamerikanischen Welt. Allein schon die Anfahrt zum Stadion sucht ihresgleichen.3:1 Ägyptens gegen Neuseeland:Alle feiern Mo Salah – nur sein Trainer nicht so richtigDer Angreifer führt Ägypten zum ersten Sieg bei einer Fußball-WM in der Geschichte des Landes. Die Debatten nach dem schwachen Start könnten nun leiser werden – wäre da nicht das Verhalten von Trainer Hossam Hassan.Der Rest der WM ächzt unter horrenden Metro-Preisen, wirren Shuttles zu abgelegenen Stadien, stundenlangem Schlangestehen auf Parkplätzen oder mancherorts sogar fehlenden Gehwegen. Wer in Vancouver nicht mit dem Fahrrad oder zu Fuß ins Innenstadtstadion BC Place kommt, nimmt das Boot. Eine Armada an Minifähren liegt bereit, um im Sieben-Minuten-Takt Menschen über den False Creek zu befördern, eine Flotte, die in ihrer Schnuckeligkeit an die Traumwelt aus „Charlie und die Schokoladenfabrik“ erinnert. Die Schiffchen zum Stadion haben kleine Bällchen auf den Dächlein und wenn’s noch eine Verniedlichung sein darf: Das Ticket für die Fähre ist ein kleines, abreißbares Kärtchen, kein digitaler Barcode.Oh, wie schön ist Kanada! Nicht einmal Premierminister Mark Carney bekommt hier Buhrufe im Stadion, auch wenn der Jubel bei der Einblendung auf der Leinwand nicht ganz so laut ausfällt wie bei der Rekordfußballerin Christine Sinclair. Auch das ist eine kleine Wahrheit über die von Nationaltrainer Jesse Marsch neu ausgerufene Fußballnation: Die Fußballerinnen haben hier jahrzehntelang die Vorarbeit geleistet, es ist nicht alles erst durch ein 6:0 gegen Katar entstanden, dem ersten WM-Sieg kanadischer Männer. Nein, die Frauen waren schon länger berühmt. Und Vancouver ist nicht nur seit einem Jahr die Heimat von Thomas Müller, sondern fast schon traditionell eine Fußballstadt. Es ist eher die Frage: wie lange noch.„Die Aufmerksamkeit bekommen die USA, wir bezahlen nur das Geld“, sagt der Fahrradverkäufer DougDenn natürlich gibt es rund um die WM auch in Vancouver Themen, die den Menschen Sorgenfalten in die Gesichter treiben, auf der Fähre, beim Public Viewing und sogar in einem Fahrradladen im Vorort Kitsilano. Dort sagt der E-Bike-Experte Doug, er sei großer Fußballfan, aber: „I don’t like the Fifa“. The Fifa, damit ist in diesem Fall nicht der Weltverband gemeint, sondern die ganze WM, in Nordamerika ist das Turnier oftmals nicht der „Fifa World Cup“ sondern eben kurz „The Fifa“. Das Turnier werde Kanada nicht viel einbringen, sagt Doug: „Die Aufmerksamkeit bekommen die USA, wir bezahlen nur das Geld. Für alles, schauen Sie sich nur die Geschichte mit dem Science Center an.“Da ist er wieder, der Ball, der für die hohen Kosten steht: Mehr als eine Milliarde kanadische Dollar investieren die Bundesregierung und die Regionalregierungen in das Turnier, wohlgemerkt für nur 13 Spiele. Den Mexikanern im Süden geht es wohl ähnlich, in Kanada allerdings wurden die Zahlen Ende Mai von der Regierung offengelegt. 82 Millionen kanadische Dollar pro WM-Spiel haben die Bevölkerung doch einigermaßen schockiert, die alte Frage kam reflexhaft auf: Könnte man das nicht sinnvoller investieren? Ein paar Querstraßen vom BC Place entfernt etwa liegt das Stadtviertel Downtown Eastside, wo die schockierenden Ausmaße der kanadischen Drogenepidemie zu jeder Tages- und Nachtzeit zu sehen sind. Dort würde jeder Cent dringender gebraucht, sagen die Leute.Und selbst im Sport gäbe es Wichtigeres zu tun. „Am Ende verlieren wir noch unseren Fußballverein, um den sollte man sich dringender kümmern“, fordert Doug. Die Vancouver Whitecaps sind seit 1973 eine Institution der nordamerikanischen Profiliga MLS. Allerdings steckt sie in etwas paradoxen finanziellen Schwierigkeiten: Einerseits ist der BC Place seit Jahren konstant unter den Top Ten der MLS-Standorte mit den höchsten Zuschauerzahlen, erst recht seit der Ankunft der neuen Hauptattraktion Müller. Andererseits heißt er eben wirklich BC Place, hat keinen Namenssponsor wie fast alle anderen WM-Arenen. Hier gehört das Stadion großteils der Stadt, nicht dem Verein, weshalb diesem nur zwölf Prozent der Einnahmen von den vielen Besuchern zustehen. Zu wenig für das Besitzer-Konsortium. Die Whitecaps stehen seit 2024 zum Verkauf, allerdings findet sich in Kanada kein Käufer – weshalb nun wohl unter anderem Las Vegas als neue Heimat im Rennen ist.In Vancouver wird dagegen protestiert, eine Gruppe namens „Save the Caps“ sucht andere Lösungen, vielleicht ein zweites Stadion. Niemand weiß etwas Verlässliches zur Zukunft der Whitecaps, die unzähligen Müller-Trikots im Straßenbild täuschen darüber hinweg. Weshalb mehr als anderswo die Frage über der Stadt und dem Ball schwebt: Was wird bleiben von der Aufmerksamkeit?Die Expo 1986 hat in der Stadt unübersehbare Spuren hinterlassen – weit größere als nur an dieser Fassade. Felix Haselsteiner/ohDas Spiel kennen sie hier bereits von vielen anderen Großveranstaltungen: Langfristige Versprechen haben schon die Olympischen Winterspiele 2010 nicht halten können. Einzig als die Welt zur Expo zu Gast kam, hatte das echte Auswirkungen – eine Geschichte, die Vancouver auf kuriose Weise mit dem Co-Gastgeber Mexiko verbindet. Denn just 1986, als Maradona im Aztekenstadion Argentinien zum Weltmeister machte, fand in Vancouver die Weltausstellung statt und machte aus einer unscheinbaren Stadt eine beachtete Metropole mit internationaler Einwohnerschaft. Die baulichen Effekte kann man noch heute sehen.Die Science World wurde damals errichtet, der „Canada Place“ neu gestaltet, auch die prächtige Landungsstelle für große Schiffe – die bei der WM in Kanada ebenfalls eine zentrale Rolle einnimmt.Der Sportsender TSN hat gleich daneben sein WM-Studio eingerichtet, das so offen ist, dass man auf dem Vorplatz fast ohne Mikrofon versteht, was besprochen wird. Dort findet ein gemütliches Public Viewing statt, während wechselnde Experten aus aller Welt durch das Turnier führen. Immer am frühen Abend, in der Rubrik „Park the Bus“, darf jeder am Tisch seine gewagteste These präsentieren, ansonsten bekommt man bei TSN viel seriöse Expertise, wenig Gelaber – und nebenbei einen Einblick ins Paradies.Die USA präsentieren sich bei dieser WM mit Hollywood-Stars in den Stadien, die Mexikaner mit ihrer Herzlichkeit. Und Kanada? Spielt sein größtes Kapital aus, die Schönheit seiner Natur. All die Debatten um den Ball, das Geld, die Fifa, die Whitecaps gehen unter, sobald bei TSN in der Halbzeitpause an den Tisch nach Vancouver geschaltet wird. Im Hintergrund sind dann das tiefblaue Meer von Vancouver Harbour zu sehen und die im Sonnenlicht glänzenden Bergketten, wo die Stadtbewohner so viel Zeit wie möglich verbringen.Kanada ist ein Land, das die WM mit etwas Argwohn betrachtet, aber trotzdem seine wunderschöne Bühne zur Verfügung stellt.