Die Dienstzeit des Chefs der Federal Reserve, Kevin Warsh, hat unter schwierigen Umständen begonnen. Daran ist er selbst nicht schuldlos. Präsident Donald Trump versuchte, mit einer Rufmordkampagne gegen Warshs Vorgänger Jerome Powell die Federal Reserve zu einer lockeren Geldpolitik zu zwingen. Warsh lieferte Trump Munition dafür mit herabwürdigenden Stellungnahmen über die Leistungen der Notenbank und einer fragwürdigen Theorie, der zufolge die Künstliche-Intelligenz-Revolution die Inflation dämpft. Trump hat Warsh mit der Führungsrolle in der Fed belohnt, weil er bei ihm größere Bereitschaft vermutet, sich seinen Wünschen unterzuordnen. Darüber muss man sich keine Illusionen machen.Der Druck auf die Fed steigt aber auch wegen einer bisher weniger beachteten Entwicklung: Indem das Finanzministerium immer stärker auf kurz laufende Schulden setzt, macht es den Staatshaushalt zinsempfindlicher. Washingtons Refinanzierungskosten hängen damit stärker denn je an jenem Ende der Zinskurve, das die Fed direkt kontrolliert.Als der legendäre Fed-Chef Paul Volcker die Leitzinsen Anfang der Achtzigerjahre auf bis zu 20 Prozent ansteigen ließ, entsprachen die Staatsschulden rund 30 Prozent des Bruttoinlandprodukts (BIP), und die Regierung erwirtschaftete einen kleinen Primärüberschuss. Heute liegt die Staatsschuldenquote bei 100 Prozent und das jährliche Defizit bei sechs Prozent vom BIP. Die Zinszahlungen übersteigen die Ausgaben für das Pentagon. Es braucht wenig Phantasie, um zu wissen, wem Trump steigende Zinsausgaben anlasten wird: der Fed.Das Anleiheportfolio zu schrumpfen, ist riskantAuch Warshs berechtigter Wunsch, das im Zuge der Politik der quantitativen Lockerung aufgeschichtete Anleiheportfolio deutlich schrumpfen zu lassen, stößt damit auf die harte Schuldenrealität. Jüngere Forschung deutet darauf hin, dass die USA einen Teil ihres Zinsprivilegs eingebüßt haben: Anleger akzeptieren für die Sicherheit von Dollaranlagen nicht mehr denselben Renditeverzicht. Dann wird der Abbau des Fed-Portfolios riskanter – ökonomisch und politisch.Trump greift die Fed aus falschen Gründen an. Das heißt nicht, dass es keine richtigen Gründe für Kritik gäbe. Die Notenbank verfehlt seit fünf Jahren ihr Inflationsziel von zwei Prozent, erfüllt ihre Kernaufgabe also nicht. Daher ist es wünschenswert, dass die US-Notenbank ihre Geldpolitik kritisch durchleuchtet. Warsh hat diesen Ehrgeiz. Er kündigte Arbeitsgruppen für fünf große Themen an: zur Kommunikationsstrategie der Fed, zur Bilanzpolitik, zu den Datenquellen, zur Produktivität und zum Inflationsrahmen der Notenbank. Die Gremien sollen aus internen und externen Fachleuten bestehen und ihre Ergebnisse bis zum Ende des Jahres präsentieren. Das ist überfällig.Warsh will nach eigenen Worten den Ergebnissen nicht vorgreifen, hat aber seine Präferenzen schon klargemacht: Er sieht die Politik der „Forward Guidance“ kritisch, mit der die Fed den Märkten geldpolitische Orientierung gibt. Das Hauptargument gegen Forward Guidance lautet, dass sie nur dann nützt, wenn die Zentralbank die Zukunft einigermaßen gut einschätzen kann. Wenn nicht, produziert sie falsche Sicherheit und Marktverzerrungen. Warshs Skepsis ist deshalb verständlich. Der Verzicht auf Forward Guidance könnte allerdings als Eingeständnis verstanden werden, dass die Notenbanker ihre eigene Unfähigkeit für belastbare Prognosen hinter Intransparenz verstecken wollen. Sinnvoller wäre es, die Fed würde besser in der Deutung von Zinsentwicklungen werden.Die Fed kämpft mit schlechten Daten und KI-UnsicherheitDie Arbeitsgruppen zur Analyse der Datenqualität und zur Wirkung der Produktivität können hier helfen. Sie adressieren echte Herausforderungen: Die offiziellen Inflations- und Arbeitsmarktdaten büßen an Verlässlichkeit ein, weil sie auf Umfragen basieren, bei denen immer weniger Befragte antworten. Eine mögliche Produktivitätsrevolution durch Künstliche Intelligenz (KI) verdient eine präzise Analyse. KI kann deflationär wirken, weil sie Arbeitskosten senkt, Entscheidungen beschleunigt und sich mit geringen Grenzkosten skalieren lässt. Zugleich verlangt der Aufbau der nötigen KI-Infrastruktur gewaltige Investitionen, die die Wirtschaft heißlaufen lassen. Nur weiß man nicht, was wann wie wirkt.Warshs Start hinterlässt ein zwiespältiges Bild. Er hat recht, wenn er die Fed zu mehr Selbstprüfung zwingt. Er hat recht, wenn er die Bilanzpolitik und die Qualität der Daten hinterfragt. Aber er steht unter dem Verdacht, Trump zu bereitwillig entgegenzukommen. Und er scheint große Hoffnungen auf eine KI-getriebene Produktivitätswende zu setzen, deren Wirkung niemand verlässlich beziffern kann. Für einen Fed-Chef ist das eine brisante Mischung.
Neuer Fed-Chef: Kevin Warshs schwieriger Start
Der Fed-Chef lässt die Notenbank zu Recht kritisch prüfen. Doch seine Reformideen leiden unter Trump, Amerikas Schulden und einer gewagten geldpolitischen These.






