Zürich wäre auch ohne multinationale Konzerne erfolgreich, glaubt fast die Hälfte der Bevölkerung – ein populärer Irrtum?Eine Untersuchung zeigt, wie stark lokale KMU von Grossunternehmen profitieren. Und sogar Google legt seine Geschäftsbeziehungen offen.24.06.2026, 05.00 Uhr4 LeseminutenFür die einen ein Symbol für den Erfolg von Zürich, für andere ein Reizthema: eine Zürcher Google-Niederlassung.Christian Beutler / KeystoneZürich und seine multinationalen Grossunternehmen – Beziehungsstatus: It’s complicated.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Das hat sich jüngst wieder gezeigt, als der Verdacht aufkam, die Zürcher Kantonsregierung lasse sich «von multinationalen Konzernen vor den Karren spannen». Geäussert haben ihn Anfang Jahr im Parlament Vertreter linker Parteien, weil sich Volkswirtschaftsdirektorin Carmen Walker-Späh (FDP) in Bern gegen eine strenge KI-Regulierung eingesetzt hatte. Und weil sie zugleich regelmässigen Austausch mit den hier angesiedelten Tech-Konzernen Google und Meta pflegt.In linken Kreisen stehen solche Unternehmen im Ruf, nur «dicke Gewinne» einstreichen zu wollen, ohne dass die lokale Wirtschaft profitiere. Die Zürcher SP-Nationalrätin und Wirtschaftsexpertin Jacqueline Badran sagte es in einem Interview mit der «NZZ am Sonntag» so: «Google vergibt keine Aufträge nach aussen, niemand profitiert davon. Dafür wirbt die Firma die besten Schweizer Fachkräfte ab.»Diese Skepsis gegenüber multinationalen Grossunternehmen reicht aber über jenes linke Milieu hinaus, das sie offen artikuliert.In einer repräsentativen Bevölkerungsbefragung im Auftrag der Volkswirtschaftsdirektion und der Handelskammer, deren Ergebnisse Anfang Jahr publiziert worden sind, vertraten 44 Prozent die Überzeugung: «Die Zürcher Wirtschaft wäre auch ohne grosse internationale Unternehmen erfolgreich.» Zum Vergleich: Der Wähleranteil der linken Parteien liegt im Kanton nur bei etwa einem Drittel.Mehr als die Hälfte sagte in der Befragung, sie fühle sich wegen der zunehmenden Internationalisierung in Zürich manchmal fremd. Über zwei Drittel fanden, die Zürcher Wirtschaft ziehe zu viele ausländische Arbeitskräfte an.Als Reaktion auf solche Befunde haben Fachleute der Zürcher Volkswirtschaftsdirektion am Dienstag einen Bericht veröffentlicht, der die lokale Verflechtung multinationaler Unternehmen untersucht. Er soll aufzeigen, ob Zürich wirklich auf diese sogenannten Multis verzichten könnte, weil die Beziehung mehr ein Geben als ein Nehmen ist.42 Prozent Zürcher Zulieferer auch bei GrossbetriebenDazu sind über 500 Zürcher Unternehmen dazu befragt worden, von welchen Anbietern sie Güter und Dienstleistungen beziehen und wer umgekehrt die Abnehmer ihrer Produkte sind. 70 der rund 600 Zürcher Grossunternehmen mit über 250 Angestellten haben geantwortet.Die Verfasser des Berichts sehen sich durch die Ergebnisse in der Annahme bestärkt, dass das Gewicht grosser internationaler Firmen in der Bevölkerung unterschätzt wird. Das liege wahrscheinlich daran, dass sie im Alltag weniger präsent seien als die KMU, die 99 Prozent aller Unternehmen ausmachen. Zudem pflegen kleinere Firmen ein lokaleres Lieferantennetzwerk als grosse. So ergeben sich mehr Kontakte.Laut dem Bericht verfügen aber auch die Grossunternehmen im Durchschnitt über mehr als 300 Zulieferer, die Hälfte davon Klein- und Kleinstbetriebe. 42 Prozent sind in Zürich zu Hause, weitere 27 Prozent in anderen Kantonen.Im Bericht wird das Fazit gezogen, dass auch international tätige Grossunternehmen – also die umstrittenen Multis – einen grossen Teil ihrer Güter und Dienstleistungen regional beziehen. Aus der Erhebung lässt sich dies nicht direkt ablesen, da keine separaten Zahlen ausgewiesen werden. Weder für Multis mit Schweizer Hauptsitz noch für ausländische wie Google.Die Verfasser begründen ihre Schlussfolgerung damit, dass fast alle 600 Zürcher Grossunternehmen multinational tätig seien und knapp die Hälfte den Sitz im Ausland habe. Wenn diese nicht ebenfalls mit vielen regionalen Zulieferern arbeiten würden, kämen die hohen Werte nicht zustande.Als positive Beispiele herhalten müssen im Bericht aber andere Grossunternehmen. Etwa die Swiss Re, die Zulieferbeziehungen mit über 500 Zürcher Betrieben ausweist – bis hin zum lokalen Blumengeschäft. Die zweitgrösste Rückversicherung der Welt ist zwar zweifellos ein Multi, aber einer mit Hauptsitz in Zürich, seit 150 Jahren hier verwurzelt.Ähnliches gilt für das zweite Beispiel, den Industriebetrieb Everllence (ehemals MAN Energy Solutions). Dieser arbeitet mit zwanzig lokalen Zulieferern, er bezieht etwa Motoren der Gebrüder Meier AG aus Regensdorf. Everllence ist zwar heute Teil des VW-Konzerns, geht aber zurück auf die über 200-jährige Zürcher Tradition von Escher Wyss.Mit welchen lokalen Anbietern Google zusammenarbeitetOb sich die verbreiteten Zweifel an der Bedeutung internationaler Grossunternehmen tatsächlich gegen traditionsreiche Schweizer Multis wie die UBS oder die Migros richten, scheint aufgrund ihrer Präsenz im Zürcher Alltag fraglich. Und ob auch für Google angenommen werden kann, was für lokal verankerte Firmen gilt, bleibt im Bericht offen.Erst auf Nachfrage legt Google offen, wie das Unternehmen in Zürich mit lokalen Anbietern verbunden ist. So würden etwa die zehn Google-Kantinen von der Compass Group Schweiz geführt, dem in Kloten beheimateten Ableger eines britischen Unternehmens. Die Lebensmittel stammten ausschliesslich von lokalen und regionalen Anbietern.Um die Gebäude wiederum kümmere sich der Schweizer Ableger von CBRE, einer amerikanischen Firma. Dieser setze bei Aufgaben wie der Reinigung auf lokale Subunternehmer. Bei der Gestaltung der Google-Räumlichkeiten seien lokale Architekturbüros zum Zug gekommen.Der Bericht aus der Volkswirtschaftsdirektion enthält mehrheitlich generelle Aussagen zur Gesamtheit der Grossunternehmen, nicht zu den ausländischen Multis. Man erfährt, dass 42 Prozent der Wertschöpfung auf Grossunternehmen zurückgehen. Dass diese 51 Prozent aller Unternehmensgewinnsteuern zahlen. Und dass ihre Zahl im Kanton Zürich von 2014 bis 2023 um 14 Prozent gestiegen ist.Spezifisches Zahlenmaterial gibt es nur zum Thema Arbeitsplätze. Multinationale Grossunternehmen mit Hauptsitz im Ausland stellen im Kanton Zürich rund 85 000 Vollzeitstellen, das ist etwa jede achte Stelle. Zählt man die grossen Schweizer Multis dazu, ist es sogar fast jede dritte. So oder so sind das keine Grössen, auf die der Kanton ohne weiteres verzichten könnte.Zu Google erfährt man in diesem Kontext dann auch noch etwas Konkretes: Ehemalige Angestellte des Konzerns hätten in Zürich über 210 Firmen gegründet und so zur Schaffung von 2600 Arbeitsplätzen beigetragen.Passend zum Artikel