Microsoft ist das Sinnbild einer gefährlichen Abhängigkeit von amerikanischer Technologie. Das schadet dem Unternehmen kein bisschenAusgerechnet die Debatte um digitale Souveränität befeuert das Wachstum von 4500 Firmen, die in der Schweiz Microsoft-Produkte verkaufen und implementieren.Reto Vogt05.07.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenIllustration Dario Veréb / NZZaSAuf dem politischen Parkett weht ein rauer Wind für amerikanische Tech-Giganten. Microsoft als dominanter Anbieter im Büroumfeld steht dabei im Zentrum der Debatte um digitale Souveränität. In der Bundesverwaltung und im Kanton Zürich werden mit grosser medialer Aufmerksamkeit Alternativen geprüft.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die Befürchtung: eine strukturelle Abhängigkeit von ausländischen IT-Anbietern, die im Alltag kaum sichtbar ist, aber im Ernstfall, etwa bei einem erzwungenen Datenzugriff durch amerikanische Behörden, weitreichende Konsequenzen hätte. Finanzielle Konsequenzen für Microsoft und das Umfeld des Unternehmens sind indes nicht in Sicht, im Gegenteil.Laut dem Marktforschungsunternehmen MSM Research stiegen die Cloud-Ausgaben in der Schweiz 2025 um fast 15 Prozent. Und laut Prognosen von Statista dürfte sich dieses Wachstum fortsetzen: Bis 2029 könnte sich der Umsatz im Cloud-Markt in der Schweiz mehr als verdoppeln und die Grenze von 20 Milliarden Franken überschreiten. Trotz der Souveränitätsdebatte brummt das Geschäft der amerikanischen Cloud-Dienstleister – neben Microsoft sind das auch AWS und Google.Davon profitiert auch das Partnernetzwerk der Unternehmen, wobei Microsoft aufgrund seiner langjährigen Marktpräsenz in der Schweiz das grösste aufweist. Laut dem Konzern sind es über 4500 Unternehmen in der Schweiz, die Microsoft-Produkte verkaufen oder implementieren.Grosser Mehrwert für Schweizer Microsoft-Partner«Unser Schweizer Partner-Ökosystem spielt eine zentrale Rolle», sagt Andrew Reid, der Global Partner Solutions Director bei Microsoft Schweiz, zur «NZZ am Sonntag». Deshalb soll es sich für die Unternehmen auch lohnen: Für jeden Franken, den Microsoft verdient, generiert das Partner-Ökosystem über 8 Franken Mehrwert, so steht es zumindest auf der Website des Konzerns. Wie belastbar diese Zahl ist, lässt sich von aussen kaum prüfen.Für diese Recherche haben fünf der grössten Schweizer Microsoft-Partner Stellung genommen: Avanade, Bechtle, Isolutions, Software One und Swisscom. Keiner der befragten Partner wollte die 8-Franken-Zahl bestätigen. Avanade sagt, man könne sie «nicht unabhängig bewerten», Isolutions will sie «nicht beurteilen», Swisscom macht zu Finanzzahlen generell keine Aussagen, und Bechtle liess die Frage unbeantwortet. Die Zahl bleibt das, was sie ist: eine Marketingaussage.Was sich fundamental verändert habe, sei der Weg zum Vertragsabschluss. Wegen der Debatte um digitale Souveränität würden Unternehmen vorsichtiger agieren, genauer hinterfragen, wer ihre Daten kontrolliert, Exit-Szenarien verlangen und die rechtlichen Bedingungen für potenzielle Datenzugriffe prüfen.«Kunden wollen heute zuerst über Sicherheit, Compliance und Risiken sprechen, bevor es um die Technik geht. Früher war es oft umgekehrt», sagt der Avanade-Schweiz-Chef Andreas Schindler stellvertretend für alle Partnerunternehmen.Souveränität als BeratungsfeldDiese neue Komplexität vermiest den Unternehmen das Geschäft nicht. Im Gegenteil: Davon profitieren sie. «Mit dem reinen Verkauf von Lizenzen verdient heute kaum noch jemand etwas», sagt Schindler. Die Marge hänge nicht mehr am Lizenzpreis.Das bestätigt auch Nicolas Durville, der CEO von Isolutions: Der grösste Teil der Wertschöpfung entstehe heute durch Beratung, Integration und den laufenden Betrieb. Patrick Kägi, zuständig für Deutschland, Österreich und die Schweiz bei Software One, beobachtet zum Teil eine Verschiebung von der reinen Technik- und Migrationsfrage hin zur anspruchsvollen Architektur-, Compliance- und Governance-Beratung.Die digitale Souveränität ist in der Schweiz deshalb vom politischen Schlagwort zu einem eigenständigen Beratungsfeld herangewachsen. Die Partner agieren so zunehmend als Risikomanager ihrer Kunden. Die Frage laute in der Praxis selten «Microsoft: ja oder nein?», sondern vielmehr «Microsoft: unter welchen Bedingungen?».Um den Einsatz der amerikanischen Software rechtfertigen zu können, entwerfen die Partner komplexe Sicherheitsarchitekturen. Die rechtliche Verantwortung bleibt dabei beim Kunden; die Partner haften für ihre Beratungsleistung, nicht für das Produkt eines Dritten.Neue Angebote sind unter anderem Verschlüsselungen, bei denen der Kunde den Schlüssel selbst behält, strenge Datenklassifizierungen und hybride Betriebsmodelle, mit denen sich Microsoft-Dienste im eigenen, lokalen Rechenzentrum des Kunden betreiben lassen.Zwei Lager, eine FrageDoch nicht alle Unternehmen reagieren gleich auf den veränderten Markt. Es zeichnen sich zwei Strategien ab, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Die eine Gruppe löst die Souveränitätsfrage konsequent innerhalb des Microsoft-Kosmos.Avanade macht daraus kein Geheimnis: «Microsoft ist unsere DNA», sagt Marc Wiegand, der Group Manager Cloud and Digital beim Anbieter. Souveränität entscheide sich nicht am Standort des Servers. Entscheidend sei, wer Datenzugriffe, Identitäten und Verschlüsselung steuere.Isolutions positioniert sich aber etwas offener: Das Unternehmen ist Mitglied im Netzwerk Souveräne Digitale Schweiz und prüft sein Portfolio nach eigenen Angaben laufend. Strategisch bleibt es jedoch Microsoft-fokussiert. Der CEO Durville sagt: «Für uns bleibt Microsoft der strategische Partner.»Die andere Gruppe setzt auf bewusste Herstellerunabhängigkeit. Thomas Wettstein, der Head of Business and IT Solutions bei Swisscom B2B, stellt fest: Wer als Partner exklusiv auf Microsoft setze, könne unter einem anhaltenden Souveränitätstrend ein «relevantes Geschäftsrisiko» entwickeln.Swisscom sei bereits ersten Ausschreibungen bei Behörden begegnet, bei denen amerikanische Anbieter es schwer hätten, eine konkrete Lösung zu präsentieren. Einen pauschalen Ausschluss amerikanischer Anbieter erwarten die befragten Partner allerdings nicht, das sei «aus vergaberechtlicher Sicht anspruchsvoll», sagt Durville von Isolutions.Der Trend gehe vielmehr zu risikobasierten Anforderungen, bei denen Anbieter ihre technische und rechtliche Unabhängigkeit transparent nachweisen müssten. Und die Preispolitik von Microsoft verstärkt den Druck zusätzlich: Der Avanade-Chef Schindler sagt, Preiserhöhungen träfen sein Unternehmen nur begrenzt, weil das Geschäftsmodell auf Beratung basiere. Was es für einen reinen Wiederverkäufer bedeute, könne er nicht beurteilen.Der Isolutions-CEO Durville sieht darin sogar eine Chance: Preissteigerungen erhöhten den Druck auf die Wirtschaftlichkeit und lösten bei Kunden «zusätzliche Nachfrage nach Optimierung, Transparenz und strategischer Beratung» aus. Der Swisscom-Mann Wettstein sagt, Microsoft schwäche damit «die Wettbewerbsposition gegenüber preissensitiven Kunden» und mache günstigere Alternativen attraktiver.Wertvoller durch DruckSwisscom bietet deshalb neben Microsoft-Lösungen auch eigene souveräne Alternativen an. Patrick Kägi von Software One formuliert es ähnlich: «Wir sind ein starker Microsoft-Partner und zugleich ein herstellerunabhängiger Berater.» Man berate auch dann, wenn die Antwort einmal nicht oder nicht nur Microsoft heisse.Auch Bechtle hat die Herstellerunabhängigkeit bereits vor der gegenwärtigen Souveränitätsdebatte ins Portfolio eingebaut: Seit 2023 hat das Unternehmen laut eigenen Angaben Open-Source-Produkte im Portfolio. Digitale Souveränität sei «kein eigenes Geschäftsfeld und auch kein Marketingbegriff, sondern ein Leitprinzip», sagt Martin Kull, Bechtles Schweiz-Chef.Ist die Microsoft-Dominanz eine Chance oder ein Risiko? Es kommt, wie so oft, darauf an. Auch darauf, wen man fragt. Wirklich geschadet hat die politische Forderung nach Unabhängigkeit Microsoft nicht. Das Geschäft mit Produkten des Konzerns ist sogar wertvoller geworden. Der Grund dafür ist simpel: Nur wenige steigen wirklich aus dem Microsoft-Universum aus.Stattdessen beauftragen Behörden und Unternehmen Partner, um die Abhängigkeit mindestens einigermassen beherrschbar zu machen. Das ist aufwendig. Und dieser Aufwand ist das Geschäftsmodell der Microsoft-Partner.«Die steigende Nachfrage nach KI-Lösungen schafft neue Geschäftsmöglichkeiten, die unsere Partner direkt beim Kunden in konkrete Anwendungsfälle überführen», sagt Andrew Reid, der Global Partner Solutions Director bei Microsoft Schweiz.Je lauter der Ruf nach Unabhängigkeit, desto unentbehrlicher werden die Schweizer Partner, die Microsoft verkaufen, implementieren und absichern. Die Debatte hat den Markt nicht kaputtgemacht. Sie hat ihn umgebaut. Das Microsoft-Imperium wächst weiter.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel
Microsoft und Co.: Warum die Forderung nach digitaler Souveränität ihnen nicht schadet
Ausgerechnet die Debatte um digitale Souveränität befeuert das Wachstum von 4500 Firmen, die in der Schweiz Microsoft-Produkte verkaufen und implementieren.










