PfadnavigationHomeThemenspecialSicherheit | ThemenspecialDigitale SouveränitätDie gefährliche Schwachstelle der deutschen IndustrieVeröffentlicht am 03.11.2025Lesedauer: 4 MinutenOhne Digitalimporte geht in der deutschen Wirtschaft fast nichts mehrQuelle: picture alliance/dpa/Sebastian KahnertFast jedes Unternehmen in Deutschland fordert mehr Unabhängigkeit von den USA beim Import digitaler Technologien und Leistungen, zeigt eine Bitkom-Umfrage. Bei der Überlebensfähigkeit ohne diese Importe erreicht die deutsche Wirtschaft einen neuen gefährlichen Tiefpunkt.Die nächste US-Präsidentschaft unter Donald Trump bringt große Unruhe in die deutsche Wirtschaft. Jedes zweite Unternehmen geht davon aus, seine Lieferketten durch den Wahlsieg von Trump voraussichtlich ändern zu müssen. 56 Prozent müssen nach eigenen Angaben sogar ihre Geschäftsstrategie entsprechend anpassen. Das ist das Ergebnis einer repräsentativen Befragung unter mehr als 600 Unternehmen aller Branchen in Deutschland ab 20 Mitarbeitern, die im Auftrag des Digitalverbands Bitkom durchgeführt wurde.Mit 95 Prozent fordert fast jedes Unternehmen, dass sich Deutschland unabhängiger von den USA machen müsse. „Donald Trump wird am Montag erneut Präsident der Vereinigten Staaten – das ist eine Herausforderung für Deutschland und Europa“, sagte Bitkom-Präsident Ralf Wintergerst. „Zwar werden die USA einer unserer wichtigsten Partner bleiben, dennoch müssen wir uns ab sofort stärker, resilienter und chancenorientierter aufstellen und technologisch wie wirtschaftlich unabhängiger werden.“ Die neue Bundesregierung müsse die Wirtschaft wieder in den Mittelpunkt der Politik stellen und digitale Souveränität zum Top-Thema machen.Bei digitalen Technologien führt heute kaum ein Weg an die USA vorbei. Acht von zehn Unternehmen sehen sich daher auch abhängig vom Import dieser Technologien aus den USA. Fast 90 Prozent von ihnen importieren digitale Geräte und Services aus den Vereinigten Staaten. Nur sechs von zehn Unternehmen exportieren auch digitale Güter und Dienstleistungen dorthin. Trump hat schon im Vorfeld seiner Präsidentschaft höhere Zölle angekündigt. Beobachter gehen daher von einem Erstarken des Protektionismus aus. Zudem dürften die USA unter dem nächsten US-Präsidenten China noch stärker isolieren als bisher. Das hat auch Auswirkungen auf die deutsche Wirtschaft, die in und mit China Geschäft macht. Denn acht von zehn Unternehmen in Deutschland sehen sich beim Import digitaler Technologien und Leistungen auch von China abhängig. Die Forderung, nach weniger technologischer Abhängigkeit gibt es seit vielen Jahren. Politiker, aber auch der Bitkom, mahnt sie immer wieder an. Doch bislang ohne Erfolg. Sogar das Gegenteil tritt ein. Die Abhängigkeit wird nach eigener Einschätzung der Unternehmen immer größer. So sehen sich derzeit nur noch drei Prozent aller Unternehmen in der Lage, länger als zwei Jahre ohne Digitalimporte durchzuhalten. Vor einem Jahr sagten das noch sieben Prozent der Unternehmen. Jedes sechste Unternehmen würde nach eigenen Angaben sogar nur ein halbes Jahr durchhalten. Ganz ohne den Import digitaler Technologien und Leistungen kommt der Umfrage zufolge mit 96 Prozent fast kein Unternehmen aus. Die Einkaufsliste wird mit 90 Prozent von Endgeräten wie Smartphones und Notebooks angeführt. Doch auch Software-Anwendungen beziehen drei Viertel der Unternehmen aus dem Ausland, fast genauso viel wie Cybersicherheits-Anwendungen wie Firewalls. Digitale Bauteile wie Halbleiter oder Sensoren werden von fast 70 Prozent importiert. Und immerhin jedes zweite Unternehmen bezieht digitale Dienstleistungen, darunter IT-Beratung oder Programmierdienste, aus dem Ausland. „Wir müssen digital unabhängiger werden, um nicht erpressbar zu sein“, sagte Bitkom-Präsident Wintergerst. Die wichtigsten Importländer für digitale Technologien und Leistungen sind die USA und EU-Staaten, die gleichauf liegen. Doch dann folgt schon China, wo knapp 80 Prozent der Firmen ihre Bestellungen aufgeben. In Russland kauft – nicht zuletzt wegen der Sanktionen – heute nach eigenen Angaben kein Unternehmen mehr ein. „In der digitalen Wirtschaft spielt Russland keine Rolle mehr, das Vertrauen in Russland ist nachhaltig zerstört“, sagte Wintergerst. Zwar hat sich die Abhängigkeit der deutschen Wirtschaft in den vergangenen Jahren nicht verringert. Doch untätig sind die Unternehmen nach eigenen Angaben nicht geblieben. Sechs von zehn Firmen haben der Umfrage zufolge ihre Lieferanten diversifiziert, sodass sie nicht nur von einem Handelspartner abhängig sind. Genauso viele behaupten, aufgrund politischer Entwicklungen ihre Geschäftsbeziehungen in bestimmte Länder stark reduziert zu haben. Doch das Ausweichen auf andere Lieferanten hat Grenzen. Fast 60 Prozent der Unternehmen geben an, zu einzelnen Geschäftspartnern im Ausland schlichtweg keine Alternative zu haben. Mehr als vier von zehn Unternehmen haben auch ihre Lagerbestände vergrößert, sodass sie vorübergehend Schwierigkeiten in der Lieferkette überstehen könnten. Nur etwa jedes achte Unternehmen hat angegeben, keinerlei Maßnahmen getroffen zu haben. Thomas Heuzeroth ist Wirtschaftsredakteur in Berlin. Er berichtet über Verbraucher- und Technologiethemen, Unterhaltungselektronik und Telekommunikation.