Die Schweiz ist absurd erfolgreich – das ist aber kein NaturgesetzStefan Legge blickt in seiner ersten Kolumne auf den wirtschaftlichen Erfolg der Schweiz, wo dieser herkommt und wie er für die Zukunft gesichert werden kann.Stefan Legge23.08.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenWo der Wohlstand wirklich entsteht: Hochspezialisierte Arbeitsplätze in der Basler Pharmaforschung erwirtschaften pro Vollzeitstelle oft mehr als 500'000 Franken Umsatz im Jahr.Georgios Kefalas / KeystoneNicht jedes Vorurteil ist falsch. Die meisten Menschen weltweit haben die Schweiz nie besucht, geschweige denn analysiert. Sie geniesst dennoch einen hervorragenden Ruf und gilt als reiches Land. Das lässt sich mit Daten belegen. Ökonomen messen den Erfolg eines Landes üblicherweise am Bruttoinlandprodukt (BIP) pro Kopf – der durchschnittlichen Pro-Kopf-Wertschöpfung. Mit sagenhaften 126 000 Dollar im Jahr 2026 steht die Schweiz weltweit ganz vorne – wenn wir von Kleinstaaten wie Luxemburg absehen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Zwar heben Pendler diesen Wert und der Median-Haushalt lebt etwas weniger fürstlich, doch nüchtern betrachtet bleibt die Schweiz äusserst erfolgreich. Ihr BIP pro Kopf ist ein Drittel höher als jenes der USA, fast doppelt so hoch wie jenes Deutschlands und mehr als dreimal so hoch wie die japanische Wirtschaftsleistung. Und das sind keine abstrakten Zahlen: Wer in Genf nur wenig mehr als den Mindestlohn verdient, fiele in Deutschland mit demselben Bruttoeinkommen schon unter den Spitzensteuersatz.Unternehmen mit enormer WertschöpfungWie ist dieser Erfolg möglich? Hier stehen sich zwei Narrative gegenüber. Im Ausland hört man ein Sammelsurium von Erklärungen – gern mit Verweis auf Bankgeheimnis und Steueroase. In der Schweiz selbst bleiben sie oft ebenso oberflächlich. Man verweist auf den Fleiss, aber nimmt den Wohlstand weitgehend als selbstverständlich hin.Die Unwissenheit im Ausland sei entschuldigt. Doch als Schweizer sollte man besser wissen, woher der Wohlstand stammt. Die gute Nachricht: Das ist leicht erklärt. Ökonomisch sehen wir eine sehr hohe Wertschöpfung pro Kopf. Betrachten wir dazu eine Mitarbeiterin eines Basler Pharmakonzerns. Sie verdient 120 000 Franken brutto im Jahr und kostet das Unternehmen damit gut 150 000 Franken. Die Firma bietet den Arbeitsplatz nur an, wenn die Mitarbeiterin mehr Wert schafft, als sie kostet – samt Kapital, Sozialabgaben, Gemeinkosten und Gewinn. Dass das gelingt, zeigen die beiden Basler Pharmariesen: Der Umsatz lag zuletzt bei über 500 000 Franken, der Reingewinn über 150 000 Franken – pro Vollzeitstelle.Schwergewicht in EuropaNur wenn Unternehmen pro Mitarbeiter sechsstellige Beträge erwirtschaften, können sie ebensolche Gehälter zahlen. Verlagert der Konzern Stellen ins Ausland, müsste die Mitarbeiterin einen neuen Job finden – und könnte nur bei einem ähnlichen Arbeitgeber erneut sechsstellig verdienen. Der Erfolg der Schweiz hängt somit von den herausragenden Unternehmen ab.Das hohe BIP pro Kopf gründet in der enormen Dichte an Top-Unternehmen. Zu den vielen börsenkotierten Firmen kommen zahlreiche exzellente Familienunternehmen und Hidden Champions. Auch hier sind die Zahlen eindrücklich: Die acht wertvollsten Unternehmen sind im Schnitt 200 Milliarden Dollar wert – das weit grössere Deutschland hat nur zwei Firmen mit einer solchen Marktkapitalisierung, die gesamte EU neun. Bemerkenswert ist zudem die industrielle Breite: Allein unter den Top 15 finden sich Pharma, Lebensmittel, Elektrotechnik, Finanzwesen, Luxusgüter, Rohstoffhandel und Halbleiter. Das Klischee, dass die Schweiz nur Banken hätte, stimmt überhaupt nicht.Die Quelle des Wohlstands ist somit ermittelt: Die Schweiz ist reich, weil sie eine hohe Dichte an weltweit erfolgreichen, innovativen Firmen besitzt. Doch warum sind diese hier? Wegen der sehr guten Rahmenbedingungen: qualifizierte Fachkräfte, hochwertige Infrastruktur, ein stabiles politisches Umfeld, effiziente Regulierung, attraktive Steuern, günstige und verlässliche Energie sowie Zugang zu den Weltmärkten.Zuletzt stagnierte die WirtschaftsleistungKurzum, hohe Löhne sind nur dort möglich, wo pro Kopf hohe Wertschöpfung entsteht – und die Schweiz erreicht sie, weil eine beachtliche Dichte innovativer Weltmarktführer hier produziert, angezogen von erstklassigen Rahmenbedingungen. Wem der Schweizer Wohlstand am Herzen liegt, muss sich um diese Rahmenbedingungen kümmern. Leider ist uns das zuletzt nicht gut gelungen. Das BIP pro Kopf stagniert im vierten Jahr in Folge. Der Kuchen wächst zwar, aber nur so schnell wie die Bevölkerung. So bekommt jemand nur dann ein grösseres Stück, wenn andere weniger erhalten. Viele in der reichen Schweiz wurden zuletzt ärmer. Das schürt Unzufriedenheit und stärkt die politischen Ränder.Die Politik ist somit aufgefordert, die Quellen des Wohlstands wieder zu stärken. In Bildung, Energie, Infrastruktur, Handel, Steuern oder Zuwanderung müssen ökonomische Argumente wieder mehr Gewicht erhalten. Wer so reich ist wie die Schweiz, hat viel zu verlieren. Unser Wohlstand ist kein Naturgesetz: Japan stand im Jahr 2000 noch weltweit auf Platz 2 des BIP-pro-Kopf-Rankings – heute liegt das Land auf Platz 40. Auch Deutschland zeigt seit Jahren, wie ein erfolgreiches Land zurückfallen kann. Die Schweiz ist also gewarnt – und hat zugleich alles, um weiter so erfolgreich zu bleiben, dass sich unser Vorurteil bestätigt.Stefan Legge ist Titularprofessor, Direktor des MBA-Programms sowie des Instituts für Law & Economics der Universität St. Gallen (HSG).Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel