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RWE übernimmt Amprion: Warum wettet CEO Markus Krebber aufs Netz? Die Gelegenheit günstig, die Einnahmen sicher. Doch der entscheidende Grund für RWEs Übernahme des Übertragungsnetzbetreibers Amprion dürfte ein anderer sein.

Florian Güßgen 23.06.2026 - 16:38 Uhr Jetzt auch im Stromnetz aktiv: RWE-Chef Markus Krebber Foto: Rolf Vennenbernd/dpaHallo? War da nicht was? Gehörte Amprion, der Übertragungsnetzbetreiber, früher nicht schon mal zu RWE? Und hat es vor ein paar Jahren nicht eine große Liberalisierungsoffensive auf dem Energiemarkt gegeben, eine Trennung von Erzeugung und Netzen?Ja, hat es. Ganz weg aber waren sie nie, die integrierten Konzerne. EnBW etwa, vereint unter seinem Dach Erzeugung, also Kraftwerke, aber auch Übertragungsnetz, die „Stromautobahnen“, und Verteilnetz, die Netze vor Ort.Und RWE, Deutschlands größter Stromerzeuger, steigt nun tatsächlich wieder in das Geschäft mit dem Netz ein – und übernimmt die Mehrheit, mittelbar 55 Prozent, an Amprion mit Sitz in Dortmund. Das hat der Essener Konzern am Montagabend mitgeteilt.Die Konstruktion ist etwas kompliziert. Seinen bisherigen Anteil an Amprion von 25,1 Prozent hat RWE im vergangenen Jahr in ein Gemeinschaftsunternehmen mit dem US-Investor Apollo Global Management eingebracht. Dadurch hält RWE selbst de facto 20 Prozent. Das Konsortium M31 hält 74,9 Prozent. Zwei Konsorten kauft RWE-Chef Krebber jetzt für 3,6 Milliarden Euro Anteile ab, wodurch RWE weitere 35 Prozent an Amprion zufließen.Im Ergebnis verfügt RWE so über eine Mehrheitsbeteiligung von 55 Prozent. Finanziert wird das durch eine Kapitalerhöhung. Der katarische Staatsfonds Qatar Investment Authority (QIA) sowie der norwegische Staatsfonds Norges erwerben hier Aktien von RWE im Wert von insgesamt rund einer Milliarde Euro, Preis: 54 Euro pro Aktie.Erneuerbare, Gaskraftwerke, NetzeDamit wird eine bemerkenswerte Rolle rückwärts also Realität. Offenbar ist CEO Krebber nun doch davon überzeugt, dass sich mit dem regulierten Netzgeschäft trotz hohem Investitionsbedarf eine sichere Renditebasis schaffen lässt. Das werde, sagt er, zur „dritten Säule“ von RWE neben der Erzeugung erneuerbarer Energien und der „flexiblen Erzeugung“, ergo: Gaskraftwerke.In erneuerbare Energie investiert RWE seit 2021 im Rahmen der Strategie „Growing Green“ massiv – auch in Großbritannien und in den USA. In Gaskraftwerke will Krebber in Deutschland investieren, sobald die Bundesregierung die Ausschreibungen dafür auf den Weg bringt. Gaskraftwerke sollen hier vor allem in Phasen von Dunkelflauten einspringen, also dann, wenn Wind- und Sonnenkraft keinen Strom liefern.Für die Märkte kam der strategische Schwenk von RWE hin zum Netz am Montag nicht mehr überraschend. Schließlich wird bereits seit Wochen von entsprechenden Aufstockungsplänen berichtet. Dennoch markiert er eine Kehrtwende. Noch im vergangenen Jahr hatte sich Krebber skeptisch geäußert, dass er Geld in den Ausbau der Stromnetze stecken wolle. Aber einmal mehr hat sich der CEO flexibel und im unternehmerischen Sinn opportunistisch gezeigt.Ist das Trump-Risiko zu hoch?In den vergangenen Jahren war Krebber zum Teil massiv dafür kritisiert worden, dass er zu viel Geld in den Ausbau der Erneuerbaren stecke, aber keine Aktien zurückkaufe, um den Kurs in die Höhe zu treiben. Der Kurs verbesserte sich kaum. Wohl auch auf Druck des aktivistischen US-Hedgefonds Elliott stimmte Krebber 2024 einem Aktienrückkaufprogramm zu, das in den vergangenen Tagen abgeschlossen worden ist. Dafür stutzte und streckte er das Investitionsprogramm. Es war ein Signal, dass er vor allem angesichts der Wankelmütigkeit von US-Präsident Donald Trump bereit sei, eine Weile auf Sicht zu fahren – und auf die Kritik des Kapitalmarkts zu hören.RWE-Hauptversammlung Geht die Wette aufs grüne Wunderland USA auf? Trump reitet einen Angriff nach dem anderen gegen Windräder? Egal. RWE-Chef Krebber setzt weiter auf massive Investitionen in den USA – und stößt auf Zweifel. von Florian GüßgenWenig später aber, und das klingt zunächst ein wenig widersprüchlich, kündigte Krebber massive zusätzliche Investitionen in den USA an, 17 Milliarden Euro bis 2031, fast die Hälfte der Gesamtinvestitionen in Höhe von 35 Milliarden Euro – vor allem für Wind- und Solarparks, aber auch für Gaskraftwerke, sogenannte „Peaker“, die in Phasen von Dunkelflauten einspringen können. Krebbers Kernargument lautet: Vor allem der KI-Boom sorgt in den USA für einen Stromhunger, der nur auch mit Erneuerbaren gestillt werden kann. Nicht einmal US-Präsident Donald Trump, so die Wette, kann mit seinem Widerstand gegen alles Grüne die Welle der Erneuerbaren stoppen. Jedes Elektron wird gebraucht. Auch das trieb den Aktienkurs im Verlauf des vergangenen Jahres auf Werte von knapp 60 Euro. Allerdings musste sich Krebber hier bei der RWE-Hauptversammlung im April auch einiger Kritik und Zweifeln stellen. Die Frage lautete: Sind diese Investitionen angesichts der Unberechenbarkeit der Trump-Regierung nicht zu riskant?Krebber hält stets dagegen, dass sein Portfolio breit gestreut und daher krisenfest sei. Erneuerbare, Gaskraftwerke, all das vor allem in Deutschland, Großbritannien und den USA. Das sei doch alles robust. Trotzdem stärkt ihn die Amprion-Übernahme in doppelter Hinsicht.Zwei Punkte sprechen für die EntscheidungZum einen schafft er ein weiteres solides Gegengewicht zum Risiko USA. Das Amprion-Geschäft scheint zudem tatsächlich eine einmalige Gelegenheit zu sein, sehr sicheres Geschäft zu erwerben. Der Multiple auf die regulierte Vermögensbasis (Regulated Asset Base, RAB) ist mit 1,07 jedenfalls einen Tick geringer als bei einer vergleichbaren Transaktion bei Tennet im vergangenen Jahr mit 1,09. Der RWE-Aktienkurs ist so gut, dass eine Kapitalerhöhung leichter möglich ist. Für das Ergebnis stellt Krebber in Aussicht, dass Amprion 2031 etwa 930 Millionen Euro beitragen wird, zum Ergebnis pro Aktie 2027 dann 2 Cent, 2031 aber schon 15 Cent. Ein Goldman-Sachs-Analyst hatte eine höhere Amprion-Beteiligung schon vor der Bekanntgabe der Entscheidung am Montag als „Game Changer“ bezeichnet, als Wendepunkt.Operativ werde sich bei Amprion nichts ändern, so Krebber. Die Marke soll bleiben, das Management auch. Wettbewerbsrechtlich steht eine Zustimmung des Bundeskartellamts zwar noch aus. Aber die Entflechtungsvorgaben, so Krebber, bezögen sich stets darauf, dass ein diskriminierungsfreier Zugang zum Netz gewährleistet sein müsse, dass also der Eigentümer nicht bevorzugt werden darf. Bei den Eigentümerstrukturen seien die Vorgaben nicht vergleichbar scharf. Soll heißen: Wir dürfen übernehmen. Es gibt kein Problem.Und es stimmt: Der weitere Ausbau auch des Übertragungsnetzes ist ein zentrales Element der Energiewende. Und kaum ein Gesetz, kaum eine Regierung, wird die Welle der Elektrifizierung endgültig ausbremsen können. Bei Transnet BW, bei 50Hertz, aber vor allem auch bei Tennet ist der Bund eingestiegen. Amprion ist der einzige Übertragungsnetzbetreiber, der noch ohne Staatsbeteiligung auskommt.Der zweite Punkt, der Krebber stärkt, ist sein Engagement in Deutschland. Während der Energiekrise nach Russlands Angriff auf die Ukraine hat Krebber sich als Essener Staatsmann profiliert, bei der Gasbeschaffung geholfen, beim fixen Aufbau von schwimmenden LNG-Terminals, aber auch etwa bei einem Besuch mit dem damaligen Wirtschafts- und Klimaminister Robert Habeck (Grüne) in Katar. Zuletzt waren angesichts des massiven Engagements in den USA zumindest Fragen aufgekommen, wie sehr RWE sein Geschäft eigentlich noch in Deutschland sehen würde. Einen Teil dieser Bedenken dürfte Krebber nun abgeräumt haben. Auch die Bundesregierung in Berlin dürfte es mit einem gewissen Wohlwollen beobachten, dass bei Amprion bald der größte deutsche Stromerzeuger die Mehrheit hält – und sei es, um einen Ausgleich zum Risiko Donald Trump im Portfolio zu schaffen. Dass der Aktienkurs am Dienstag erst einmal nachgab, so die Hoffnung Krebbers, ist da nur eine kurze Episode. Mehr zum Thema Unsere Partner Anzeige Stellenmarkt Die besten Jobs auf Handelsblatt.com Anzeige ImmoScout Jetzt kostenlos den Wert deiner Immobilie ermitteln Anzeige IT BOLTWISE Fachmagazin in Deutschland mit Fokus auf Künstliche Intelligenz und Robotik Anzeige Remind.me Jedes Jahr mehrere hundert Euro Stromkosten sparen – so geht’s Anzeige Presseportal Lesen Sie die News führender Unternehmen! 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