Deutschlands größter Stromkonzern RWE will sich einen großen Teil des deutschen Stromnetzes kaufen: Das Essener Unternehmen, das momentan vor allem Solaranlagen, Windparks und Gaskraftwerke betreibt, hat am Montagabend bekannt gegeben, für rund 3,6 Milliarden Euro die Mehrheit am Dortmunder Übertragungsnetzbetreiber Amprion übernehmen zu wollen.Bislang hält RWE indirekt ein Fünftel an Amprion; diese Beteiligung soll nun auf 55 Prozent wachsen. RWE-Chef Markus Krebber sprach von attraktiven „Wachstumsmöglichkeiten“, die sich durch den Deal ergäben. Das regulierte Netzgeschäft werde zu einem „dritten Investitionsschwerpunkt“ von RWE neben den Investitionen in erneuerbare Energien und flexible Erzeugung. Er sprach von einer „perfekten Ergänzung“ des RWE-Portfolios, das nun „noch robuster und resilienter“ werde, denn das Netzgeschäft sei eine Einkommensquelle, die über „regulierte und stabile Erträge“ verfüge.11.000 Netzkilometer von der Nordsee bis zu den AlpenAmprion ist eines der vier Unternehmen, die in Deutschland das Höchstspannungsnetz ausbauen und betreiben. Salopp gesagt, sind die Dortmunder zuständig für die Stromautobahnen im Westen Deutschlands. Das Unternehmen betreibt nach eigenen Angaben ein rund 11.000 Kilometer umfassendes Leitungsnetz von der Nordsee bis zu den Alpen und agiert in seinem Netzgebiet als natürlicher Monopolist.Amprion-Chef Christoph Müller bezeichnete die Kaufabsicht von RWE als „gute Nachricht für das Gelingen der Energiewende“. Für den Transport von Strom aus dem windreichen Norden in Deutschlands Süden mit seiner starken Industrieproduktion werden mit immer höheren Erneuerbaren-Anteilen im Strommix auch immer mehr Leitungen gebraucht.Eine KursänderungFür RWE bedeutet der Schritt eine klare Änderung der bisherigen Strategie. Noch im vergangenen Jahr hatte Krebber gesagt, der Essener Konzern sei „nicht der Richtige“, um „auch noch den Ausbau des Hochspannungsnetzes mitfinanzieren“ zu können. Genau das soll nun aber passieren: RWE will bis zum Jahr 2031 zusätzliches Geld in den Netzausbau stecken. Waren im Rahmen der bisherigen Amprion-Beteiligung rund 2,5 Milliarden Euro an Netzinvestitionen geplant, sind es nun vier Milliarden Euro mehr.Eine Umkehr vom bisherigen Kurs bedeutet der Schritt auch in einer historischen Lesart: Amprion hieß einst „RWE Transportnetz“ und ist aus RWE hervorgegangen. Dass RWE im Jahr 2011 die Mehrheit seines Netzgeschäfts abgestoßen hat, hing mit der damaligen Entflechtung des Energiemarktes zusammen.Amprion versichert, unabhängig zu bleibenUnter Entflechtungsaspekten sei die Rückkehr in die Rolle des Netzeigentümers für RWE jedoch kein Problem, versicherte Krebber am Dienstag. Zwar müsse die Regulierung des Netzzugangs diskriminierungsfrei sein. Die Eigentümerstruktur sei aber eine „zweite Ebene“, und „da gibt es nicht so strenge Vorgaben“. Als Beispiele führte er Stadtwerke an, die zugleich auch Verteilnetze und Erzeugungsanlagen besitzen, oder die baden-württembergische EnBW, die noch bis vor Kurzem Alleineigentümerin des Übertragungsnetzbetreibers Transnet gewesen ist und noch immer etwas mehr als die Hälfte der Anteile hält.RWE werde durch seine Eigentümerschaft an Amprion „keine operativen Vorteile kriegen“, sagte Krebber weiter. „Das Amprion-Management agiert unter strengen Unbundling- und Diskriminierungsfreiheitsregeln.“ Amprion-Chef Christoph Müller lässt sich in einer Mitteilung damit zitieren, Amprion bleibe „unabhängiger Übertragungsnetzbetreiber“. Das Unternehmen werde „weiterhin unter seiner bestehenden Marke und mit seinem bestehenden Management-Team operieren“. RWE werde die Beteiligung nach der At-Equity-Methode bilanzieren, also nicht komplett in seine eigenen Geschäftszahlen aufnehmen.RWE hat sich Geld am Aktienmarkt besorgtVerkäufer der Amprion-Anteile ist dessen Mehrheitsgesellschafter, das Konsortium M 31, in dem sich vor allem Versorgungswerke und institutionelle Investoren aus der Versicherungsbranche zusammengeschlossen haben. Mit dem Deal wird RWE ebenfalls Anteilseigner von M 31. Die bisherigen RWE-Anteile an Amprion gehören nicht RWE allein, sondern einem Gemeinschaftsunternehmen von RWE und dem Private-Equity-Haus Apollo.Um das Geschäft zu finanzieren, hat sich RWE Geld am Aktienmarkt besorgt. Das Unternehmen platzierte am Montagabend rund 74,3 Millionen Aktien bei institutionellen Investoren. Etwa die Hälfte davon kam aus einer Kapitalerhöhung, die andere Hälfte aus dem eigenen Bestand. „RWE erwartet einen Bruttoerlös von rund 4 Milliarden Euro“, heißt es in einer Mitteilung. Etwa ein Viertel der Kapitalmaßnahme stemmen die Staatsfonds von Norwegen und Qatar, mit einem Kauf von Aktien im Wert von gemeinsam einer Milliarde Euro. Qatars Staatsfonds war schon zuvor größter Einzelaktionär von RWE.Profitabilität je Aktie soll steigenIn einer Telefonkonferenz mit Journalisten kündigte RWE-Chef Krebber an, dass die Profitabilität von RWE je Aktie aufgrund des Amprion-Deals steigen werde. Das Unternehmen erwarte im Jahr 2031 durch das existierende Gemeinschaftsunternehmen mit Apollo und die neu dazugekommenen Anteile im regulierten Netzgeschäft für RWE einen Ergebnisbeitrag von 930 Millionen Euro.An der Börse führte die Nachricht zunächst zu leichten Abschlägen: Im Anschluss an die Bekanntgabe der Transaktionsabsichten nach Börsenschluss am Montagabend fiel der RWE-Aktienkurs um rund 2,5 Prozent. Am Dienstag erholte er sich allerdings wieder und notierte am Nachmittag nur wenig verändert zum Vortag.Die Transaktion steht noch unter dem Vorbehalt der Zustimmung durch das Bundeskartellamt, wie RWE-Chef Krebber auf Nachfrage von Journalisten ausführte. „Wir erwarten die Freigabe im dritten Quartal dieses Jahres.“
RWE kauft sich sein Stromnetz zurück
Deutschlands größter Energiekonzern kehrt ins Geschäft mit dem Stromnetz zurück und will die Mehrheit an Amprion übernehmen. Unternehmenschef Krebber wollte das noch vor einem Jahr nicht, sieht nun aber eine große Chance.











