Mehr als 200 Labour-Abgeordnete umrahmen Andy Burnham für das Willkommens-Selfie, das der Parlamentsneuling am Montag kurz nach seiner Vereidigung im Unterhaus knipst. Es ist ein Foto, das viel aussagt. Es mutet an wie die Huldigung eines neuen Häuptlings – und die Kulisse trägt dazu bei. Burnhams Fraktionskollegen stehen mit ihm auf den Treppenstufen der mittelalterlichen Westminster Hall, des ältesten, gotischen Gebäudes im Parlamentspalast.Es sei üblich, dass die neuen Kollegen, die über eine Nachwahl einen Sitz im Unterhaus erringen, an ihrem ersten Tag auf diese Weise willkommen geheißen würden, heißt es von Abgeordneten. Aber Burnhams Foto sprengt diesen Erklärungsrahmen – schon deswegen, weil er bei seiner Aufnahme in der ersten Reihe von einigen der bekanntesten Mitstreitern Keir Starmers flankiert wird. Die Rücktrittsankündigung des Premierministers, den Burnham in den Ämtern des Partei- und Regierungschefs beerben will, ist zu diesem Zeitpunkt erst wenige Stunden her. Starmers persönliche Abschiedsworte, die fast in Tränen endeten, hallen nach, und noch zeigt die Website der BBC als wichtigstes Foto die Umarmung, mit der Victoria Starmer am Ende ihren Gatten tröstete.Keir Starmer und seine Frau Victoria Starmer vor der Downing Street Number 10 nach der Rücktrittserklärung des PremierministersdpaDa umstehen den aussichtsreichsten Nachfolger kurz darauf schon Starmers Schatzkanzlerin Rachel Reeves, sein Bauminister Steve Reed und Angela Rayner, die einst Starmers Stellvertreterin war. Das wirkt wie eine Beweisaufnahme skrupellosen Ehrgeizes, ist aber vermutlich auch von dem Drang motiviert, nun nach den Wochen einer lähmenden Rivalität in der Regierungspartei rasch einig und damit handlungsfähig zu werden.Burnham will Leittier der Labour-Herde seinHarriet Harman, eine Labour-Patriarchin, die 42 Jahre lang für Labour im Unterhaus saß und zu Starmers Beratern zählte, hatte am Freitag – nach Burnhams überzeugendem Nachwahl-Sieg in Makerfield, der ihn zurück ins Parlament führte – mit Blick auf die Labour-Gefolgschaft schon bemerkt: „Die Herde hat sich bewegt, und jetzt rennt sie kopflos herum.“ Am Montag analysierte Harman, Starmer sei durch drei Umstände zu Fall gebracht worden: durch eigene Fehler, durch die ablehnende Haltung der Öffentlichkeit und durch die Angst Labours vor dem Rechtspopulisten Nigel Farage, der bei den Kommunalwahlen im vergangenen Mai viele traditionelle Labour-Wähler angezogen hat.Burnham will, das zeigt sein Selfie jedenfalls, das neue Leittier der Labour-Herde sein. Und viele von denen, die loyal zu Starmer standen, solange er sein Premierminister-Amt verteidigte, sind jetzt willens, sich von ihm führen zu lassen. Sie motiviert neben persönlichen Ambitionen vor allem der dritte Faktor in Harriet Harmans Fehleranalyse: die Furcht vor den Erfolgen der rechtspopulistischen Reform UK.Nigel Farages Partei hatte auch in den Gemeinden des Wahlkreises Makerfield, eines traditionellen Labour-Territoriums, Angst und Schrecken unter den angestammten Mandatsträgern verbreitet: Alle Labour-Gemeinderäte, die dort im Mai zur Wahl standen, hatten ihre Sitze an Reform UK verloren. So kam es, dass dort einen Monat später mit Burnhams Kandidatur für das Unterhaus eine Labour-Streitmacht aufzog, die nicht nur beseelt war von der Aussicht, dem bisherigen Bürgermeister von Manchester einen Sitz in Westminster zu verschaffen – und damit die Gelegenheit, Keir Starmer herauszufordern.Ehemaliges Kohlerevier zwischen Manchester und Liverpool als TestVielmehr hinterließen auf der Unterschriftenwand im Makerfielder Labour-Hauptquartier, von dem aus Burnhams Wahlkampf gesteuert wurde, auch Dutzende Abgeordnete ihre Signaturen, die loyal zu Starmer standen, die aber auf jeden Fall auch einen Sieg des Kandidaten von Reform UK in dieser Unterhaus-Nachwahl verhindern wollten.Steve Reed, der Bauminister, war einer von ihnen. Auch er reiste wie viele andere eigens aus London an, um in den Kleinstädten des ehemaligen Kohlereviers zwischen Manchester und Liverpool an den Haustüren zu klingeln und Prospekte durch die Briefschlitze zu stecken. Reed ließ sogar rote Sonnenhütchen für die lokalen Labour-Sympathisanten anfertigen, die die Aufforderung „Vote Labour“ trugen – ein feiner Unterschied zu den anderen Wahlkampf-Mitteln des Burnham-Lagers, auf denen meist der Slogan „Vote Andy“ prangte.Wahlkampfplakate für Andy Burnham in MakerfieldReutersReed erzählte anschließend, er habe noch nie eine Nachwahl erlebt, in der derart viele Helfer seiner Partei durch die Wohngebiete gezogen seien. Burnhams Team habe ausgerechnet, dass am Ende der Wahlkampagne jeder Straßenzug mehrfach durchstreift worden sei und die Labour-Aktivisten im Durchschnitt achtmal vor der Tür jedes Wählers gestanden hätten. Was als innerparteiliche Kampfansage angelegt war – Burnhams Rückkehr nach Westminster, mit dem Ziel, anschließend Starmer herauszufordern –, wandelte sich auf diese Weise zu einem gemeinschaftsstiftenden Erlebnis.Auch Burnhams bedeutendster Konkurrent im Wettbewerb um die Parteiführung erkannte das rasch. Noch vor Burnhams Gruppenfoto in der Westminster Hall verbreitete Wesley Streeting, der frühere Gesundheitsminister unter Starmer, eine Erklärung, in der er Burnham seine Unterstützung anbot – und halb laut die Hoffnung äußerte, es werde doch wohl eine schöne Aufgabe für ihn in Burnhams Team geben. Vor Wochen hatte er noch seine eigenen Ambitionen publik gemacht, den Premierminister zu beerben.Zwei mögliche Konkurrenten bleibenAm Dienstag waren noch zwei Namen übrig, denen zugetraut wurde, den neuen Labour-Helden Burnham zu einem Konkurrenzkampf um die Parteiführung aufzufordern. Der eine, Al Carns, gab vorletzte Woche seinen Posten im Verteidigungsministerium auf, um gegen die seiner Ansicht nach unzureichenden Rüstungsausgaben zu protestieren. Er verfügt über hohes Ansehen in der Partei, aber nicht über eine große Hausmacht. Der andere, Darren Jones, war nach einer raschen Karriere im Labour-Regierungsapparat zuletzt die rechte Hand des Premierministers. Er könnte die Anhänger Starmers um sich versammeln und einen Gegenpol zu Burnham bilden – wenn der Kampf um die Labour-Führung entlang der traditionellen innerparteilichen Frontlinien geführt würde.Aber Burnham hat sich bislang bemüht, zwar als Linker zu gelten, sich aber nicht auf linke Positionen festlegen zu lassen. Er sendet Versöhnungssignale an jene dogmatischen Sozialisten, die ihre Fraktionsmitgliedschaft verloren haben, nachdem sie gegen bestimmte Vorhaben von Starmers Regierungspolitik offen opponiert hatten.Burnham ließ wissen, er wolle die Handvoll Ausgestoßener in den Schoß der Partei zurückholen. Das soll nicht heißen, dass er deren politische Positionen teilt. Es soll vielmehr zum Ausdruck bringen, dass in seiner Labour-Partei alle willkommen sind. Burnhams mögliche Konkurrenten haben noch bis Mitte Juli Zeit, zu überlegen, ob sie dieser Botschaft Folge leisten oder doch eine Urwahl zur Entscheidung über den neuen Parteichef erzwingen wollen. Dann würde sich der Kampf um Starmers Nachfolge noch bis September hinziehen.