Der Rückzug des unpopulären Premierministers Keir Starmer eröffnet in Großbritannien ein neues Kapitel. Ein frisches Gesicht kommt in die Downing Street 10. Der voraussichtliche Nachfolger Andy Burnham könnte tatsächlich etwas Boden gutmachen. Die in der Wählergunst abgestürzte Labour-Partei, die vor Nigel Farages Partei Reform UK zittert, hofft auf einen Stimmungsumschwung. Doch wird Burnham bald mit demselben Berg von Problemen konfrontiert sein, an dem Starmer scheiterte.Die Wirtschaft wächst nur schleppend, die Lebenshaltungskosten sind hoch, es werden zu wenig Wohnungen gebaut, das Gesundheitssystem NHS ist überlastet, zu bürokratisch und zu wenig produktiv, die Kosten des Sozialstaats in einer alternden und zunehmend kranken Gesellschaft steigen rasant, der Schuldenberg wächst, und im Haushalt gibt es kaum Spielraum für Investitionen und Mehrausgaben fürs Militär. Starmers Finanzministerin Rachel Reeves suchte Zuflucht in Steuererhöhungen, um Haushaltslöcher zu stopfen. Sie hat Unternehmen zu stark belastet und Investitionen und Neueinstellungen gebremst. Wie wird Starmers Nachfolger weitermachen?Burnham hat sich zu einem „wirtschaftsfreundlichen Sozialismus“ bekannt. Abgesehen von Schlagworten wie „Hoffnung“ und „Wandel“ ist sein Programm vollkommen vage. Ihm fehlt ein Plan, ein kohärentes Programm für eine wirtschaftliche Erneuerung des Landes. Damit droht sich die Erfahrung mit Starmer zu wiederholen, der 2024 erstaunlich unvorbereitet in die Downing Street kam. Burnham amtierte seit 2017 recht erfolgreich als Bürgermeister von Manchester, aber die Führung eines ganzen Landes ist etwas anderes. Starmer scheiterte unter anderem an notwendigen Reformen des Sozialstaats, die den Ausgabenanstieg dämpfen sollten. Burnham hat bisher wenig Mut oder Neigung gezeigt, sich dieser heiklen Aufgabe zu stellen.Rückt die Labour-Partei wieder deutlich nach links?Vieles wird davon abhängen, ob der nächste Premier dem Druck der frustrierten Labour-Linken nachgibt, die Partei deutlich nach links zu verschieben. Dieser Parteiflügel träumt von einem interventionistischen Staat, der mit vollen Händen Geld verteilt. Einige in Burnhams Umfeld würden gern höhere Schulden zulassen und die Fiskalregeln entsprechend lockern. Aber die schon jetzt bedenklich gestiegenen Zinsen auf die Staatsanleihen und die Nervosität am Anleihemarkt, ob der britische Staatshaushalt mittelfristig solide bleibt, sollten dem künftigen Premier und seinem Finanzminister, wer auch immer dies wird, eine Warnung sein, der Verlockung einer höheren Verschuldung nachzugeben.Burnham gilt als ideologisch flexibel. Er machte frühe Karriere in der marktwirtschaftlichen New-Labour-Regierung von Tony Blair, dann unter dem weniger reformorientierten Premier Gordon Brown und saß dann im Schattenkabinett des altlinken Jeremy Corbyn. Manche nennen Burnham ein Chamäleon. Er selbst würde sich als pragmatisch beschreiben.Vor ein paar Wochen schrieb er in einem längeren Zeitungsaufsatz, einer Erwiderung auf Tony Blair, dass er für mehr staatlichen Interventionismus stehe, um mit „vierzig Jahren Neoliberalismus“, Deregulierung und Privatisierungen zu brechen. So wolle er das Erbe von Margaret Thatcher überwinden. Burnham will mehr staatliche Kontrolle und Einfluss. In Manchester sind die gelb lackierten Busse und Trambahnen des „Bee Network“ mit staatlich regulierten Ticketpreisen populär geworden. Doch in der Labour-Partei träumen einige von einer sehr viel weiterreichenden Verstaatlichung großer Teile der Infrastruktur, nicht nur der Eisenbahnen, sondern auch der Wasser- und Energieversorgung. Würde Burnham diesem Ruf folgen, wäre das teuer, denn die Regierung müsste erst mal Milliardensummen in die Unternehmen investieren.Eine neue EU-Beitrittsdebatte wäre zweischneidigZum zehnten Jahrestag des Brexit-Referendums liebäugeln manche in der Labour-Partei mit der Idee, dass ein Bekenntnis zu einem zweiten Referendum über einen Wiederbeitritt zur EU Labours Wahlchancen beflügeln könnte. Allerdings ist das ein zweischneidiges Schwert. Auch Nigel Farage könnte von einer neuen, polarisierenden Debatte über einen „Brexit-Verrat“ profitieren.Die britische Wirtschaft ist in der Frage eines Wiederbeitritts zur EU oder zumindest zur EU-Zollunion gespalten. Die Chefin des einflussreichen Industrie- und Unternehmensverbands CBI wandte sich dieser Tage dagegen. Neue zähe Verhandlungen mit der EU, die auch nur wenig Lust darauf hat, würden nur unnötig viele politische Kräfte über Jahre binden. Eine EU-Beitrittsdebatte wäre für Burnham keine „Zauberkugel“, sie könnte auch nach hinten losgehen.