KommentarMachtkampf in Grossbritannien: ein neuer Mann mit den alten Problemen LaboursDer Politiker Andy Burnham aus Manchester hat eine Nachwahl ins Unterhaus gewonnen. Damit kann er Premierminister Starmer herausfordern. Doch mit einem Mann von gestern wie Burnham werden weder Labour noch das Land viel gewinnen.19.06.2026, 10.13 Uhr4 LeseminutenAndy Burnham gibt sich jugendlich, aber über neue Ideen verfügt er nicht.Temilade Adelaja / ReutersPolitik ist manchmal skurril. Ein Wahlkreis namens Makerfield in der Agglomeration von Manchester mit etwas über 70 000 Wählern könnte am Donnerstag entschieden haben, wer der nächste britische Premierminister sein wird. Der erfahrene und ehrgeizige Labour-Politiker Andy Burnham wurde dort bei einer Nachwahl ins Unterhaus in London gewählt. Damit ist er in der Lage, ein Regierungsamt zu übernehmen – auch das höchste.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Zweifellos wird Burnham bald einen Angriff auf den unbeliebten und glücklosen Premierminister Keir Starmer starten, um die Führung von Partei und Regierung zu übernehmen. Starmer steht wegen der jüngsten Niederlagen Labours in Lokal- und Regionalwahlen, der riesigen wirtschaftlichen Probleme des Landes und seines persönlichen Unvermögens, Partei und Wähler für sich zu begeistern und dem Land einen Weg in eine bessere Zukunft aufzuzeigen, unter enormem Druck. Burnham hat deshalb gute Aussichten.Ein geschmeidiger KarrieristAndy Burnham bringt manches mit, was die Bürger bei Starmer vermissen. Im Gegensatz zum übervorsichtigen, knochentrockenen Juristen Starmer zeigt Burnham bei seinen Auftritten Charme, Schlauheit und Elan, was ihn jugendlicher und energetischer wirken lässt. Er kann gut kommunizieren und eine Gefolgschaft für sich gewinnen. Doch er ist nur sieben Jahre jünger als der 63-jährige Starmer und wie dieser ein altgedienter Regierungspolitiker. Burnham wurde 2001, mit 31 Jahren, erstmals ins Unterhaus gewählt. Im Umfeld der grossen Männer New Labours, Tony Blair und Gordon Brown, stieg er rasch in der Partei auf und übernahm verschiedene Regierungsposten.Nach dem Machtverlust Labours 2010 bemühte er sich zweimal vergeblich um den Parteivorsitz und zog sich schliesslich 2017 auf das mit wenig Kompetenzen ausgestattete Bürgermeisteramt des Grossraums Manchester und damit in eine Labour-Wohlfühlzone zurück. Das erlaubt ihm jetzt, wie eine Alternative zum Parteiestablishment in London aufzutreten und unzufriedenen Labour-Anhängern das Gefühl eines Neuanfangs zu geben.Doch dieser Eindruck ist aus zwei Gründen falsch. Erstens gehört Burnham genauso wie Starmer zum alten Parteiestablishment. Er passt seine Überzeugungen jeweils geschmeidig den Anforderungen des Moments an und scheint für nichts wirklich zu kämpfen ausser für seine Karriere. Während des kurzen Wahlkampfs in Makerfield hat er keine neuen Ideen für eine Dynamisierung des frustrierten Landes erkennen lassen. Wenn die Rettung Labours wirklich von frischen Köpfen abhinge, dann müsste die Partei eher Leute einer jüngeren Generation portieren und nicht altbekannte Gefolgsleute aus der Zeit von Blair und Brown.Zweitens und wichtiger: Vor einem Personalwechsel an der Spitze müsste die Partei klären, mit welchen Ideen und Projekten sie das Land führen will. Blair, auf dessen Rat heute in Grossbritannien kaum noch jemand hört, hat dies vor einem Monat zu Recht moniert. Er forderte einen konsistenten Plan für das Land, den Labour vermissen lasse. Und er warnte die von der rechtspopulistischen Bewegung um Nigel Farage bedrängte Partei, ihr Wohl in einem prononcierten Linkskurs zu suchen.Ein Linkskurs für GrossbritannienDiese Warnung ist plausibel. Wenn immer mehr Bürger mit Parteien am rechten Rand sympathisieren, sollte man ihnen das politische Feld nicht noch weiter öffnen. Starmer war im Wahlkampf 2024 zwar taktisch als moderater Kandidat angetreten, der die angeschlagenen Staatsfinanzen und die Wirtschaft durch einen seriösen Mittekurs wieder in Ordnung bringen werde. So vermochte er auch konservative Wechselwähler für sich zu gewinnen. Doch tatsächlich hat bereits Starmers Labour-Regierung in den vergangenen zwei Jahren einen klaren Linkskurs verfolgt. In Schranken gehalten wurde sie bloss durch die Angst vor den Finanzmärkten, welche der Regierung auf einmal keine Schuldtitel mehr abkaufen könnten.Die Steuern und Abgaben wurden mehrfach erhöht, Gewerkschaftsrechte, Arbeitnehmer- und Mieterschutz wurden nach kontinentalen Vorbildern ausgeweitet. Vor einer dringend nötigen Reform der Altersrenten und der Sozialleistungen schreckte die Regierung Starmer ebenso zurück wie ihre konservativen Vorgänger. Das war nicht nur die Schuld Starmers, sondern auch der Labour-Fraktion im Unterhaus, die Starmers Handlungsspielraum begrenzte.Mit Burnham kann das nur noch schlimmer werden: Steuererhöhungen, die Verstaatlichung von Versorgungsunternehmen, gar ein Wiedereintritt in die Europäische Union waren Forderungen, die Burnham aus der geschützten Zone der nordenglischen Labour-Provinz heraus geäussert hatte.Von einer Befreiung der Wirtschaft von unnötigen Regulierungen, von weniger Steuern, Abgaben und Bürokratie, einem Zurückbinden des Staates, einem Austarieren von Klimaschutz und Wirtschaftsinteressen oder einer besseren Berufsausbildung für die Jugend ist nichts zu sehen. Die Regierung dürfte unter Burnham noch weiter nach links schwenken.Das werden viele Labour-Politiker eine Zeitlang wohlig geniessen. Aber das wird sich am nächsten Wahltag rächen, wenn die Rechtspopulisten die Millionen Stimmen frustrierter Bürger einsammeln werden, die endlich einen wirklichen Politikwechsel wollen.Passend zum Artikel
Andy Burnham: ein neuer Mann mit den alten Problemen Labours
Der Politiker Andy Burnham aus Manchester hat eine Nachwahl ins Unterhaus gewonnen. Damit kann er Premierminister Starmer herausfordern. Doch mit einem Mann von gestern wie Burnham werden weder Labour noch das Land viel gewinnen.













