PfadnavigationHomePolitikAuslandNach Starmer-RücktrittSo will der „wandelbare Mr. Burnham“ Großbritannien rettenVon Anne McElvoyGlobal Reporter, Executive Editor bei POLITICOStand: 15:06 UhrLesedauer: 6 MinutenAndy Burnham bei seiner Ankunft in London am MontagQuelle: Temilade Adelaja/REUTERSNach dem Rücktritt von Keir Starmer ruhen die Hoffnungen auf dem Sozialdemokraten Andy Burnham. Dabei bringt er einige Vorteile mit. Aber auf die größte Frage muss auch er eine Antwort finden.Sein Spitzname lautet „King of the North“. König des Nordens – diesen schmeichelhaften Titel als Bürgermeister der drittgrößten englischen Stadt Manchester hat Andy Burnham gern über sich gehört, während er auf sein Ziel hinarbeitete, als Abgeordneter nach London zurückzukehren. Am Montag hat er dieses Ziel mit einem Paukenschlag erreicht. Burnhams Wiedereinzug ins Unterhaus in der vergangenen Woche läutete das Ende der Amtszeit von Premierminister und Parteikollege Keir Starmer ein – noch bevor Burnham nach neun Jahren politischem Exil überhaupt wieder als Abgeordneter in Westminster vereidigt worden war.Nun steht Burnham bereit, den Thron der angeschlagenen Labour-Partei zu besteigen. Nur einige Stunden nach Starmers kurzer Rücktrittserklärung am Montagvormittag gab Burnham bekannt, er werde sich um den Parteivorsitz bewerben, um – mitten in der laufenden Legislaturperiode – Premierminister Großbritanniens zu werden. Lesen Sie auchBurnham hat jetzt Rückenwind. Sein Risiko besteht aber darin, lediglich zum Hoffnungsträger einer unpopulären Regierung zu werden. Zwar war die Freude groß, als es dem Sozialdemokraten am vergangenen Freitag gelang, sich bei einer Nachwahl im Süden Manchesters gegen den Kandidaten von Nigel Farages Partei Reform UK durchzusetzen. Die allgemeine Beklemmung angesichts seiner bevorstehenden Aufgabe ist jedoch enorm. In Großbritannien dauert es nicht lange, bis Premierminister vom Helden zur Nullnummer werden – sechs Regierungschefs innerhalb von nur einem Jahrzehnt sind Beleg genug.Lesen Sie auchBurnham hat gezeigt, was der Ära Starmer fehlte: eine natürliche Selbstsicherheit und die Fähigkeit, mit der Öffentlichkeit in Verbindung zu treten, Prioritäten zu vermitteln und zu verteidigen. Burnham verfügt über Fähigkeiten, die man als „Soft Power“ bezeichnet: Besessen von Rockmusik und Fußball, schaffte er es, die mürrischen Gallagher-Brüder der legendären Band Oasis aus Manchester davon zu überzeugen, dass er ihre Hymne „Definitely Maybe“ als Soundtrack seiner Kampagne verwenden durfte. Der 56-Jährige trägt gern T-Shirt und Jackett, er wirkt informeller und zuversichtlicher als der frühere Staatsanwalt Starmer.Lesen Sie auchAuch sein respektloser Humor ist ein Vorteil. Als er kürzlich in sehr knappen Shorts zu seiner täglichen Laufrunde aufbrach, gingen die Aufnahmen in Sozialen Medien viral – woraufhin er schrieb, er sei zu dem Schluss gekommen, dass längere Laufkleidung vielleicht doch ratsam sei. Auf Plattformen wie X antwortet er häufig direkt auf Kritik und gute Wünsche. Aber Stil und „Mojo“ werden ihn nur bis zu einem gewissen Punkt tragen. Burnham zeigt sich überzeugt, über ein Rezept für die Zukunft des Vereinigten Königreichs zu verfügen – gestützt auf seine Zeit als Bürgermeister der Stadtregion Greater Manchester, die seine Geburt als wirkungsmächtiger Politiker markierte. Während der Covid-Pandemie gewann er im Norden mit mitreißenden Reden Popularität. Er geißelte die politische Klasse in London dafür, den Norden im Stich zu lassen, und schloss sich einer parteiübergreifenden Kommission zur Verbesserung der Situation ärmerer Familien nach der Pandemie an. Oft kämpfte er an der Seite der Underdogs. Burnham drängte auf eine späte Untersuchung der Hillsborough-Stadionkatastrophe und unterstützte Opfer eines Skandals um infizierte Bluttransfusionen. Lesen Sie auchAber jetzt muss Burnham mehr sein als nur ein wirkungsvoller Wahlkämpfer: Er muss ein gespaltenes Land einen. Ein Land, in dem sich Entscheidungen und politische Macht zum Unmut vieler Bürger in London zentralisiert haben, steht die Erfolgsgeschichte des Wiederaufstieges der Stadt Manchester auf seiner Seite. In der Tradition der weltoffenen Handelsmetropole gelang es, das Stadtzentrum wieder aufzubauen und Investoren zu gewinnen. Die Innenstadt belebte sich, das Nachtleben florierte. Die Universität zählt zu den beliebtesten des Vereinigten Königreichs. Natürlich hatte Burnham dabei die Unterstützung von visionären Lokalpolitikern und Stadtplanern. „Fähnchen im Wind“Die Bedürfnisse im Norden des Landes erkennt Burnham intuitiv. Der in Liverpool geborene Katholik besuchte eine staatliche Schule und studierte in Cambridge Anglistik, wo er seine niederländische Frau kennenlernte. Ab 1997 war er in den Jahren der Blair-Brown-Regierung Gesundheitsminister und bekleidete weitere Ämter. Zweimal, in den Jahren 2010 und 2015, bewarb er sich vergeblich um den Labour-Vorsitz. Sein Ehrgeiz traf auf Enttäuschung. Politisch stammt er aus dem „soft left“, dem gemäßigten linken Flügel von Labour – auch wenn er lange den Ruf hatte, in seinen Positionen so anpassungsfähig zu sein, dass Kritiker ihn als Fähnchen im Wind bezeichneten. So stellte er sich über Jahre gut mit jeder in Westminster herrschenden Parteifraktion. Anders als viele Zentristen seiner Partei übernahm er im Jahr 2015 eine wichtige Rolle im hart-linken Schattenkabinett Jeremy Corbyns.