Die Bundeswehr probt in Litauen den Ernstfall, doch ernst wird es vor allem beim PersonalDie Litauen-Brigade soll mit Freiwilligen bestückt werden. Das wird immer unwahrscheinlicher. Für den deutschen Verteidigungsminister Boris Pistorius stellt sich die Frage, wer dauerhaft dort dienen soll, wo Deutschland im Ernstfall zuerst kämpfen müsste.23.06.2026, 06.00 Uhr4 LeseminutenEin deutscher Kampfpanzer Leopard 2 im Einsatz bei der Übung «Freedom Shield» in Litauen.Alius Koroliovas / GettyAls der deutsche Verteidigungsminister Boris Pistorius am Montag die Bundeswehr in Litauen besuchte, war die Übung «Freedom Shield» in vollem Gange: 2000 deutsche Soldaten üben in ihr gemeinsam mit 900 Verbündeten seit Ende Mai den «Kampf der verbundenen Waffen», also die Zusammenarbeit von Waffensystemen wie Drohnen, Panzern, Artillerie und Flugabwehr.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Vor allem auf die Drohnenkriegsführung legen die Organisatoren der Übung den Fokus. Immer wieder zeigen ukrainische Drohnenpiloten auf Nato-Übungen ganzen Verbänden deren Grenzen auf. Sie beweisen, dass sich das Gefechtsfeld massiv verändert hat und bei der Nato erheblicher Aufholbedarf besteht. Sollte in Litauen tatsächlich der Ernstfall eintreten und sollten russische Truppen angreifen, stünden die deutschen Soldaten einem Feind gegenüber, der in diesem Bereich anders als sie über viel praktische Erfahrung verfügt.Freiwilligkeit dürfte nicht ausreichenDoch das ist derzeit nicht das grösste Problem der in Litauen stationierten deutschen Panzerbrigade 45. 2023 von Pistorius als «Leuchtturmprojekt» verkündet, soll der Verband bis Ende 2027 seine volle Einsatzbereitschaft hergestellt haben. Er wird dann als erster Grossverband Deutschlands dauerhaft im Ausland stationiert sein. 4800 Soldaten und 200 zivile Bedienstete sollen einen Beitrag dazu leisten, Russland abzuschrecken, und so zu Litauens Sicherheit beitragen.Doch es fehlt das Personal. Pistorius setzte auf Freiwilligkeit: Soldaten, die sich für den Einsatz entscheiden, sollen ihre Familien in Litauen unterbringen können, für Kinder wurde eine eigene Kindertagesstätte sowie eine eigene Schule errichtet.Alles scheine planmässig zu verlaufen, sagte Pistorius bei seinem Besuch am Montag. Doch er musste einräumen, dass es wohl nicht gelingt, alle Soldaten auf freiwilliger Basis in Litauen stationieren zu können.Es sieht derzeit nicht danach aus, dass genügend Soldaten die durchaus breite Palette von Angeboten annehmen. Obwohl der Sold beinahe doppelt so hoch sein soll wie in Deutschland, sind erst rund 1800 Soldaten dem Ruf gefolgt. Laut dem deutschen Verteidigungsministerium sind es vor allem Soldaten in Führungsfunktionen: Offiziere und Unteroffiziere. Probleme gibt es hingegen bei der Mannschaft, also den Soldaten, die an den Waffensystemen und in den Einheiten gebraucht werden. Zudem fehlen Spezialisten wie etwa Ingenieure zur Instandsetzung von Panzern.Im kommenden Jahr sollen das Panzerbataillon 203 aus Augustdorf in Nordrhein-Westfalen und Teile des Panzergrenadierbataillons 122 aus Oberviechtach in Bayern dauerhaft nach Litauen verlegt werden und die Litauen-Brigade komplettieren. Stand Ende Januar haben sich laut Berichten beim Panzerbataillon 203 erst 197 Soldaten freiwillig gemeldet – 414 werden gebraucht. 640 Posten benötigt das Panzergrenadierbataillon 122. Hier haben sich lediglich 181 Soldaten beworben. Dazu kommen 1971 Stellen für weitere Kräfte: Artillerie, Aufklärer, Logistiker. Nur zehn Prozent dieser Posten waren im Januar belegt.Litauen im ZeitplanReicht die Zahl der Freiwilligen nicht aus, muss die Truppe stärker über befohlene Versetzungen steuern. Bereits nach Pistorius’ Verkündung, auf Freiwilligkeit zu setzen, wurden Zweifel laut, ob das gelingen könne. Rechtlich kann die Bundeswehr Soldaten nach Litauen versetzen – und wird das wohl im Ernstfall auch müssen.Denn würde es nicht gelingen, die Brigade bis zum angestrebten Zeitpunkt zu stellen, hätte das gravierende Auswirkungen auf die deutsche Glaubwürdigkeit gegenüber den Nato-Partnern. Die litauischen Behörden, die sich um die Infrastruktur für die deutsche Panzerbrigade kümmern, liegen genau im Zeitplan, in einigen Bereichen gar vor ihm.Doch ein Einsatz in Litauen ist eben mit Risiken verbunden.Sollte es tatsächlich dazu kommen, dass Russland dort mit einem Angriff die Stabilität der Nato testet, gerieten die deutschen Soldaten an die vorderste Front. Ein ganzer Grossverband mit Dutzenden Kampf-, Schützenpanzern und Panzerhaubitzen liesse sich im Ernstfall nicht rasch verlegen. Die Soldaten wissen deshalb: Ein Einsatz in Litauen ist womöglich noch gefährlicher als die damals nicht ungefährlichen Missionen in Mali oder Afghanistan.Boris Pistorius.Liesa Johannssen / ReutersZahlreiche ÜbungenGleichzeitig üben Bundeswehr und Nato-Verbündete dort intensiv für den Ernstfall: Die Übung «Freedom Shield» soll zweimal pro Jahr stattfinden und die Soldaten und deren Waffensysteme auf allerhöchste Einsatzbereitschaft bringen. Mit der «Medic Quadriga 2026» übten Bundeswehr und zivile Einsatzkräfte die rasche Verlegung und Versorgung von in Litauen stationierten Soldaten in Deutschland. Nato und Bundeswehr zeigen damit, dass sie die Ostflanke in den baltischen Staaten ernst nehmen.Doch der Personalbedarf von etwa 3200 Soldaten wird kaum ausschliesslich mit Freiwilligen zu bestücken sein. Die Situation ist ähnlich wie beim Grundwehrdienst, wo die Zahl der aktiven Soldaten von derzeit rund 185 000 auf 260 000 steigen soll.Der Freiwilligkeit förderlich ist auch nicht, dass Deutschland laut einem Bericht der «Welt» ins Ausland entsandten Bediensteten aufgrund eines Berechnungsfehlers im Auswärtigen Amt zu hohe Auslandszuschläge bezahlt haben soll. Darunter auch an Soldaten, die in Litauen stationiert sind.Für Pistorius’ Ambitionen kommt das zur Unzeit. Die Litauen-Brigade soll Deutschlands Verlässlichkeit an der Nato-Ostflanke beweisen. Doch bis Ende 2027 muss Pistorius nicht nur Infrastruktur und Gerät liefern, sondern vor allem eine Frage beantworten: Wer dient dauerhaft dort, wo Deutschland im Ernstfall zuerst kämpfen müsste?Passend zum Artikel
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