Winterthur baut für 70 Millionen Franken eine Brücke über den Bahnhof Grüze. Doch nun hat der Bundesrat die geplante S-Bahn-Haltestelle aus seinen Plänen gestrichenDie SVP nennt die Brücke einen «Schildbürgerstreich». Der Winterthurer Stadtrat hält dagegen.23.06.2026, 05.05 Uhr4 LeseminutenDie neue Brücke soll Ende Jahr in Betrieb gehen. Doch ob auch der geplante Bahnhof Grüze Nord (bei den Gleisen links im Bild) realisiert wird, ist offen.Visualisierung Stadt WinterthurWinterthur Grüze klingt nicht nach einem urbanen und pulsierenden Stadtgebiet. Aber zu genau dem soll es in den nächsten 15 Jahren werden. Die Stadt Winterthur und der Kanton Zürich haben grosse Pläne, das Industrie- und Gewerbequartier soll zu einem kantonalen Zentrumsgebiet werden, mit vielen neuen Einwohnern und grossen Neubauten: ein Hochhaus, hippe Wohnungen in einer ehemaligen Gelatinefabrik, neue Parks.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Das Quartier bietet mit Industriebrachen nicht nur Platz, sondern es ist mit einem eigenen Bahnhof auch gut an den öffentlichen Verkehr angebunden. Die Stadt hat mit den SBB eine Entwicklungsvereinbarung abgeschlossen, um den Bahnhof und das umliegende Gebiet auszubauen. Ein wichtiger Baustein dieser Entwicklung ist die neue S-Bahn-Haltestelle Grüze Nord, die in rund zehn Jahren in Betrieb genommen werden soll.Doch diese ist nun in Gefahr. Am Freitag hat der Bundesrat seine Vorlage «Verkehr 45» vorgestellt. Darin werden die Verkehrsausbauprojekte der nächsten Jahre festgelegt. Weil dem Bund die Mittel fehlen, will die Regierung, dass das Parlament auf rund siebzig Bahnausbauprojekte im Umfang von 2,5 Milliarden Franken verzichtet, die es bereits beschlossen hat. Die neue Haltestelle Grüze Nord soll diesen Sparplänen auch zum Opfer fallen.Der Winterthurer Stadtrat hat dies in einer ersten Reaktion am Freitag als fatale Fehleinschätzung bezeichnet. Und auch der Zürcher Regierungsrat hat diese und weitere Streichungen scharf kritisiert.Grüze sollte zum zweitgrössten Bahnhof der Stadt werdenIn Winterthur ist man fest davon ausgegangen, dass das Projekt, das einst erfolgreich von der damaligen SVP-Nationalrätin und heutigen Regierungsrätin Natalie Rickli eingebracht worden war, gebaut werden kann. Und in diesem Glauben hat die Stadtbevölkerung auch bereits einem Grossprojekt am Bahnhof Grüze zugestimmt: der Leonie-Moser-Brücke. Die rund 400 Meter lange Brücke dient unter anderem dazu, Bahn und Bus besser zu verzahnen.Ähnlich wie bei der Zürcher Hardbrücke sind auch auf der Brücke über dem Bahnhof Grüze Bushaltestellen eingeplant, von denen aus die Passagiere aufs Perron und so auf die S-Bahn umsteigen können. Damit soll unter anderem auch der Winterthurer Hauptbahnhof entlastet werden. Der Bahnhof Grüze soll mit 12 000 Passagieren pro Tag zum zweitgrössten der Stadt werden und wäre damit auch stärker frequentiert als Bahnhöfe «verschiedener Kantonshauptorte», wie der Winterthurer Stadtrat schreibt.Die 70 Millionen Franken teure Brücke ist bereits im Bau und soll Ende Jahr in Betrieb genommen werden. Aber braucht es sie überhaupt, wenn die neue S-Bahn-Haltestelle nun doch nicht gebaut wird?Die Winterthurer SVP nennt den Bau der Brücke einen Schildbürgerstreich. So äusserte sich Manuel Zanoni, der Vizepräsident der Stadtsektion, vor einigen Monaten im «Blick». Damals war bekanntgeworden, dass der Bund das Projekt womöglich zurückstellen wird. Auf Anfrage der NZZ bekräftigt Zanoni seine Position.Es handle sich um eine Fehlplanung, sagt er. Abgesehen von dem Problem, dass die Haltestelle Grüze Nord nun aus den Plänen des Bundesrats gestrichen worden sei, sei die Brücke auch überdimensioniert. Und er bezweifle überhaupt, dass um den Bahnhof Grüze ein neues Stadtzentrum entstehen werde.Der Winterthurer Stadtrat sieht dies ganz anders. Das erweiterte Umfeld des Bahnhofs Grüze werde zu einem urbanen Stadtteil mit dichter und hoher Bebauung heranwachsen, heisst es auf Anfrage. Die Brücke sei ein wichtiger Baustein für die Entwicklung. Und zwar auch ohne die neue Haltestelle. Das Industriegebiet entlang der Sulzerallee mit Tausenden von Arbeitsplätzen erhalte ab Dezember erstmals eine Busverbindung ins Stadtzentrum von Winterthur. Für die Einwohner des stark gewachsenen Quartiers Neuhegi verkürze sich zudem die Fahrzeit, und es entstünden neue Veloverbindungen ohne Bahnschranken.«Essenziell für die Verdichtung»Trotzdem: Grüze Nord «ist essenziell für die Verdichtung dieses Zentrumsgebiets», sagt die SP-Stadträtin Christa Meier. Deshalb werde sich der Stadtrat in Bern auch mit aller Kraft für die Umsetzung starkmachen. Mit der neuen Haltestelle stünden dem Quartier weitaus mehr direkte S-Bahn-Verbindungen nach Zürich zu Gebot. Und damit sollen sich dann die Passagierfrequenzen versechsfachen, von heute 2000 auf künftig 12 000.Der Stadtrat ist überzeugt, dass er den Bund von der Notwendigkeit des Projekts wird überzeugen können; das Preis-Leistungs-Verhältnis sei ausgezeichnet. Mit der Brücke habe man viele Vorinvestitionen schon getätigt, an denen sich der Bund auch beteiligt habe. Die Kosten für die neue Haltestelle selbst seien gering. Zudem seien auch der Zürcher Verkehrsverbund (ZVV) und das kantonale Amt für Mobilität vom unbestrittenen Nutzen des Projekts überzeugt.Die Vorlage des Bundesrats befindet sich nun in der Vernehmlassung. Diese dauert bis am 9. Oktober. Definitiv entscheiden wird am Ende das Parlament. Dort werden Winterthur und der Kanton Zürich noch fleissig lobbyieren müssen.Passend zum Artikel