Mit kollektiven historischen Erfahrungen ist es so eine Sache. Sie können so prägend sein, dass spätere Erfahrungen, die schwer in alte Denkmuster zu übersetzen sind, Gesellschaften spalten. So scheint es Deutschland angesichts von vier Jahren Krieg in der Ukraine zu ergehen. Das pazifistisch geprägte „Nie wieder“ wird von den einen verworfen, von anderen nun erst recht verteidigt.Auch Frankreich durchlebt eine Identitätskrise. Eine Krise der historischen Wahrnehmung ist sie indes nicht. Im Gegenteil: Das französische „Nie wieder“ bezüglich der Niederlage im Mai/Juni 1940 war immer ein anderes. Nie wieder dürfe Frankreich militärisch schwach sein. Während Deutschland sich seit 1945 fragt, warum Weimar an seinen inneren Feinden scheiterte, stellt sich Frankreich die Frage des Scheiterns gegen den äußeren Feind. Ein Unterschied, dessen politische Konsequenzen kaum größer sein können.Zwei Arten von FranzosenFrankreich betreibt auf eine ganz besondere Art institutionalisierte Identitätspolitik. Am 23. Juni wird der Historiker Marc Bloch in das Pantheon aufgenommen. Präsident Emmanuel Macron hat sich einen Mann für die letzte Pantheonisierung seiner Amtszeit aufbewahrt, dessen Ideen er bereits vor seiner Wahl zitierte. Bloch, der sich ähnlich wie sein Straßburger Kollege Maurice Halbwachs für das kollektive Gedächtnis interessierte, hinterließ in einem zwischen Anfang Juli und September 1940 verfassten Manuskript das Diktum, dass es zwei Arten von Franzosen gebe, die die Geschichte Frankreichs nie verstehen würden: diejenigen, die beim Gedanken an das Krönungssakrament von Reims emotionslos bleiben, und diejenigen, denen dasselbe passiert, wenn sie die Erklärungen des Föderationsfests lesen, das am 14. Juli 1790 auf dem Marsfeld gefeiert wurde.Diesen Satz aus einem Buch, das nach den Gründen der Niederlage gegen Hitlers Deutschland suchte, zitierte Macron im Wahlkampf Anfang 2017. In einem „Spiegel“-Interview skizzierte er ein halbes Jahr später, wie wichtig er die Politik der Symbole nimmt. Und wie sehr ihm der in der Welt mit Frankreich assoziierte Postmodernismus Sorgen mache, der alle großen Narrative dekonstruieren wolle und damit Sinn und Identität den Boden entziehe. Gérard Araud, von 2014 bis 2019 Botschafter in Washington, verwies auf Bloch in einem Interview, in dem er auf seine Diplomatenlaufbahn zurückblickte. Gleich am Anfang seiner Dienstzeit habe er das Gefühl gewonnen, dass die Niederlage von 1940 eine jederzeit präsente Erfahrung sei und die französische Weltsicht präge. Als Beispiel führte Araud die Begründung von Präsident Jacques Chirac für die Wiederaufnahme der Atomwaffentests fünfzig Jahre nach 1945 an: In der Krise stehe man am Ende immer allein da.Bloch hat die Veröffentlichung des Textes nicht erlebt, der 1946 als Buch mit dem Titel „L’étrange défaite“ gedruckt wurde. Als Mitglied der Résistance wurde er am 8. März 1944 von der Gestapo verhaftet und am 16. Juni in Lyon erschossen, zehn Tage nach der Landung alliierter Truppen in der Normandie.Sein Titel war „Zeugnis“Von August 1914 an diente der Sohn des Althistorikers Gustave Bloch im Alter von 28 Jahren zum ersten Mal als Soldat. Mit Lucien Febvre Gründer der Zeitschrift „Annales“, wirkte Bloch von Oktober 1919 an in Straßburg, wo auch Halbwachs lehrte. Im August 1939 trat Bloch wieder in den Militärdienst. Er wurde zuerst als Verbindungsoffizier eingesetzt und dann als Koordinator für Treibstoffversorgung. Die Kapitulation erlebte er in Rennes. Sofort nach der Ankunft am Wohnsitz der Familie in Guéret-Fougères machte er sich an sein „Zeugnis“, wie er seine Gedanken über die Niederlage überschrieb. Anfangs konnte der aus einer jüdischen Familie stammende Bloch unter den antisemitischen Gesetzen des Vichy-Regimes mit einer Sondergenehmigung noch seiner Lehrtätigkeit in Clermont-Ferrand nachgehen, wohin die Universität Straßburg ins Exil gegangen war. 1941 wechselte Bloch an die Universität Montpellier.Schon in seiner Feldpost aus den Jahren des Ersten Weltkrieges tauchen Ideen auf, die 1940 wiederkehrten. Im September 1917 schrieb Bloch seinem Freund Georges Davy, dass die Berufsarmee den Herausforderungen des Krieges nicht gewachsen sei. Auch Blochs wissenschaftliche Arbeit war vom Krieg beeinflusst. Nicht nur inspirierte ihn die militärische Luftaufklärung zu neuen Forschungsmethoden, wie Ulrich Raulff bereits vor Jahren zeigte. In den unmittelbaren Nachkriegsjahren beschäftigte Bloch sich mit der Verbreitung von Falschnachrichten in Zeiten des Krieges und dem Einfluss kollektiver Vorurteile auf die Entstehung von Gerüchten.Marc Bloch 1914Picture AllianceAufbauend auf einer detailgetreuen Beschreibung seiner Fronterfahrungen von Belgien bis zur Flucht von Dünkirchen über England nach Rennes stellte Bloch in der „Seltsamen Niederlage“ die Frage, warum die Armee der Dritten Republik der Wehrmacht so wenig entgegenzusetzen hatte. Veraltete Ausrüstung und überalterte Generäle deutete er als Symptome tieferliegender Ursachen; gemäß den Prämissen der Annales-Schule suchte er nach den gesellschaftlichen Gründen der Niederlage. Bloch ließ kein gutes Haar am Parlamentarismus der Dritten Republik und nahm Argumente vorweg, mit denen 1958 die Fünfte Republik begründet wurde: Das politische System Frankreichs sei nicht in der Lage gewesen, eine Verjüngung der Eliten (inklusive der Armee) zu erreichen, im Unterschied zum Hitlerreich, das Bloch in dieser Hinsicht mit der Französischen Revolution verglich.Otto Strasser blieb ungelesenWohin Bloch beim Blick auf die Vorkriegsgesellschaft auch sah, er bemerkte Wunschdenken und Faulheit. Frankreich sei nicht gewillt gewesen, über den Ernstfall nachzudenken. Bloch hatte in seinem Armeegepäck eine Ausgabe von Otto Strassers Buch über Hitler mitgeführt, und er wunderte sich darüber, dass nur einer seiner Kameraden es wichtig fand, dieses Buch zu lesen.Blochs Werk steht in einer intellektuellen Tradition, die Frankreich seit dem Deutsch-Französischen Krieg und der Ausrufung der Dritten Republik im September 1870 prägt. Ernest Rénans Schrift „La réforme intellectuelle et morale“ begründete die Übung, die Ursachen militärischen Scheiterns auf gesamtgesellschaftlicher Ebene zu suchen. Auch von Unterstützern des Vichy-Regimes kamen ähnliche Diagnosen. Der Ökonom Bertrand de Jouvenel diagnostizierte in seinem Buch „Après la défaite“, das auch in deutscher Übersetzung erschien, dass Frankreichs Schicksal weder in München noch an der Somme besiegelt wurde, sondern eine Konsequenz der geistigen Unordnung der späten Dritten Republik sei. Jouvenel begründete das französische Staatsversagen 1941 auch antisemitisch.Matis Bloch, der Urenkel des Historikers, nahm am 28. Mai 2026 in Berlin Bücher entgegen, die von deutschen Kulturinstitutionen an die Familie Marc Blochs restituiert worden sind.AFPFrankreich entnimmt seiner Geschichte also die Frage nach dem Scheitern der Republik und damit der Staatsform, die es aus Blochs Sicht zu erhalten galt. Triumphalistische Behauptungen der Überlegenheit der Demokratie in allen Aspekten beglaubigt die französische Erfahrung nicht. Marc Bloch ließ sich auch von der antisemitischen Politik des Vichy-Regimes nicht in seiner Vaterlandsliebe beirren. In seinem Testament stellte er klar, dass es für ihn nur ein Zugehörigkeitsgefühl gab: Es gehörte Frankreich. Als Symbolfigur eines inklusiven Patriotismus geht Bloch nun in das kollektive Gedächtnis ein, das ihn zur Forschung inspiriert hatte.Ein zweiter deutscher BiographDie Pantheonisierung hat das historiographische Interesse an Bloch neu entfacht. Zuvorderst zu nennen ist die soeben bei Gallimard erschienene intellektuelle Biographie des deutschen Historikers Peter Schöttler, der seit vielen Jahren zu den führenden Bloch-Experten gehört.Sein Buch bietet neben akribischer Arbeit zu Blochs theoretischer Ausrichtung auch einen Beitrag zu der Debatte über Blochs politische Orientierung. Schöttler entwirft eine Geschichte biographischer Kontinuität. Das frühere Bild des unpolitischen Bloch, den die Invasion des Dritten Reiches aus seinem scholastischen Leben gerissen habe, stellt er infrage. Seine Belege sind gewichtig: Die zahlreichen politischen Aufrufe, die Bloch in den Dreißigerjahren unterschrieb, dokumentiert er ebenso wie seine Einbettung in linke Netzwerke. Blochs Sohn Étienne war 22 Jahre alt, als er seinen Vater verlor. Dessen politische Einstellungen seien schwierig zu beschreiben, gab der Sohn zu Protokoll, man könne jedoch sagen, dass er ein Mann der Linken, insbesondere aber der Ordnung gewesen sei. Für seinen Biographen war Bloch ein nicht revolutionärer Sozialist, der für das stand, was laut Schöttler heute als Sozialdemokratie zu beschreiben wäre.Das leuchtet ein, obwohl man nach Kriegsausbruch bei Bloch auch andere Nuancen feststellen kann. In Blochs Zeit in Montpellier entstand eine Reihe politischer Blaupausen für die Nachkriegszeit. In Zusammenarbeit mit René Courtin, François de Menthon, Jean-Rémy Palanque, Edmond Vermeil, Pierre-Henri Teitgen, Eugène Causse und André Meunier fertigte Bloch eine Prinzipienerklärung an, die den Nationalsozialismus und den Kommunismus als kollektivistische Ideologien kritisierte und dazu aufforderte, den „Liberalismus zu erneuern“. Das individuelle Eigentum müsse geschützt werden, da nur so die Energie und Aktivität der Einzelnen aktiviert werde.Im Montpellier-Kreis äußerten sich Verfechter einer liberalen Wirtschaftsordnung mit starker Monopolgesetzgebung. Ob Bloch es auch so in einem allein verfassten Werk formuliert hätte? Die Überschneidungen zwischen „L’étrange défaite“ und den Manifesten des Kreises lassen vermuten, dass Bloch kein randständiger Unterzeichner der Appelle anderer war. Vielleicht gibt es doch ein stärkeres Moment der Weiterentwicklung in Blochs politischem Denken. Letztlich war Blochs „Zeugnis“ auch eine Prüfung des eigenen politischen Gewissens: Die in dieser Niederschrift gewählten Worte zeigen, was für eine Zäsur 1940 für Bloch darstellte.Eines der größten Verdienste von Schöttlers Buch ist eine Reihe neuer Kontextualisierungen von Blochs Ideen. Auch die von Macron zitierte Zeile über Reims und das Föderationsfest rückt Schöttler in neues Licht, indem er nachweist, dass Bloch diese Idee bereits 1917 entwickelte. Der Leser fragt sich, wie schockierend es für Bloch gewesen sein muss, dass er sein Land an Fehlern scheitern sah, die Frankreich schon im Ersten Weltkrieg an den Rand einer neuen Niederlage geführt hatten und trotzdem in der Zwischenkriegszeit nicht genug republikanischen Veränderungswillen mobilisierten.