Nur der Wahrheit verpflichtet: Marc Bloch, der jüdische Historiker, der im Untergrund gegen die Nazis kämpfteEr hat die moderne Geschichtsschreibung revolutioniert, war ein überzeugter Republikaner und eine moralische Instanz. Nun wird Marc Bloch ins Panthéon übergeführt – eine symbolträchtige Geste.23.06.2026, 05.30 Uhr7 Leseminuten«Wissenschaft kennt keine Emotionen»: Marc Bloch beim Wandern in den Schweizer Alpen, Aufnahme um 1930.©collection particulière / GallimardDie Gestapo verhört und foltert ihn wochenlang. Dann geht seine Tortur in einem Verlies im Gefängnis Montluc weiter, bis ihn die Schergen des SS-Manns Klaus Barbie, des «Schlächters von Lyon», eines Abends abholen. Am 16. Juni 1944 wird Marc Bloch mit rund zwei Dutzend Mitinsassen in einen offenen Kleinlaster gepfercht und aus der Stadt gebracht. Gegen 21 Uhr hält das Fahrzeug am Rande einer von hohen Büschen umgebenen Wiese in der Gemeinde Saint-Didier-de-Formans. Jeweils zu viert müssen die Gefangenen aussteigen, die Fesseln werden ihnen abgenommen, in der Dämmerung laufen sie los – und werden bereits von einem Erschiessungskommando erwartet. Zehn bis zwanzig Minuten dauert das Massaker. Wer danach noch ein Lebenszeichen von sich gibt, erhält von den Nazis einen Kopfschuss, sicher ist sicher. Die Leichen lassen sie liegen. Ein Lehrer aus dem Dorf macht am nächsten Morgen den grausigen Fund, informiert die Behörden, die nun die Identität der Hingerichteten zu klären haben.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.So endet das Leben von Marc Bloch, einem Mittelalterhistoriker, der aus den Schützengräben des Ersten Weltkriegs kam und zum Erneuerer der Geschichtswissenschaft avancierte. Von einem Patrioten und Republikaner, der als über 50-jähriger, sechsfacher Vater wieder in die Armee eintrat, um gegen die Barbarei des Nationalsozialismus zu kämpfen. Und der nach der Niederlage Frankreichs als verfolgter Jude in den Untergrund ging, um seine Verantwortung als Citoyen wahrzunehmen, auch wenn es ihn das Leben kosten sollte. Er war «ein ungewöhnlicher Mann und ein aussergewöhnlicher Gelehrter», wie es der Bloch-Biograf Peter Schöttler einmal formuliert hat. Einen «modern hero» nannte ihn die amerikanische Historikerin Nathalie Z. Davis.82 Jahre nach seiner Ermordung erhält Marc Bloch nun die höchste Ehre, die ein Verstorbener in Frankreich erhalten kann.Diesen Dienstag wird er feierlich ins Pariser Panthéon übergeführt, den neoklassizistischen Ruhmestempel der Nation, auf dem Hügel Sainte-Geneviève gelegen, ursprünglich ein Kirchenbau, der nach der Französischen Revolution umfunktioniert wurde zur letzten Ruhestätte für die Helden des Landes: «Aux grands hommes, la patrie reconnaissante» – den grossen Männern, die Heimat in Dankbarkeit – heisst es auf dem Giebelfries. Voltaire und Rousseau liegen dort, auch Victor Hugo, Alexandre Dumas, Émile Zola, Marie und Pierre Curie oder Josephine Baker. Und nun wird Bloch pantheonisiert – das Verb existiert tatsächlich –, als erster Historiker überhaupt.Entschieden hat dies Emmanuel Macron höchstpersönlich, denn in der Fünften Republik befindet allein der Staatspräsident über die Neuzugänge der Gedenkstätte, deren Wahl immer von hoher Symbolkraft ist. Marc Bloch sei «der Mann der Aufklärung in der Armee der Schatten», so erklärte Macron seinen Entscheid. Und betonte Blochs «beissende Klarheit, die uns auch heute noch beeindruckt» – gerade in einer Zeit der Demokratie- und Wissenschaftsverdrossenheit.«Menschenfleisch wittern»Marc Bloch wird 1886 in Lyon in eine jüdische Familie hineingeboren, die aus dem Elsass stammt. Er wächst in Paris auf, wo der Vater an der Sorbonne als Professor alte Geschichte lehrt. Die akademische Karriere ist ihm in die Wiege gelegt, er ist stets der Klassenbeste, besucht die Kaderschmiede École normale supérieure, studiert Geschichte, auch je ein Semester in Leipzig und Berlin. Dann kommt 1914 der Weltenbrand. Vier Jahre lang kämpft Bloch als Infanterist im Stellungskrieg, die meiste Zeit an der Front, wird mehrfach verwundet und ausgezeichnet, zum Hauptmann befördert. Als die Waffen endlich schweigen, nimmt er seine wissenschaftliche Arbeit wieder auf. In Strassburg erhält er eine Professur, forscht rastlos, ist ungemein produktiv, schreibt Hunderte von Rezensionen und einige höchst einflussreiche Bücher, etwa «Die wundertätigen Könige» über die angeblichen Heilkräfte von Monarchen vom Mittelalter bis ins 18. Jahrhundert, eine innovative Studie über die Bedeutung des Imaginären in der Geschichte.Im Krieg mehrfach verletzt und mehrfach ausgezeichnet: der Frontkämpfer Bloch in einer Aufnahme von 1914.ImagoBloch plädiert für ein neues Verständnis von Geschichte, für eine Weitung des Blicks. Zusammen mit seinem Strassburger Kollegen Lucien Febvre gründet er 1929 die Zeitschrift «Annales d’histoire économique et sociale», die viel mehr ist als ein Publikationsorgan: Sie ist ein Programm, eine Weltanschauung, eine revolutionäre Schule. Die beiden fordern die Abkehr von der Aneinanderreihung politischer Ereignisse hin zu einer Geschichte des menschlichen Handelns, der Mentalitäten, des Alltäglichen, die disziplinäre Grenzen einreisst – zu Geografie, Psychologie, Soziologie, Ökonomie oder Ethnologie. Zu einer «Histoire totale» (wie es ihr bedeutendster Schüler Fernand Braudel später formulieren wird), die «bei offenem Fenster», also nah bei den Leuten, geschrieben ist und die das Gegenwärtige mit dem Vergangenen verbindet.In Blochs erst postum erscheinender «Apologie der Geschichtswissenschaft», die bis heute eines der klügsten Bücher über das Metier des Historikers ist, schreibt er: «Die Fähigkeit, sich auf das Leben einzulassen, ist in der Tat die wichtigste Tugend.» Der gute Historiker gleiche dabei dem «Menschenfresser im Märchen. Seine Beute weiss er dort, wo er Menschenfleisch wittert.» Das Zauberwort von Bloch lautet «verstehen» – und nicht verurteilen: «Wissenschaft kennt keine Emotionen.»Ab 1936 lehrt er an der Sorbonne in Paris. Er ist überzeugter Republikaner, fühlt sich als Europäer, kritisiert die zersetzende Kraft der Nationalismen, spricht sich öffentlich für «eine vergleichende Geschichtsbetrachtung der europäischen Gesellschaften» aus. Aus der Parteipolitik hält er sich heraus, es entspreche nicht seinem wissenschaftlichen Ethos. Hellsichtig ist er gegenüber den Entwicklungen in Nazi-Deutschland. Er unterschreibt einen Appell gegen das Münchener Abkommen, das für die fatale Appeasementpolitik gegenüber Hitler steht. Als das «Dritte Reich» schliesslich den Zweiten Weltkrieg entfesselt, meldet sich Bloch unverzüglich und freiwillig zu den Waffen.«Unfähig, den Krieg zu denken»Als Nachrichtenoffizier dient er in der 1. Armee nahe der belgischen Grenze, ist mit wichtigen Stabsarbeiten betraut, kümmert sich um die Treibstoffversorgung. Im Juni 1940 erlebt er den Rückzug der französischen Truppen, wird in Dünkirchen eingeschlossen und über den Kanal nach England evakuiert. Sofort kehrt Bloch in seine Heimat zurück, aber Frankreich kapituliert wenig später. In Zivilkleidern und mit Gehstock entgeht er der Kriegsgefangenschaft. Er fährt mit seiner Familie in sein Landhaus bei Guéret, das südlich der Demarkationslinie liegt, die das besetzte vom unbesetzten Frankreich trennt. Seine Wohnung in Paris wird von den Deutschen besetzt, seine rund 3000 Bücher umfassende Bibliothek beschlagnahmt und abtransportiert.In den Wochen nach dem Zusammenbruch der Dritten Republik schreibt Bloch einen Zeugenbericht, der unter dem Titel «Die seltsame Niederlage» erst nach seinem Tod erscheint und heute ein Klassiker der Geschichtswissenschaft ist. «Es wird ein beschwerliches Unterfangen werden: Wie viel bequemer wäre es doch, der Erschöpfung und der Entmutigung nachzugeben!», hält er einleitend fest.Es ist eine schonungslose Abrechnung mit den Versäumnissen von Frankreichs Eliten, den militärischen, aber auch den politischen und akademischen. Sein geliebtes Land sei «durch Konservatismus abgestumpft, durch Konformismus eingeschläfert und durch Bürokratie erschlafft» (ein Satz, den Macron bei der Ankündigung von Blochs Pantheonisierung zitiert). Die Deutschen hätten den Krieg von heute geführt, die Franzosen einen Krieg von gestern und vorgestern. «Unsere Chefs (. . .) waren unfähig, den Krieg zu denken. Mit anderen Worten, der Triumph der Deutschen war im Wesentlichen ein intellektueller Sieg, und das ist vielleicht das Gravierendste an ihm gewesen.»Bald wird der Patriot Bloch wegen seiner jüdischen Herkunft von Vichy-Frankreich gedemütigt und mit dem Inkrafttreten des «Juden-Statuts» Ende 1940 vom öffentlichen Dienst ausgeschlossen. Wegen «aussergewöhnlicher wissenschaftlicher Verdienste» erhält er indes eine Sonderbewilligung, so dass er 1941 seine Lehrtätigkeit im noch unbesetzten Teil Frankreichs wiederaufnehmen kann, zuerst in Clermont-Ferrand, dann in Montpellier. Er könnte nach Amerika ausreisen, verzichtet aber darauf, weil er einen Teil seiner Familie zurücklassen müsste.«Ich bin Jude, wenn auch nicht aufgrund der Religion, die ich so wenig praktiziere wie irgendein anderer, so doch aufgrund meiner Geburt», schreibt er in «Die seltsame Niederlage». Darauf sei er weder stolz, noch schäme er sich, schliesslich sei er Historiker genug, um zu wissen, «dass der Begriff einer reinen Rasse eine besonders augenfällige Absurdität» sei. «Es gibt nur einen einzigen Fall, in dem ich mich bewusst zu meiner Herkunft bekenne, nämlich gegenüber Antisemiten.»«Ich bin Jude, wenn auch nicht aufgrund der Religion»: Marc Bloch (Mitte) mit seiner Mutter Sara und einem Neffen, undatierte Aufnahme.©collection particulière / GallimardFranzösische VerantwortungAls die deutschen Truppen im November 1942 auch die Vichy-Zone besetzen, wird Bloch offiziell in den Ruhestand versetzt. Bald lebt er nur noch für den Widerstand, Archivreisen dienen ihm als Tarnung, schliesslich geht er in den Untergrund, operiert unter mehreren Decknamen, etwa «Maurice Blanchard» (unter dem er schliesslich verhaftet werden wird). Er koordiniert die geheimen Treffen verschiedener Gruppierungen, zieht 1943 in seine Geburtsstadt Lyon, wo er eine Leitungsfunktion in der Résistance einnimmt und sein Organisationstalent beweist. Seine meist viel jüngeren Mitstreiter sind verblüfft über «die Bescheidenheit des brillanten und erfolgreichen Professors».Anfang März 1944 wird Marc Bloch schliesslich verhaftet. Der «Völkische Beobachter», die nationalsozialistische Parteizeitung, schreibt: «Jude leitete Mordbanden in Frankreich». Genaugenommen ist es aber nicht die Gestapo, die Bloch festnimmt, sondern eine rechtsextreme französische Miliz, die im Auftrag der Nazis operiert, Widerstandskämpfer und Juden jagt, wie die Historikerin Alya Aglan im soeben erschienenen Buch «La double mort de Marc Bloch» betont. Es sind Franzosen, die den Historiker und Widerstandskämpfer ins Hauptquartier der Gestapo in Lyon verschleppen und seinen Mördern ausliefern.Dieser Kontext der Kollaboration von Franzosen mit dem Nationalsozialismus und des Antisemitismus in Vichy-Frankreich, das engagierte Staatsbürger entrechtete, macht die Pantheonisierung noch symbolträchtiger. Nicht nur Marc Blochs wissenschaftliches Werk, das bis heute international prägend ist, sondern auch seine unerschütterliche Zivilcourage während Frankreichs dunkelster Zeit ist Anlass, sich wieder mit dieser eminenten Persönlichkeit zu beschäftigen.Seine Familie hat in einem Schreiben an Präsident Macron vorsorglich verlangt, «dass die extreme Rechte in all ihren Erscheinungsformen von jeder Teilnahme an der Zeremonie ausgeschlossen wird». Sie wehrt sich auch gegen eine chauvinistische Vereinnahmung Blochs: Er sei Patriot gewesen, aber kein Nationalist. Es soll zudem eine «rein weltliche» Zeremonie werden, wie es Bloch einst selbst in seinem Testament für die Trauerfeier verfügt hat.1941, in einer Zeit grosser Unsicherheit, schreibt er: «Mein ganzes Leben lang habe ich mich nach bestem Vermögen um absolute Aufrichtigkeit des Ausdrucks und des Geistes bemüht.» Als einzige Inschrift auf seinem Grabstein wünscht er sich nur zwei Worte: «dilexit veritatem» – er hat die Wahrheit geliebt.Passend zum Artikel
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