Gegen diese Gegner hilft kein Lionel Messi und auch kein Emiliano „Dibu“ Martínez. Das härteste Spiel des derzeit erfolgreichsten nationalen Fußballverbands der Welt wird nicht auf dem grünen Rasen bei der laufenden WM, sondern in den Büros der Staatsanwaltschaften in Argentinien und den USA ausgetragen. Im Zentrum der Ermittlungen steht Claudio Tapia, der Präsident des argentinischen Fußballverbands AFA. Ihm wird vorgeworfen, über ein ausgeklügeltes Netzwerk von Strohmännern Millionensummen auf Auslandskonten transferiert zu haben.Seit Monaten gibt es immer wieder Hausdurchsuchungen, Vorladungen in den Büros des Verbands und Ausreisebeschränkungen für Spitzenfunktionäre. Tapia bestreitet die Vorwürfe vehement. Seitdem die Polizei Aktenordner und Computer aus den AFA-Büros trug und immer mehr Details ans Licht kamen, die Tapia schlecht aussehen lassen, ist es aber vorbei mit der unbeschwerten Zeit des Dauerjubels.Denn unter Tapia erlebte die AFA ihre bislang erfolgreichste Zeit in der argentinischen Fußballgeschichte. Von 2021 bis 2024 gewann die „Albiceleste“ zweimal die Copa América, die Fußball-WM in Qatar 2022 und das interkontinentale Kräftemessen mit dem damaligen Europameister Italien. Tapia stieg im Windschatten der argentinischen Fußballstars zu einer wichtigen Figur im gesellschaftlichen Leben des südamerikanischen Landes auf.Über seine Schreibtische wandern nahezu alle Werbe- und Fernsehverträge, die mit der Vermarktung des aktuellen Fußball-Weltmeisters sowie der Liga mit den Spitzenklubs Boca Juniors und River Plate zu tun haben. Tapia und sein engstes Umfeld sind gefragte Gesprächspartner – immerhin spielt Lionel Messi, das weltweit größte Zugpferd in der Nationalmannschaft, im Trikot jenes Verbands, den sie vertreten. Zumindest noch für ein paar Wochen.Nun greifen auch drei Staatsanwälte aus den USA in die Ermittlungen ein. Einer von ihnen ist nach Medienberichten „Mitglied der Abteilung für Bankenintegrität“ und leitet zudem das Pilotprogramm des amerikanischen Justizministeriums für Unternehmens-Whistleblower. Ein anderer gilt als Experte für Geldwäsche. Und der dritte Staatsanwalt weist im Bundesstaat Florida schon einige Erfolge in schwerwiegenden Unterschlagungsfällen auf.Der Fall ist auch politisch brisantDie drei interessieren sich besonders für eine in Miami ansässige Verwaltungsgesellschaft der AFA, über deren Konten Hunderte Millionen Dollar flossen. Laut Recherchen der Tageszeitung „La Nación“ gibt es Indizien, die darauf hindeuten, dass mindestens 57 Millionen Dollar an zehn „Scheinfirmen“ überwiesen wurden, deren Gegenleistungen in den untersuchten Unterlagen nicht nachvollziehbar sind. Das wird Tapia den Staatsanwälten erklären müssen.Der Fall ist auch politisch brisant: Tapia steht dem linksperonistischen Gouverneur der bevölkerungsreichen Provinz Buenos Aires nahe. Axel Kicillof gilt als möglicher Herausforderer des aktuellen libertären Staatschefs Javier Milei bei den Präsidentschaftswahlen im kommenden Jahr. Milei will den argentinischen Vereinsfußball reformieren und ihn durch die Öffnung für ausländische Investitionen international wettbewerbsfähiger machen.Weil die Traditionsklubs Boca Juniors und River Plate inzwischen im südamerikanischen Vereinsfußball den Anschluss an die finanzstärkeren Klubs aus Brasilien verloren haben, bröckelt der anfangs einhellige Widerstand in der Debatte erstmals. Verbands- und Klubbosse wehren sich, weil sie um ihre Macht fürchten, die Fans sehen die Tradition in Gefahr. Allerdings basiert Mileis Vorschlag auf Freiwilligkeit, jeder Klub solle selbst entscheiden, wie er sich künftig aufstellt. Tapia lehnt wie der linksgerichtete oppositionelle Peronismus die wirtschaftsliberale Öffnung der Klubs ab.Bislang galt Tapia als unantastbar. Solange die Nationalmannschaft im wohl fußballverrücktesten Land Südamerikas gewinnt, wird der AFA-Boss als Teil der Erfolgsmaschinerie wahrgenommen. Und solange die läuft wie geschmiert, steht auch Tapia unter „Artenschutz“. Doch was passiert, wenn die vierjährige Siegesserie des aktuellen FIFA-Weltranglistenersten reißt, weiß niemand so recht.Es gilt als sicher, dass der 39 Jahre alte Messi unabhängig vom Turnierverlauf aus Altersgründen aus der Nationalmannschaft zurücktreten wird. Auch für Trainer Lionel Scaloni könnte eine neue Etappe anbrechen: „Vielleicht sucht er neue Herausforderungen“, sagte Messi vor wenigen Wochen mit Blick auf Scalonis Zukunftspläne. Der Verband könnte in ein paar Wochen vor einem weitreichenden Umbruch stehen. Und dann würde auch die Personalie Claudio Tapia neue Bedeutung bekommen.Zunächst einmal ist es Tapia gelungen, in die Vereinigten Staaten einzureisen. Die argentinische Justiz hatte ihm zwischenzeitlich für Auslandsreisen scharfe Auflagen erteilt. Es drohte Fluchtgefahr. „Ich freue mich sehr, hier in Kansas zu sein und unsere Nationalmannschaft zu begleiten, die ein ganzes Land mit Stolz vertreten wird. Wieder einmal: ZUSAMMEN!“, schrieb der Fußballboss in den sozialen Netzwerken nach der Ankunft der argentinischen Delegation. Zusammen mit den Fans hofft Tapia noch einmal auf ein spektakuläres argentinisches Turnier. Danach übernehmen dann die Staatsanwälte den Matchplan.