Vor dem Spiel gegen Weltmeister Argentinien an diesem Montag (19 Uhr MESZ im F.A.Z.-Liveticker zur Fußball-WM, in der ARD und MagentaTV) schirmt Österreichs Trainer Ralf Rangnick seine Mannschaft vor der Öffentlichkeit ab. Keine Interviews, keine Pressetermine, kein öffentliches Training. Nichts soll die Konzentration stören. Als Kontrastprogramm verordnete er Freizeit.Ein mutiger Schritt, so ziemlich jeder Teamchef hätte dafür in der Vergangenheit Kritik einstecken müssen. Nicht so Rangnick, dessen Beliebtheitswerte derzeit vielleicht so hoch sind wie noch nie. Erst recht, nachdem er sich vor wenigen Tagen mit einem offenen Brief an die Schüler und Schülerinnen des Landes gewandt hatte.Ein Ballon d’Or für Empathie?Als Trainer bedankte er sich für die Unterstützung der Jüngsten, die den 3:1-Sieg im Auftaktspiel gegen Jordanien gemeinsam in vielen Schulen verfolgt hatten – ab 6 Uhr in der Früh. „Es freut uns riesig zu sehen, wie ihr bei unseren Spielen mitfiebert, anfeuert, jubelt und uns die Daumen drückt. Genau solche Unterstützung gibt der Mannschaft ganz viel Kraft“, schrieb Rangnick. In den Kommentarspalten bekam er dafür überschwängliches Lob. „Absolute Weltklasse! Das verdient den Ballon d’Or der Empathie“, schrieb ein bekannter Fernsehkommentator.Österreich ist im Trainerleben des Ralf Rangnick die Liebe, die er so lange vergeblich gesucht hat. In Deutschland oft als Besserwisser verschrien, bekommt er im Nachbarland viel Zuneigung. Da erscheint es nur logisch, dass der 67-Jährige seinen Vertrag mit dem Verband vor der Weltmeisterschaft um zwei Jahre verlängerte.Frische Kräfte liefern neue EnergieMindestens bis zur kommenden Europameisterschaft soll Rangnick Österreichs Auswahl betreuen. „Für mich ist das eine Grundsatzentscheidung“, sagte der Trainer, der den Posten vor vier Jahren übernommen hatte.So klar wie auf den ersten Blick war die Vertragsverlängerung aber lange Zeit nicht. Im Gegenteil. Nach dem Jahreswechsel beschlich Rangnick das Gefühl, dass seine Zeit in Österreich nach der WM an ihr Ende kommen würde. „Die Frage war, ist das, was wir die letzten vier Jahre gemacht haben, noch zu toppen?“, sagte Rangnick.Die Qualifikation verlief schwieriger als gedacht, im entscheidenden Spiel gegen Bosnien sicherte Michael Gregoritsch erst in der Schlussphase die Teilnahme. Rangnick fühlte, dass die Mannschaft frische Kräfte brauchen würde, um mindestens auf dem gleichen Niveau weitermachen zu können. Er fand sie in Paul Wanner, der sich nach langem Überlegen für Österreich und gegen Deutschland entschied, und in Carney Chukwuemeka von Borussia Dortmund. Beide kamen gegen Jordanien nach rund einer Stunde ins Spiel und halfen, den wehrhaften Außenseiter niederzuringen. Gut möglich, dass sie gegen Argentinien von Beginn an spielen dürfen.Welle der BegeisterungÖsterreich befindet sich in einem sanften Übergang, der Zyklus der Generation Alaba, Gregoritsch, Sabitzer, Arnautovic geht langsam zu Ende. Die Erwartungen an die Mannschaft sind trotzdem groß, die Begeisterung im Land spricht Bände. Das Spiel gegen Jordanien brach trotz der frühen Anstoßzeit etliche Einschaltrekorde.Die positive Grundstimmung gegenüber der Nationalmannschaft machte Rangnick die Unterschrift leichter, entscheidender war aber, dass sich der Verband mit allen Mitarbeitern aus seinem Trainerteam auf eine weitere Zusammenarbeit verständigen konnte. „Fünfzig Prozent des Erfolgs gehen auf die Leute um mich herum zurück“, sagte Rangnick nach seiner Verlängerung.Ko-Trainer, Teammanager oder Pressemitarbeiter bekamen die lange gewünschten Vollzeitanstellungen, die sie vorher nicht hatten. Nur Lars Kornetka wird nach der WM aus dem Trainerteam ausscheiden. Er hatte im Frühjahr den Cheftrainerposten bei Eintracht Braunschweig übernommen und ist nur noch mal für die Weltmeisterschaft zurückgekehrt.Ein Rückschlag schweißte das Team zusammenAuch für Rangnick stand die Rückkehr in den Klub-Fußball immer mal wieder zur Debatte. Zuletzt gab es konkretes Interesse aus Italien. Traditionsklub AC Mailand hatte eine sechsköpfige Delegation nach Wien geschickt, man tauschte sich aus, aber Rangnick merkte schnell, dass ein Wechsel für ihn nicht infrage kommen würde. Zu unkonkret präsentierten sich die Gesandten. Ähnlich wie bei früheren Anfragen durch den FC Bayern oder Hertha BSC entschied er sich für den Verbleib beim Verband.Rangnick war wichtig, dass vor der WM Klarheit über seine Zukunft herrschen würde. Durch seine Verlängerung erhoffen sich die Österreicher den entscheidenden Auftrieb für einen langen Verbleib im Turnier. Bei der EM vor zwei Jahren überraschte die Mannschaft, als sie ihre schwere Vorrundengruppe vor Frankreich und den Niederlanden gewann. Dann kam das überraschende Aus im Achtelfinale gegen die Türkei. Eine Erfahrung, die Mannschaft und Trainer noch näher zusammenbrachte.In Nordamerika möchte Rangnick die eigenen Grenzen verschieben. Österreich ist zum ersten Mal seit 28 Jahren bei einer Endrunde dabei. „Einige der Spieler waren damals noch nicht mal geboren“, sagt er. Mindestens ein Punkt soll es gegen Argentinien sein, der Gruppensieg bleibt ein, wenn auch nicht ausgesprochenes, Ziel. Mit allen Mitteln ans Maximum, lautet Rangnicks Devise. Für weniger sind er und Österreich nicht zur WM gereist.
Fußball-WM 2026: Rangnicks stille Macht
Er schirmt ab, schweigt und ist beliebter denn je: Ralf Rangnick bereitet sein Team auch gegen Weltmeister Argentinien auf eigene Weise vor. Der 67-Jährige ist in Österreich längst mehr als ein Trainer.













