KommentarDas AKW-Neubauverbot muss weg. Doch die Massnahme darf nur der Anfang seinDas Parlament macht den Weg frei für die Kernenergie. Wer Versorgungssicherheit will, muss nun auch die gesetzlichen Blockaden für alle anderen vielversprechenden Technologien abbauen.22.06.2026, 09.21 Uhr3 LeseminutenBlick auf den Kuppelbau des finnischen Reaktors Olkiluoto 3. Dieser ging nach langen Bauverzögerungen 2023 in Betrieb.TVO via EPATotgesagte leben länger: Für keine Technologie ist dieser Spruch passender als für die Kernenergie. Nach dem verheerenden Reaktorunfall in Fukushima im Jahr 2011 wurde sie abgeschrieben. Ein berühmt gewordenes Titelblatt des Nachrichtenmagazins «Der Spiegel» zeigt den Moment, in dem das Reaktorgebäude in Japan explodiert. Die Schlagzeile darunter: «Das Ende des Atomzeitalters».Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die Voraussage hat sich nicht bewahrheitet. Das Image der Kernenergie hat sich von der Katastrophe in Fukushima erholt. Länder wie Frankreich planen den Ausbau, andere wie Polen den Einstieg. Forscher arbeiten an Dutzenden Projekten für neuartige Reaktoren. Diese sollen nicht nur sicherer sein, sondern auch günstiger.In der Schweiz herrscht eine andere Situation. Hier gilt das 2017 vom Stimmvolk beschlossene Verbot für den Bau neuer Kernkraftwerke. Die Initiative «Blackout stoppen» will es kippen. Der Bundesrat verfolgt das gleiche Ziel mit einem Gegenvorschlag, der diese Woche im Parlament aber beinahe gescheitert wäre. Der Nationalrat wies die Vorlage zurück und forderte vom Bundesrat, er müsse zuerst die Finanzierung neuer Reaktoren klären. Im zweiten Anlauf schaffte es der Vorschlag durch das Parlament. Schon Anfang 2027 dürfte das Stimmvolk entscheiden können.Hang zur PlanwirtschaftAngesichts der ausufernden Kosten von AKW-Projekten in Finnland oder Grossbritannien mag es sinnvoll erscheinen, vor der Aufhebung des Verbots nochmals über das Geld nachzudenken. Die Forderung nach immer neuen Berichten zeigt aber vor allem eines: Die Schweizer Energiepolitik hat einen fatalen Hang zur Planwirtschaft. Sie will heute schon akribisch festlegen, welche Energieformen das Land in zwanzig, dreissig oder vierzig Jahren versorgen dürfen – und welche nicht. Dass das nicht funktionieren kann, hat kürzlich ausgerechnet die Axpo aufgezeigt, die Betreiberin der Kernkraftwerke Beznau und Leibstadt.Der Stromkonzern hat eine umfassende Untersuchung zur Zukunft der Schweizer Stromversorgung veröffentlicht. Das bemerkenswerte Fazit: Nicht einmal die Axpo weiss, welche Mischung aus Produktionstechnologien für die längerfristige Versorgung der Schweiz am geeignetsten ist. Eines zeigt die Studie aber klar. Mit den geltenden politischen Rahmenbedingungen ist jede zukunftsträchtige Grosstechnologie chancenlos – nicht nur die Atomkraft, sondern auch der Ausbau von Wind- und Wasserkraft oder die Errichtung neuer Gaskraftwerke.Im Umkehrschluss bedeutet das: Es braucht einen gesetzgeberischen Effort, um faire Startbedingungen für alle vielversprechenden Produktionsarten zu schaffen. Bei der Kernkraft ist die eingeleitete Aufhebung des Neubauverbots der erste wichtige Schritt. Der Stromverbrauch in der Schweiz wird stark steigen, weil wir immer mehr mit Wärmepumpen heizen und mit Elektroautos fahren. In einer solchen Situation darf keine Technologie ausgeschlossen werden.Für das Ende des Verbotes sprechen noch weitere Gründe. Die Betreiber der bestehenden Schweizer Kernkraftwerke haben bereits heute Mühe, qualifiziertes Personal zu finden. Bleibt das Land bei seinem Technologieverbot, raubt es Nachwuchskräften die Perspektive, beschleunigt den Verlust von Know-how und gefährdet die Forschung in der Nukleartechnik.Zu hohe Hürden für andere TechnologienMit der Aufhebung des Kernkraftwerk-Bauverbots ist aber noch längst kein neuer Meiler gebaut. Das Stimmvolk hätte in jedem Fall das letzte Wort. Die öffentliche Meinung sieht die Kernenergie zwar wieder in deutlich positiverem Licht als nach dem Unfall in Fukushima. Doch sollte zum Beispiel irgendwo auf der Welt erneut ein schweres Unglück passieren, kann sich das rasch ändern.Darum muss auch der Ausbau anderer Produktionstechnologien ermöglicht werden. Gaskraftwerke könnten zwar zu einer wichtigen Stütze der Versorgung werden. Doch auch bei ihnen ist der regulatorische Rahmen ungenügend und die gesetzlichen Hürden sind hoch. Sie sind so stark mit CO2-Abgaben und kantonalen Bestimmungen zur Abwärmenutzung belastet, dass kein Stromversorger eines bauen wird. Bei der Wind- und Wasserkraft schrecken endlose Bewilligungsverfahren und kaum zu erfüllende Umweltschutzauflagen die Investoren ab.Wer es mit der Versorgungssicherheit wirklich ernst meint, muss also nicht nur das AKW-Verbot kippen, sondern auch die gesetzlichen Fesseln für alle anderen Produktionsarten lösen. Sonst droht der Schweiz die schlimmste aller Alternativen: irgendwann ohne genügend Strom dazustehen.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel