InterviewDas grosse Streitgespräch zur AKW-Debatte: «Sie politisieren an Ihrer Basis vorbei!» – «Das Volk will unseren Weg weitergehen»Am Montag könnte das Parlament das Neubauverbot für Kernkraftwerke kippen. Der FDP-Nationalrat Christian Wasserfallen sagt, das sei nötig für eine sichere Stromversorgung. Die Mitte-Nationalrätin Priska Wismer-Felder hält dagegen: Es sei perfide, den Leuten neue AKW zu versprechen, ohne zu sagen, was sie kosteten.13.06.2026, 05.29 Uhr9 LeseminutenVor dem Showdown: Kommende Woche entscheidet der Nationalrat, ob Kernkraftwerke künftig wieder bewilligt werden dürfen. Im Bild: der Kühlturm Gösgen.Bruno Kissling / CH MediaAm Montag zählt im Nationalrat jede Stimme. Einige Fraktionschefs haben ihre Gspänli bereits ermahnt, sich bei der Abstimmung über die Aufhebung des AKW-Verbots ja nicht auf dem WC zu verstecken. Üben Sie auch Druck aus?Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Priska Wismer-Felder: Bei uns gibt es das nicht. Der Druck kommt von der SVP und der FDP. Ich versuche, meine Kollegen von der Rückweisung des Gegenvorschlags zu überzeugen. Wir müssen zuerst die Finanzierung neuer Kernkraftwerke klären, bevor wir über die Aufhebung des Verbots debattieren.Christian Wasserfallen: Die FDP ist einstimmig und überzeugt für die Aufhebung des Technologieverbots. Ich stelle fest, dass viele Mitte-Ständeräte eine andere Position haben als Frau Wismer-Felder. Sie haben ein Problem.Wismer-Felder: Einstimmig? Ich weiss von Fraktionsmitgliedern in der FDP, die eigentlich gegen die Aufhebung des Neubauverbots stimmen möchten, sich aber der Parteidoktrin beugen müssen.Wasserfallen: Das ist reine Spekulation.Die Luzerner Mitte-Nationalrätin Priska Wismer-Felder.Der Berner FDP-Nationalrat Christian Wasserfallen.Bilder KeystoneWenn nun das Neubauverbot aufgehoben wird: Was bringt das konkret für die Versorgungssicherheit?Wasserfallen: Sehr viel. Wegen des Atomausstiegs werden wir ab 2030 rund ein Drittel der inländischen Stromproduktion verlieren. Gleichzeitig steigt der Bedarf von heute etwa 60 auf gut 80 Terawattstunden – es fehlt also die halbe gesicherte Stromproduktion! Das ist eine enorme Lücke, die sich mit dem Ausbau der Wasserkraft und der Photovoltaik allein nicht ansatzweise schliessen lässt. Das wird vor allem im Winter zu Engpässen führen. Die einzige Lösung ist deshalb der Bau eines neuen Kernkraftwerks und der Ausbau der Erneuerbaren.Der Strom könnte uns schon früher ausgehen . . .Wasserfallen: In der Übergangszeit gibt es zwei Optionen: Setzen wir auf die Erneuerbaren, werden wir jahrzehntelang auf Gaskraftwerke und massive Importe angewiesen sein. Gelingt es uns schon früher, ein neues Kernkraftwerk zu bauen, wird diese Zeitspanne verkürzt. Leider haben wir seit 2011, als der Bundesrat die geplanten neuen Kernkraftwerke stoppte, wertvolle Jahre verloren. Jetzt müssen wir das Versäumte nachholen.Wismer-Felder: Für die Versorgungssicherheit bringt die Aufhebung des AKW-Verbots gar nichts. Es gibt nur einen Weg – und das sind die erneuerbaren Energien. Das Parlament hat dazu mehrere Gesetze verabschiedet, darunter auch die Beschleunigung der Verfahren. Davon wird auch die Windkraft profitieren. Bisher dauerte es bis zu 15 Jahre, solche Anlagen zu realisieren. Künftig werden es nur noch fünf sein. Auch wenn Sie die Windkraft ignorieren: Sie wird dazu beitragen, dass wir auch im Winter genug Strom haben werden – und das lange bevor wir ein AKW bauen könnten.Wasserfallen: Sie glauben doch nicht im Ernst, dass wir mit Windrädern die Winterlücke schliessen können?Wismer-Felder: Sie helfen mit. Windkraftanlagen können hierzulande bis zu vier Terawattstunden zusätzlichen Winterstrom produzieren. Das ist doppelt so viel, wie der vorgesehene Ausbau der Wasserkraft bringt. Dazu kommt, dass wir bei der Photovoltaik bereits die Ziele übertroffen haben, die wir uns 2017 gesetzt hatten. Nun müssen wir alles dafür tun, damit wir auch die neuen, noch ambitionierteren Ziele für Sonnen-, Wind- und Wasserkraft erreichen. Setzen wir stattdessen auf neue Kernkraftwerke, gefährden wir diese Strategie.Wasserfallen: Um vier Terawattstunden Strom zu produzieren, braucht es gegen tausend Windturbinen. Das ist völlig unrealistisch. Da ich selbst beim grössten Windpark der Schweiz beteiligt war, weiss ich, wovon ich spreche. Der Widerstand ist gross, und es dauert Jahre, bis die Anlagen stehen. So werden wir im Winter stark abhängig von Gas und Importen.Wismer-Felder: Die Schweiz war im Winter schon immer auf Importe angewiesen, das ist auch gar kein Problem. Im Gegenteil: Günstig Strom aus dem Ausland zu beziehen, ist effizient. Damit wir uns weiterhin auf unsere Nachbarländer verlassen können, müssen wir aber ein Stromabkommen mit der EU abschliessen. Und was das Gas betrifft: Auch wenn eines Tages neue AKW gebaut würden, sind als Reserve Gaskraftwerke nötig.Ein grosser Teil des importierten Stroms stammt von französischen Kernkraftwerken. Wäre es nicht besser, diese Reaktoren stünden hierzulande?Wismer-Felder: Atomkraft ist in der Schweiz zu teuer. Wegen der Photovoltaik tendieren die Strompreise im Sommer mehr und mehr gegen null oder fallen in den negativen Bereich. Darum sind neue AKW niemals rentabel.Wasserfallen: Die Schweiz setzt seit Jahrzehnten auf einen Mix aus Kernkraft und Erneuerbaren – und das funktioniert hervorragend. Eine höhere Importabhängigkeit halte ich dagegen für riskant. Daran ändert auch ein Stromabkommen wenig. Wenn in Europa der Strom knapp wird, ist nicht garantiert, dass die Schweiz beliefert wird. Fakt ist: Rund 50 Prozent des Winterstroms stammen aus der Kernkraft. Ersetzen wir Leibstadt und Gösgen mit neuen Kernkraftwerken, kommt uns das laut einer Axpo-Studie 15 Milliarden Franken günstiger.Wismer-Felder: Nein. Diese 15 Milliarden Franken sparen wir nur, wenn wir die bestehenden Kernkraftwerke länger laufen lassen. Mit dem Bau neuer AKW hat das nichts zu tun.Wasserfallen: Aber dann müssen Links-Grün und die Mitte bereit sein, in den Langzeitbetrieb der bestehenden AKW zu investieren. Das jedoch bezweifle ich. Mit welchen Mehrheiten soll das gelingen, wenn man die Technologie so verteufelt wie Sie?Wismer-Felder: Das Schweizer Stimmvolk hat 2017 beschlossen, dass AKW so lange laufen dürfen, wie sie sicher sind. Das war ein kluger Entscheid. Die Gretchenfrage jedoch lautet, wie stark der Staat die Betreiber unterstützen muss, damit sie in einen Langzeitbetrieb investieren. Der Bundesrat sagt, dass eine Verlängerung des Betriebs ohne staatliche Hilfe möglich ist. Ob das tatsächlich so geht, müssen wir noch diskutieren.Wasserfallen: Wir müssen akzeptieren, dass es keine Stromproduktion ohne staatliche Unterstützung gibt. Ich befürchte, dass sowohl die Linke als auch die Mitte nicht in den Langzeitbetrieb investieren wollen und die AKW dann ersatzlos stillgelegt werden müssen. Als Berner bin ich ein gebranntes Kind: Hätte man in Mühleberg 150 oder 200 Millionen Franken investiert, wäre das Kernkraftwerk am Netz geblieben. Man hätte dann nicht für eine halbe Milliarde Franken als Reserve ein Ölkraftwerk in Birr bauen müssen, das keine einzige Kilowattstunde Strom produziert hat.Wismer-Felder: Das stimmt doch nicht. Auch wenn Mühleberg am Netz geblieben wäre, hätten wir das Reservekraftwerk Birr bauen müssen, da europaweit eine Mangellage beim Strom drohte.Ganz simpel gefragt: Ist die Aufhebung des Neubauverbots der Startschuss für ein neues AKW?Wismer-Felder: Bundesrat Albert Rösti will im Anschluss eine Finanzierungsvorlage bringen. Seine Hoffnung ist, dass potenzielle Betreiber ein Projekt entwerfen. Allein diese Projektskizze wird 100 Millionen Franken kosten. Doch die Betreiber werden keinen Bleistift in die Hand nehmen, bevor sie nicht wissen, ob der Staat ein neues AKW subventionieren wird. Darum verstehe ich nicht, warum die AKW-Befürworter sich wehren, die Finanzierungsfrage schon jetzt zu klären.Wasserfallen: Angenommen diese Frage wäre geklärt: Würden Sie die Aufhebung des Neubauverbots unterstützen?Wismer-Felder: Das kann ich Ihnen erst sagen, wenn ich weiss, wie die Finanzierung aussehen wird. Falls Sie dafür den Netzzuschlagfonds schröpfen wollen – der für den Ausbau der Erneuerbaren geschaffen wurde –, bin ich dagegen.Wasserfallen: Sie sind sowieso dagegen, seien Sie ehrlich!Herr Wasserfallen, auch an Sie die Frage: Ist das der Startschuss für ein neues AKW?Wasserfallen: Natürlich. Wenn wir wollen, dass wir in unserem Land eine gesicherte und bezahlbare Stromversorgung und damit auch eine industrielle Zukunft haben, müssen wir jetzt entschlossen handeln. Doch die Mitte scheint nicht bereit zu sein, ihre eigenen Fehler in der Energiepolitik zu bereinigen und Verantwortung für das Land zu übernehmen. Dieser Weg führt blindlings zu einer Situation wie in Deutschland. Das will ich nicht.Frau Wismer-Felder, Sie halten es kaum noch auf dem Stuhl aus. Bitte, Ihr Konter!Wismer-Felder: Die Bevölkerung hat sich für unseren Weg entschieden. Zudem haben wir Studien der ETH, Szenarien der Axpo und die Energieperspektive des Bundes, die allesamt bestätigen, dass er funktioniert. Das ist kein Blindflug.Wasserfallen: Wir brauchen alle Stromquellen, um dieses gigantische Problem endlich zu lösen und die Klimaziele einhalten zu können, sonst werden wir uns schon bald vor der Bevölkerung rechtfertigen müssen. Übrigens hat sich die Bevölkerung längst für die Kernenergie geöffnet. Laut einer aktuellen Umfrage begrüssen satte 57 Prozent der Mitte-Wähler die Aufhebung des AKW-Neubauverbots.Wismer-Felder: Falsch! 57 Prozent unterstützen zurzeit die Blackout-Initiative, die der Bundesrat – und auch wir beide – klar ablehnt. Sie gefährdet die Versorgungssicherheit, weil sie Gaskraftwerke verbieten will, die wir als Versicherung brauchen. Die Zustimmung zum Gegenvorschlag ist viel tiefer. Das zeigt: Die Bevölkerung hat sich noch nicht detailliert mit der Vorlage beschäftigt.Reden wir über die Finanzierung. Wer soll ein neues AKW bezahlen?Wasserfallen: Laut Frau Wismer-Felder kostet eine Projektskizze für ein neues Kraftwerk 100 Millionen Franken. Über den Netzzuschlag von 2,3 Rappen nehmen wir 1,3 Milliarden Franken pro Jahr ein – Geld gibt es also genug. Die Frage ist, ob es zielgerichtet eingesetzt wird. Wenn ein Kraftwerk 15 Milliarden Franken kostet und wir zwei Jahrzehnte Zeit haben, es über diesen Fonds zu finanzieren, ist das absolut machbar. Als Entgegenkommen könnte man den Netzzuschlag dafür um wenige Bruchteile eines Rappens erhöhen, damit das Geld nicht den Erneuerbaren streitig gemacht wird.Wismer-Felder: Ich bin fasziniert. Das ist ein neuer Christian Wasserfallen. Jahrelang haben Sie sich gegen den Netzzuschlag gewehrt. Wenn es um ein neues AKW geht, soll staatliche Unterstützung plötzlich kein Problem mehr sein.Wasserfallen: Ich war bloss dagegen, bei negativen Strompreisen im Sommer noch mehr Subventionen in der Solarenergie zu verpulvern und das Winterhalbjahr ausser acht zu lassen.Frau Wismer-Felder, wie sollte die Finanzierung Ihrer Meinung nach aussehen?Wismer-Felder: Was Herr Wasserfallen hier vorschlägt, würde eine Erhöhung des Netzzuschlages bedeuten. Oder einen Aufschlag bei der Mehrwertsteuer. Angesichts der jüngsten Debatten im Parlament dünkt mich das eher schwierig. Wir müssen dem Volk klar darlegen, was ein neues AKW kosten würde. Alles andere ist nicht seriös. Sonst landen wir in einer Situation wie bei der 13. AHV-Rente: Niemand wollte vor der Abstimmung über das Preisschild reden. Jetzt sehen wir im Parlament, dass wir nicht in der Lage sind, eine Finanzierung zu garantieren. Das darf sich nicht wiederholen.Wie wahrscheinlich ist es, dass in absehbarer Zeit eine neue Generation von AKW die Marktreife erlangt?Wismer-Felder: Weltweit wird seit Jahren dazu geforscht und ebenso lange werden schon Durchbrüche versprochen. Doch eine neue Reaktortechnologie, die sicher ist und keine radioaktiven Abfälle produziert, wird wohl frühestens in zehn oder fünfzehn Jahren baureif sein. Mindestens bis dahin sollten wir mit der Planung eines neuen Kernkraftwerks zuwarten. Das ist sinnvoller, als in eine veraltete Technologie zu investieren, die uns in den nächsten achtzig Jahren die bekannten Probleme bringt.Wasserfallen: Die technologische Entwicklung zeigt etwas ganz anderes. Hitachi zum Beispiel baut derzeit einen hochmodernen Reaktor in Kanada. Sobald kleine, modulare Reaktoren zur Verfügung stehen, können wir die Kosten und die Risiken massiv senken.Heisst das, ein konventioneller Reaktor, wie er im französischen Flamanville gebaut wurde, kommt nicht infrage?Wasserfallen: Welche Lösung die beste ist, wird sich erst im ordentlichen Rahmenbewilligungsverfahren klären.2022 erklärten die Delegierten der FDP, dass sie neuen AKW nur unter der Prämisse zustimmen, dass eine neue Generation von Reaktoren zur Verfügung steht. Gilt das immer noch?Wasserfallen: Wir halten uns daran. Jetzt kippen wir das Verbot, und sobald ein Bewilligungsverfahren auf dem Tisch liegt, klären wir die Frage des Reaktortyps.Wismer-Felder: Sie führen die FDP-Delegierten an der Nase herum!Wasserfallen: Die jüngste Umfrage zeigt: Sie politisieren an der eigenen Basis vorbei! Verweigerung ist keine Position!Offenbar ist hier eine Abkühlung nötig: Am Ende entscheidet sowieso das Volk über neue AKW. Ist Ihre Aufregung nicht übertrieben?Wismer-Felder: Vielleicht. Ich bin zuversichtlich, dass das Volk unseren Weg weitergehen will.Wasserfallen: Frau Wismer-Felder argumentiert nicht konsistent. Mit etlichen Auflagen will sie die Aufhebung des Neubauverbots zum Scheitern bringen. Das ist perfide und nicht konstruktiv.Wismer-Felder: Perfide ist, den Leuten etwas zu versprechen und ihnen erst im Nachhinein zu erklären, wie viel es kostet.Wasserfallen: Das Kernenergiegesetz in Artikel 48 ist klar: Gibt es ein konkretes Projekt, braucht es eine Rahmenbewilligung und die Definition der Finanzierung. Dagegen kann man das Referendum ergreifen. So einfach ist es!Glühender AtombefürworterChristian Wasserfallen sitzt seit 2007 für die FDP im Nationalrat. Der 44-Jährige gehört im Bundeshaus zu den resolutesten AKW-Befürwortern. Den Atomausstieg der Schweiz bezeichnete der Berner früh als Fehler und machte sich bereits für eine Renaissance der Kernkraft stark, als seine Partei noch hinter der Energiestrategie 2050 stand, die ohne neue AKW auskommen wollte. Wasserfallen ist Mitglied der Energiekommission des Nationalrats.Fürsprecherin der WindkraftDie Luzerner Mitte-Nationalrätin Priska Wismer-Felder setzt sich im Parlament stark für den Ausbau der erneuerbaren Energien ein. In der Branche ist die 55-Jährige bestens vernetzt: Sie ist Vizepräsidentin von Suisse Eole, der Vereinigung zur Förderung der Windenergie, und Co-Präsidentin von AEE Suisse, dem Dachverband der Wirtschaft für erneuerbare Energien. Wismer-Felder führt zusammen mit ihrem Mann in Rickenbach einen Bauernhof.Passend zum Artikel