ErklärtBraucht der Körper im Alter zusätzliche Pillen – oder reicht, was auf dem Teller liegt?Mit den Jahren verändert sich der Körper, nicht aber die Grundregel: Wer sich ausgewogen ernährt, braucht keine zusätzlichen Nährstoffe – Ausnahmen bestätigen die Regel.Adrian Ritter08.04.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenIllustration Simon Tanner / NZZLeserfrage: Sollte ich als 62-jähriger gesunder Mann regelmässig gewisse Nahrungsergänzungsmittel einnehmen?Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Eine klare Frage und eine klare Antwort: «Nein», sagt Dorothee Volkert, Professorin für Klinische Ernährung im Alter an der Friedrich-Alexander-Universität in Nürnberg. Nahrungsergänzungsmittel brauche man auch mit über 60 Jahren nicht.Wohl & Sein antwortetIn der Rubrik «Wohl & Sein antwortet» greifen wir Fragen aus der Leserschaft rund um Gesundheit und Ernährung auf. Schreiben Sie uns an [email protected].Mit dem Alter verändert sich der Körper und verbraucht weniger Kalorien. Trotzdem benötigt man auch im Alter die ganze Palette an Nährstoffen – von Proteinen und Fetten über Vitamine bis zu Spurenelementen. «Supplemente, also Nahrungsergänzungsmittel, sind für gesunde Menschen, die sich abwechslungsreich und gemäss den gängigen Ernährungsempfehlungen der Fachgesellschaften ernähren, dagegen nicht nötig», sagt Volkert. Und zwar unabhängig davon, ob man 62 oder zum Beispiel 78 Jahre alt ist: «Entscheidend ist nicht das Alter, sondern der Gesundheitszustand.»Gefahr der ÜberdosierungOhne Symptome und mit einer abwechslungsreichen Ernährung dürfe man bis ins hohe Alter entspannt bleiben. «Studien zeigen, dass gesunde Menschen, die Nahrungsergänzungsmittel zu sich nehmen, nicht noch gesünder sind als solche, die das nicht tun», so Volkert. Auch präventiv lasse sich mit Supplementen nichts erreichen – weder gegen kognitiven Leistungsabbau noch, um beispielsweise Infektionen zu verhindern.Im Gegenteil kann die Gefahr einer Überdosierung drohen. Je nach Nährstoff hat der Körper eine unterschiedliche Bandbreite der Toleranz. Entsprechend werden für viele Vitamine und Mineralstoffe Höchstmengen definiert.Zu Mangelerscheinungen komme es meist erst, wenn eine Person etwa aufgrund von chronischen Krankheiten körperlich eingeschränkt sei. Dann leide auch die Ernährung – beispielsweise, weil man weniger gut einkaufen und kochen könne und sich entsprechend einseitiger ernähre oder allgemein zu wenig Nahrung zu sich nehme. Ausserdem: Ist man weniger mobil und geht weniger nach draussen, fehlt es an Sonnenlicht, was zu einem Vitamin-D-Mangel führen kann. Dies ist insbesondere im Alter relevant, wenn der Körper das Vitamin ohnehin weniger gut herstellen kann.Nur nach ärztlicher Rücksprache«Bei einer eingeschränkten Mobilität ist eine Supplementierung mit Vitamin D gerechtfertigt», sagt Volkert. Aber auch dabei sollte der Grundsatz gelten: Nahrungsergänzungsmittel nur einnehmen, wenn ein Mangel an einem bestimmten Nährstoff aufgrund eines Bluttests ärztlich festgestellt worden ist. In der Praxis sieht das anders aus. Gemäss Schätzungen nimmt in der Schweiz und in Deutschland rund ein Drittel der Bevölkerung Supplemente ein – bei älteren Menschen ist der Anteil gemäss Volkert besonders hoch. Zumeist geschieht dies ohne vorherige medizinische Abklärung.Aber wie merkt man, dass ein Arztbesuch mit Bluttest angezeigt wäre? Gemäss Volkert ist dies bei Symptomen nötig wie wiederkehrenden rissigen Mundwinkeln, Entzündungen im Mund, Krämpfen, Muskelzuckungen, Haarausfall oder brüchigen Fingernägeln. An welchem Nährstoff es bei solchen Anzeichen allenfalls mangelt, könne man daraus noch nicht schliessen – aber eine Abklärung sei sinnvoll. «Nährstoffdefizite entwickeln sich meist schleichend. Der Körper zehrt erst noch von den Reserven. Erst wenn diese erschöpft sind, treten Krankheitszeichen auf», sagt Volkert. Regelmässige vorsorgliche Bluttests auf Nährstoffmangel sind für Menschen ohne Symptome nicht nötig. Im Einzelfall sollte man aber im Zweifel mit dem Hausarzt sprechen.Newsletter «Wohl & Sein»Vertiefen Sie Ihr Wissen über Ernährung, Gesundheit und Psychologie mit unserem Newsletter «Wohl & Sein». Jeden Donnerstag in Ihrem Posteingang.Zur AnmeldungGefahr von WechselwirkungenZu beachten sind zwei weitere Punkte im Zusammenhang mit der Nährstoffversorgung. Im Alter leiden Menschen häufiger an Magen-Darm-Krankheiten. Das kann dazu führen, dass der Körper Nährstoffe weniger gut aufnehmen kann und ein Mangel droht. Bei gewissen Medikamenten können zudem Wechselwirkungen mit Nährstoffen auftreten.Das kann dazu führen, dass Medikamente anders wirken. Es kann auch passieren, dass Nährstoffe weniger gut aufgenommen werden. Wenn man an Krankheiten leidet oder Medikamente einnimmt, sollte man die Nährstoffversorgung und eine allfällige Supplementierung bei der ärztlichen Behandlung deshalb thematisieren.Eine Ernährungsberatung kann zudem sinnvoll sein, wenn jemand eine spezielle Ernährungsform hat und beispielsweise vegan lebt. Grundsätzlich aber spricht für Volkert alles für eine Ernährung ohne Supplemente: «Die Nährstoffe in ihrer natürlichen Form und in der ganzen Palette in der täglichen Ernährung aufzunehmen, ist für den Körper bekömmlicher – und schmeckt auch besser.»Sie haben auch eine Frage rund um Ernährung und Gesundheit? Schreiben Sie uns an [email protected].Passend zum Artikel