«China steckt in einer Krise der Männlichkeit», sagt Wang Qing, die mit ihrem Podcast zu einer der wichtigsten Stimmen der chinesischen Jugend geworden istWer die sinkende Geburtenrate verstehen wolle, müsse die Frauen verstehen, sagt Wang Qing. Für sie ist die Geburtenkrise ein Ausdruck des Geschlechterkampfs. Und: Noch nie sei so schonungslos über Schwangerschaft, Geburt und Mutterschaft gesprochen worden wie heute.22.06.2026, 05.30 Uhr8 LeseminutenDie trotzige Molly-Figur des chinesischen Spielzeugherstellers Pop Mart und mittendrin ein Mann. In China kämpfen die Geschlechter um Rollenbild und Aufgabenteilung, sagt die Podcasterin Wang Qing.Andy Wong / APFrau Wang, China versucht, die Geburtenrate mit finanziellen Anreizen zu erhöhen. Sie sagen, man müsse auch über das Verhältnis zwischen Frauen und Männern sprechen. Warum?Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Natürlich ist es teuer, in China ein Kind grosszuziehen. Aber wenn der Staat nur Geld auszahlt, versteht er nicht, was sich im Kopf vieler Frauen verändert hat. Frauen wollen andere Bedingungen, unter denen Mutterschaft möglich ist. Für mich sind die sinkenden Geburtenraten ein Spiegel dessen, was gerade zwischen den Geschlechtern passiert. Und zwar nicht nur in China. Wir beobachten das in vielen Ländern der Welt, in Asien, Europa, den USA. In China wirkt es nur besonders dramatisch, weil das Land so gross ist und die Veränderung so rasch passiert.Welche Veränderung meinen Sie?Chinesinnen haben heute mehr Ressourcen als vor zwanzig oder dreissig Jahren. Sie sind wirtschaftlich unabhängiger, sie sind sichtbarer im öffentlichen Raum. Viele Frauen stellen heute Fragen, die früher kaum gestellt wurden: Was bedeutet ein Kind für meinen Körper? Für meine Arbeit? Für meine Freiheit? Viele wollen Kinder. Aber sie wollen sie zu ihren eigenen Bedingungen. Und wenn diese Bedingungen nicht stimmen, warten sie. Oder sie entscheiden sich dagegen.Zur PersonPDWang Qing, PodcasterinDie 36-jährige Wang Qing gehört zu den einflussreichsten intellektuellen Stimmen der chinesischen Öffentlichkeit. Sie ist Mitgründerin und Moderatorin des Podcasts 不合时宜 (The Weirdo), einem unabhängigen Podcast mit über einer Million Followern. Darin spricht sie über China, Weltpolitik, Feminismus, Medien und die Lebensgefühle einer jungen chinesischen Generation. Davor berichtete Wang jahrelang als Korrespondentin aus Europa, unter anderem für das Schanghaier Medienunternehmen Jiemian News und als Reporterin für Radio Netherlands Worldwide. Wang ist Fellow bei der Asia Society Switzerland in Zürich, am Asia Society Policy Institute und am Leiden Asia Centre. Sie lebt in New York und Amsterdam.Frauen haben mehr Möglichkeiten – und fragen sich ganz grundsätzlich, wofür sie noch einen Mann brauchten. In China sinken ja auch die Heiratsraten.Das hat verschiedene Ursachen. Ich habe den Eindruck, dass manche weniger Interesse an echten Beziehungen haben als früher. Man kann sehr viel Zeit mit dem Smartphone verbringen. Das ist einfacher, als sich auf einen anderen Menschen einzulassen.Es gibt eine neue Studie aus den USA, die eine Korrelation zwischen der Verbreitung des Smartphones und der sinkenden Geburtenrate nachweist. Sehen Sie da auch einen Zusammenhang?Das Smartphone hat auch dazu geführt, dass die jungen Leute informierter sind. Sie lesen Erfahrungsberichte, Warnungen. Viele wissen sehr genau, worauf sie bei der Partnerwahl achten müssen. In einer romantischen Beziehung kann vieles noch gleichberechtigt wirken. Aber in einer Ehe geht es um Eigentum, Kind, Karriere, Schwiegereltern, Pflege der Eltern. Für viele Frauen ist die Ehe ein Risiko, das man prüfen muss. Das Verhältnis zwischen Frauen und Männern ist definitiv angespannter geworden. Misstrauischer.Inwiefern?Viele Männer haben das Gefühl, etwas zu verlieren. Sie stecken in einer Nostalgiefalle. Sie sehnen sich nach einer Zeit zurück, in der sie mehr Macht hatten, mehr Ressourcen, mehr Selbstverständlichkeit. Diese Position war für sie normal. Jetzt wird sie infrage gestellt.Wie zeigt sich das konkret?Ein gutes Beispiel ist die Stand-up-Comedy in China, ein sehr beliebtes Format. Vor einigen Jahren machte die Komikerin Yang Li einen Witz über Männer. Sie sagte sinngemäss: Viele Männer sind so durchschnittlich – und trotzdem so selbstbewusst.Das klingt jetzt nicht besonders hart.Aus Sicht vieler Frauen war es einfach lustig. Viele dachten: Ja, genau solche Männer kenne ich. Aber im Internet gab es eine riesige Kampagne gegen Yang Li. Männer warfen ihr vor, männerfeindlich zu sein. Sie wurde beschimpft, Marken wurden unter Druck gesetzt, nicht mehr mit ihr zu arbeiten. Sie wurde gecancelt.Wegen dieses einen Satzes?Ja. Und das Interessante ist: Das kam nicht vom Staat. Es kam von unten, aus dem Internet. Aber es hatte eine disziplinierende Wirkung. Andere Komikerinnen überlegen sich seither sehr genau, wie weit sie gehen können, wenn sie Witze über Männer machen. Ein harmloser Witz kann als Angriff empfunden werden. Für mich zeigt das: China steckt in einer Krise der Männlichkeit.Das müssen Sie ausführen.Viele Männer wissen nicht, welche Rolle sie heute einnehmen sollen. Frauen wollen gleichberechtigter leben. Viele Männer können damit nicht umgehen.Und wie hängt das mit der Geburtenrate zusammen?Die Geburtenkrise ist auch eine Vertrauenskrise. Das hat unter anderem mit den vielen Missbrauchsfällen zu tun, die in den letzten Jahren öffentlich geworden sind: 2018 schwappte die #MeToo-Welle nach China, aber es gab auch jüngst wieder einen Skandal um einen Vergewaltigungsring von acht Chinesen in Deutschland. Der Fall gab in China stark zu reden. Wenn Frauen von solchen Geschichten hören, denken sie: Das könnte auch mir passieren. Ich muss vorsichtiger sein, vielleicht mein Verhalten ändern, wenn ich mit Männern ausgehe. Das Misstrauen überträgt sich auch auf bestehende Beziehungen und auf die Kinderfrage. Viele Frauen fragen sich heute: Kann ich mich auf diesen Mann verlassen? Wird er wirklich Verantwortung übernehmen? Oder wird am Ende doch alles an mir hängenbleiben?In Europa und in den USA finden solche Debatten stark im Internet statt. In China auch?Ja, aber das ist ganz neu. Heute sprechen chinesische Frauen beispielsweise offen und schonungslos über Schwangerschaft, Geburt und Mutterschaft. Das war lange tabu. Die Generation meiner Mutter oder Grossmutter sagte einfach: Jede Frau muss da durch. Du schaffst das auch. Mach kein Drama daraus. Heute erzählen Frauen online über Schmerzen, über Geburtsverletzungen, übers Stillen, über die Erschöpfung in den Monaten nach der Geburt. Es ist vermutlich das erste Mal in der Geschichte, dass so viele Frauen ihre Erfahrungen öffentlich teilen.Solche Berichte können eine abschreckende Wirkung haben. Ist das vielleicht auch ein Grund dafür, dass sich immer mehr Frauen gegen Kinder entscheiden?Möglicherweise. Frauen merken dadurch: Ich bin nicht allein. Und Männer können diese Erfahrungen auch sehen. Der Ehemann kann nicht mehr einfach sagen: Stell dich nicht so an, alle Frauen bekommen Kinder. Heute kann eine Frau sagen: Doch, schau hin. Das passiert mit unserem Körper.Das ist die positive Seite daran. Aber wenn ich mir solche Berichte anschaue, habe ich den Eindruck, dass dabei die schönen Seiten des Mutterseins untergehen.Das stimmt, diese Gefahr gibt es. Auf Social Media kann man schnell in eine negative Spirale geraten. Wenn man viel über Geburtsverletzungen liest, bekommt man noch mehr davon angezeigt. Es gibt auch Untersuchungen zum chinesischen sozialen Netzwerk Xiaohongshu, die zeigen, wie der Algorithmus bei jungen Frauen die Angst davor, Kinder zu bekommen, verstärken kann.Ja. Wenn mir vor der Geburt meiner Tochter bewusst gewesen wäre, wie sie im Detail verlaufen wird, ich weiss nicht, ob ich mich getraut hätte. Ist es nicht manchmal gut, weniger zu wissen?Das glaube ich nicht. Informierte Menschen treffen bessere Entscheidungen. Es geht nicht darum, nur Horrorgeschichten zu erzählen. In unserem Podcast sprechen wir auch mit Frauen, die gern Mutter sind und die Mutterschaft als etwas Schönes erleben. Aber lange Zeit wurde fast nur die Geschichte der glücklichen Mutter erzählt. Neu ist, dass auch die andere Seite sichtbar wird. Eine Geburt kann wunderschön sein. Aber selbst im besten Fall ist sie ein dramatischer körperlicher Prozess. Frauen haben das Recht, das vorher zu wissen. Erst dann können sie sich wirklich entscheiden.In China ist also die Kinderfrage eine rationale Entscheidung geworden, ein Gegenstand der Verhandlung zwischen den Geschlechtern?Ja, genau. Früher wurde einfach vorausgesetzt, dass die Frau Kinder bekommt und die Hauptverantwortung für sie trägt. Heute akzeptieren viele Frauen das nicht mehr automatisch. Sie wollen wissen, ob sie ihren Job behalten können, wer sich nachts um das Kind kümmert, wer mit ihm zum Arzt geht, wer den Alltag organisiert. Der Partner wird zum Team-Kollegen.Nicht gerade romantisch.Der Begriff zeigt, wie nüchtern viele Frauen heute über Ehe und Kinder sprechen. Ein Kind zu haben, ist ein gemeinsames Projekt. Fast wie ein kleines Unternehmen. Es gibt auch Frauen, die schreckt das ab. Sie möchten lieber in der romantischen Zweierbeziehung bleiben. Ohne den Druck, daraus eine Familie machen zu müssen.In China arbeiten die meisten Frauen nach der Geburt weiter. Ab drei Jahren beginnt der Kindergarten, der auf die regulären Arbeitszeiten abgestimmt ist. Das klingt aus Schweizer Sicht nach Strukturen, die auf eine gleichberechtigte Arbeitsteilung der Eltern ausgelegt sind.Ja, aber das heisst nicht, dass es leicht ist. Es kann auch eine neue Überforderung sein. Chinesische Frauen sollen alles schaffen: eine gute Mutter sein und gleichzeitig beruflich erfolgreich bleiben, eine gute Ehe führen, die Beziehungen zu ihren Eltern und Schwiegereltern harmonisch gestalten. Und wenn sie erschöpft sind, ist das ihr persönliches Problem.In China spielen die Grosseltern eine wichtige Rolle – sie helfen, mischen sich aber auch ein. Schreckt das junge Frauen ab?Ja, in China ist es viel üblicher als in Europa, dass Grosseltern bei der Kinderbetreuung helfen. Ohne sie wäre es oft nicht möglich, dass beide Eltern arbeiten. Aber man holt sich nicht nur Hilfe ins Haus, sondern auch andere Vorstellungen vom Leben, von Erziehung, von Ehe. Viele junge Frauen wollen heute nicht mehr mit den Schwiegereltern zusammenleben oder ständig von ihnen abhängig sein. Es geht um Selbstbestimmung. Sie sind weniger bereit, sich anzupassen.In Europa und den USA lassen immer mehr Frauen ihre Eizellen einfrieren und verschieben die Kinderfrage auf später. In China gibt es noch keinen legalen Weg dazu für unverheiratete Frauen. Könnte der Staat hier ansetzen?Theoretisch ja, aber ich bezweifle, dass es die Geburtenrate ankurbeln würde. Männer dürfen übrigens Sperma einfrieren lassen. Das zeigt, wie der Staat denkt: Erst soll die Frau heiraten, dann Kinder bekommen. In China gibt es kaum Kinder ausserhalb der Ehe, es ist gesellschaftlich weder akzeptiert, noch gibt es dafür einen politischen Konsens.Eizellen einfrieren lassen heisst ja nicht, dass die Frau alleine ein Kind grossziehen will. Es verschafft der Frau einfach mehr Zeit.Genau. Viele Frauen sagen: Ich will nicht gezwungen sein, jetzt ein Kind zu bekommen, nur weil mein Körper, meine Familie oder der Staat mir einen Zeitplan vorgibt.Dabei war der Zeitplan in China lange sehr klar von der Gesellschaft vorgegeben: Vor 30 hat man zu heiraten, dann folgt ein Kind. Alleinstehende Frauen über 30 nannte man «Übriggebliebene». Sind alternative Lebensmodelle gesellschaftlich akzeptierter geworden?Ja. Für die Generation, die heute an der Universität ist oder noch jünger, sind Kinder optional geworden. Für meine Generation fühlte es sich noch stärker wie ein Muss an. Meine 91-jährige Grossmutter fragt mich jedes Mal, wenn ich sie besuche: «Wann bekommst du ein Kind?»Passend zum Artikel
Wer die sinkende Geburtenrate verstehen wolle, müsse die Frauen verstehen, sagt Expertin
Wer die sinkende Geburtenrate verstehen wolle, müsse die Frauen verstehen, sagt die führende chinesische Intellektuelle Wang Qing. Und: Noch nie sei so schonungslos über Schwangerschaft, Geburt und Mutterschaft gesprochen worden wie heute.









