Der Online-Frauenhass in China ist das Symptom einer tieferen KriseChina ringt mit seiner eigenen Version der «Manosphere». Doch der digitale Frauenhass ist nur die Spitze des Eisbergs.09.08.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenMänner, die in China unfreiwillig zölibatär leben, bekunden Mühe, sich an die veränderten Dynamiken der Geschlechterrollen anzupassen.Andy Wong / APSie sind zahlreich, und sie sind frustriert: akademisch gebildete Influencer aus China, die auf sozialen Netzwerken wie der Plattform Zhihu auf grosses Interesse stossen. Zum Beispiel Peng Huitang, der 50 000 Follower hat und regelmässig gegen moderne Frauen wettert: «Junge Frauen, die von feministischem Gedankengut einer Gehirnwäsche unterzogen wurden, hassen Männer immer mehr. Das führt zu der Vorstellung, Männer würden Frauen von Geburt an etwas schulden.»Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Ein anderer Influencer, bekannt unter dem Pseudonym Ying Yueyong, rief in einem Video auf der Plattform Bilibili, das vier Millionen Mal aufgerufen wurde, zum «Widerstand» auf: «Männer dürfen angesichts jahrelanger Schikane nicht länger schweigen.» Dabei bedient er auch die unter solchen Akteuren populäre nationalistische Rhetorik: «Extremer Feminismus ist ein gemeinsames Instrument akademischer Cliquen und ausländischer Kräfte.» Willkommen in der chinesischen Manosphere.Wie die meisten Länder verfügt auch China über zahlreiche Online-Gemeinschaften unverheirateter Männer. Einige sind wütende Nationalisten, andere eingefleischte Misogyne. In ihren Beiträgen behaupten sie, die Gesellschaft bevorzuge Frauen – obwohl deren Platz eigentlich in der Küche und im Schlafzimmer sei. Die Überschneidungen sind fliessend, viele Akteure bleiben anonym.Bezeichnenderweise gibt es im Chinesischen keine direkte Übersetzung für das Wort «Manosphere». Denn der digitale Zorn der chinesischen Männer ist nur der radikalste Ausdruck einer weitaus breiteren Frustration, die Millionen Männer im ganzen Land teilen – sowohl online als auch offline. Traditionelle patriarchale Werte sind in China tiefer verwurzelt als im Westen; der Feminismus ist ein jüngeres Phänomen. Männer, die unfreiwillig zölibatär leben, bekunden Mühe, sich an die veränderten Dynamiken der Geschlechterrollen anzupassen.Mit Unterstützung der Kommunistischen ParteiWährend der Manosphere in westlichen Demokratien in der Regel breite gesellschaftliche Ächtung entgegenschlägt, geniessen traditionelle Männlichkeitsbilder und antifeministische Rhetorik in China seit langem die Unterstützung der Kommunistischen Partei.Der Kommunistische Jugendverband bezeichnete «extremen Feminismus» – ein Begriff, den er nicht näher definiert, der aber generell jeglichen Aktivismus und Konflikte einschliesst sowie Frauen davon abrät, zu heiraten und Kinder zu bekommen – als «Krebsgeschwür» des Internets. Ungeachtet des berühmten Mao-Zitats, wonach Frauen «die Hälfte des Himmels tragen», brandmarkt die Partei den Feminismus regelmässig als destabilisierende, heimtückische Kraft aus dem Ausland.Dabei leidet China unter ganz spezifischen Problemen. Das offensichtlichste ist die Spätfolge der Ein-Kind-Politik, die von 1980 bis 2015 galt. Sie führte zur gezielten Abtreibung weiblicher Föten und in der Folge zu einem massiven Männerüberschuss. Die Zahl dieser Männer, im Volksmund guanggun («kahler Zweig») genannt, ist gigantisch. Bis 2027 werden in China 22,5 Millionen mehr Männer im heiratsfähigen Alter leben als Frauen. Das entspricht einem Verhältnis von 119 Männern auf 100 Frauen; 2012 lag die Quote noch bei 105 zu 100.Zudem sind junge Frauen heute immer besser ausgebildet und übertreffen die Männer oft formal: 2024 stellten sie 51 Prozent der Studierenden an Hochschulen – 14 Prozentpunkte mehr als noch vor zwanzig Jahren. Diese Generation profitierte von der Ein-Kind-Politik, da familiäre Ressourcen oft ungeteilt in die einzige Tochter flossen.Während urbane Chinesinnen also die Last traditioneller Rollen ablegen konnten, wird von Männern erwartet, dass sie ihre alten Verpflichtungen weiterhin erfüllen. Wer heiraten will, muss meist eine Eigentumswohnung vorweisen. Zudem fordern viele Brautfamilien ein beträchtliches «Brautgeld».Aus dem Gleichgewicht gebrachtLan Zhaoxia, eine Partnervermittlerin aus Langfang nahe Peking, bestätigt, dass der demografische Wandel den Heiratsmarkt aus dem Gleichgewicht gebracht hat. Sie führt Datenbanken junger Singles, in denen auch die finanzielle Situation der Eltern erfasst wird. Männliche Migranten aus ländlichen Regionen nimmt sie mittlerweile gar nicht mehr als Kunden an – die Chancen stehen schlicht zu schlecht.«Da alle Mädchen aus den Dörfern die Schule besucht haben, gibt es auf dem Land heute mehr durchschnittliche Männer, in den Städten hingegen mehr herausragende Frauen», erklärt sie. Frauen suchten nach einem Partner mit höherem Status, während Männer eine Partnerin mit niedrigerem Status oder einfach eine folgsame Frau wünschten. «Die Kluft ist riesig.»Einer dieser frustrierten Männer vom Land ist der 27-jährige Zhao, der in der Provinz Hebei nahe einer Autoteilefabrik zu Mittag isst. Der Single scrollt regelmässig durch Social-Media-Debatten über den Status der Geschlechter. Er verweist auf ein vielbeachtetes Gerichtsurteil zum Thema Vergewaltigung in der Ehe im vergangenen Jahr: «Egal was passiert, die Frau wird immer als das Opfer dargestellt.»Eine andere Debatte bringt ihn zu der Frage, warum er einer Frau im Bus den Platz überlassen sollte, wenn die Geschlechter doch gleichberechtigt seien. Mit der Tatsache, dass er wohl kinder- und partnerlos bleiben wird, scheint er sich abgefunden zu haben.Die Debatten über Chinas Manosphere drehen sich stark um wirtschaftliche Fragen. Ärmere Männer wie Zhao stehen unter immensem finanziellem Druck. Online nutzen sie den Begriff baojinbi («Goldmünzen explodieren lassen»), um Frauen zu beschreiben, die sie durch Forderungen nach teuren Dates, Geschenken und Brautgeldern finanziell ausbluten lassen.Eine Studie der Universitäten von Nankai und Peking zeigt, dass rund ein Drittel der jungen männlichen Arbeitsmigranten mit Heiratswunsch ihre Chancen, bis zum 30. Lebensjahr eine Frau zu finden, auf bestenfalls 50 Prozent schätzt. Laut der Untersuchung müsste beispielsweise ein junger Wanderarbeiter sechs Jahre lang jeden Cent sparen, um das durchschnittliche Brautgeld von 127 300 Yuan (gut 15 000 Franken) aufzubringen.Der Gegenwind richtet sich jedoch nicht nur gegen Frauen, wie Sara Liao von der Pennsylvania State University betont. Die Männer nutzten das Ventil, um «ihren Zorn, ihre Frustration und die Prekarität ihrer Lebensumstände herauszulassen». Der Angriff auf das andere Geschlecht ist dabei der sicherste Weg, da er sich mit der offiziellen Linie der Regierung deckt. Unter Präsident Xi Jinping wurden «verweichlichte Männer» aus dem Fernsehen verbannt, während die traditionelle Ehe und die Familiengründung propagiert werden.Angst vor sozialer InstabilitätInzwischen befürchtet allerdings die Führung in Peking, dass der sich verschärfende Geschlechterkonflikt den Nährboden für breitere soziale Instabilität bereiten könnte. Die Behörden versuchen nun, den Ursachen des männlichen Zorns entgegenzuwirken, etwa durch Kampagnen gegen die Praxis der Brautgelder. Vor allem die einbrechenden Heirats- und Geburtenraten bereiten der Staatsführung Sorgen. Im ersten Quartal dieses Jahres wurden in China nur 1,7 Millionen Ehen registriert – halb so viele wie im Vergleichszeitraum 2017.Nicht nur die Regierung macht ausländische Einflüsse für den Geschlechterkonflikt verantwortlich. Der 35-jährige Sportlehrer Griffin Liu, der noch immer auf Brautschau ist, meint: «Die Menschen in China sind von chinesischen Werten und Ideen geprägt.» Nun aber bringe das Internet westliches Denken ins Land. «Diese beiden Welten stehen im Konflikt.»Der Geschlechterstreit beherrscht regelmässig die Schlagzeilen. Letztes Jahr wurde ein Urteil zugunsten eines Studenten der Universität Wuhan, dem eine Mitstudentin Exhibitionismus vorgeworfen hatte, zum Katalysator: Männer sahen darin ein Exempel für feministische Übergriffigkeit, Frauen wiederum kritisierten die mangelnde Rechtsklarheit bei sexueller Belästigung. 2024 nahmen Internetnutzer nach dem Suizid eines Gaming-Influencers dessen Ex-Freundin ins Visier und brandmarkten sie als geldgierige Frau, die ihn in den Tod getrieben habe.Unrealistische ErwartungenIn einem Land mit rigoroser Internetzensur wird Misogynie selten stummgeschaltet. Die Zensoren nehmen stattdessen vermehrt feministische Beiträge ins Visier, die einen Lebensstil ohne Ehe und Kinder propagieren.Eine Kampagne der Cyberspace-Behörde gegen schädliche Inhalte listete im vergangenen Jahr «extremen Feminismus» sowie Beiträge auf, die das Single-Leben oder den Geschlechterkonflikt anheizten. Die Plattform Weibo (das chinesische Äquivalent zu X) führte den «Geschlechterantagonismus» als offiziellen Meldegrund ein. Nach eigenen Angaben wurden 15 000 Konten gesperrt und 640 000 Beiträge gelöscht.Xiong Xiaoneng, ein 40-jähriger Berater aus Peking, hat ebenfalls noch keine Frau gefunden. Er macht dafür auch den Boom von sogenannten «Mikrodramen» im Netz verantwortlich, die unrealistische Erwartungen weckten. Frauen wollten heute sein wie Wu Zetian, eine Kaiserin aus dem 7. Jahrhundert, die auf dem Bildschirm als Prototyp der erfolgreichen Karrierefrau inszeniert wird.In seiner Heimatstadt Guilin boomen derweil Angebote für Single-Frauen, wie Shows mit oben ohne auftretenden Tänzern. Männer wie er seien unglücklich in ihrem Single-Dasein gefangen, sagt Xiong – während die Frauen ihres offensichtlich geniessen.Der Text erschien zuerst in «The Economist».
Der digitale Frauenhass in China: Symptome einer viel tiefer liegenden Krise
China ringt mit seiner eigenen Version der «Manosphere». Doch der digitale Frauenhass ist nur die Spitze des Eisbergs.









