GastkommentarClaudia GoldinEs sind die Frauen, die entscheiden – warum nicht nur in den entwickelten Ländern der Welt die Geburtenraten zurückgehenWährend in den meisten entwickelten Industriestaaten die Fertilität nachgerade implodiert, schrumpfen die Geburtenraten auch in den Ländern des globalen Südens. Wo liegen die tieferen Ursachen, und wie kann man dagegen angehen?21.05.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenEin Hauptfaktor für den Rückgang der Geburtenrate die gewachsene Selbstbestimmung von Frauen.Donwilson Odhiambo / GettyObwohl der Rückgang der Geburtenraten in den Vereinigten Staaten und in vielen europäischen und asiatischen Ländern seit einiger Zeit ein vieldiskutiertes Thema ist, lässt sich der Trend tatsächlich fast überall in den letzten fünfzig Jahren beobachten. Praktisch jedes Land der Welt verzeichnete einen deutlichen Rückgang der Geburtenrate.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Im Jahr 2022 lag die Geburtenrate bereits in mehr als der Hälfte der 193 Länder der Vereinten Nationen – einer Gruppe, auf die zwei Drittel der Weltbevölkerung entfallen – unter dem Reproduktionsniveau von 2,1 Kindern pro Frau. Nach dem seit Jahrzehnten zu verzeichnenden Rückgang der Geburtenraten in den Industrieländern hat dieser Trend mittlerweile viele Länder des Südens erreicht, was uns mit einer der grossen demografischen Überraschungen der Moderne konfrontiert: einer negativen Korrelation zwischen Pro-Kopf-Einkommen und Geburtenrate.Gewachsene SelbstbestimmungÖkonomen untersuchen diesen Zusammenhang seit den sechziger Jahren und haben eine Vielzahl von Erklärungen dafür vorgelegt – von der Annahme, dass einkommensschwächere Haushalte und ärmere Länder keinen Zugang zu Wissen und Techniken zur Empfängnisverhütung hätten, bis hin zu der Hypothese, dass die «Gesamtkosten» für Kinder mit steigendem Einkommen zunehmen könnten, da Eltern bestrebt seien, ihren Nachkommen die bestmögliche Gesundheitsversorgung, Schul- und Ausbildung zu bieten. Viele dieser Begründungen erwiesen sich jedoch als falsch oder zu kurz gegriffen.Wenn Männer andere Prioritäten haben als Frauen, kann dies zu einem starken Rückgang der Geburtenrate führen.So setzte sich der Trend auch fort, als sich moderne Verhütungsmethoden verbreiteten, was darauf hindeutet, dass es etwas anderes war, was Haushalte mit höherem Einkommen dazu veranlasste, weniger Kinder zu bekommen als ihre einkommensschwächeren Pendants. Die Bereitstellung wirksamer Verhütungsmittel oder die Vornahme legaler Abtreibungen sind weder ausreichend noch in jedem Fall notwendig, um die Geburtenrate zu senken, wie der erhebliche Rückgang der Geburtenrate in den USA im 19. Jahrhundert belegt. Für einen langfristigen deutlichen Rückgang der Geburtenrate müssen sich Menschen im gebärfähigen Alter gleichzeitig dafür entscheiden, weniger Kinder zu bekommen. Und um die Geburtenrate zu erhöhen, müssen Paare mehr Kinder haben wollen, zudem müssen Frauen die Gewissheit haben, dass für ihre Kinder gesorgt ist.Wie meine eigene Forschung zeigt, ist der Hauptfaktor für den Rückgang der Geburtenrate die gewachsene Selbstbestimmung von Frauen, die indes mit der Tatsache zurechtkommen müssen, nicht zu wissen, ob sie aus ihrem gestiegenen Bildungsstand finanziellen und persönlichen Nutzen werden ziehen können und ob ihre Kinder über ausreichende Ressourcen verfügen werden. Das eigentliche Geburtenproblem könnte in der Diskrepanz zwischen dem liegen, was Frauen brauchen, um die Früchte ihrer Autonomie zu geniessen, und dem, was Männer (und Regierungen) ihnen glaubwürdig an Hilfe im Umgang mit Kindern zusichern können.Für eine Frau, die eine höhere Bildung erworben hat und eine Karriere verfolgt, ist eine zentrale Überlegung bei der Entscheidung für ein Kind jene, ob der Vater die Last der Haus- und Erziehungsarbeit mittragen wird. Ohne derartige Zusicherungen von potenziellen Vätern (oder von Regierungen in Form von Kinderbetreuungsleistungen und Transferzahlungen) könnte sie die Familiengründung aufschieben oder ganz darauf verzichten, um sich dafür stärker beruflich zu engagieren. Je glaubwürdiger Männer signalisieren können, dass sie für ihre Familie verlässliche «Väter» und keine enttäuschenden «Versager» sein werden, desto höher wird angesichts einer stärkeren Selbstbestimmung der Frauen die Geburtenrate ausfallen. Wenn Männer jedoch andere Prioritäten haben als Frauen, kann diese Diskrepanz zu einem starken Rückgang der Geburtenrate führen.Viel mehr OptionenOb wir nun die USA oder andere Länder betrachten, die sich irgendwann nach dem Zweiten Weltkrieg gesellschaftlich rasch entwickelt haben: Der Hauptgrund für die niedrige Geburtenrate ist die gestiegene Autonomie der Frauen, die begleitet und verstärkt wird durch die Tatsache, dass sich Männer keineswegs so schnell an diese neue Situation anpassen. Das bedeutet jedoch nicht, dass die Situation in allen Ländern gleich ist.In den USA ist die Geburtenrate unlängst stark gesunken, da Frauen heute mehr Möglichkeiten haben, später zu heiraten, eine höhere Bildung zu erwerben und vor der Heirat Berufserfahrung zu sammeln. Da Frauen autonomer agierten, verfügten sie über mehr Optionen, und da die relativen Einkommen von Arbeitnehmern mit höherem Schulabschluss stark gestiegen sind, haben ihre Optionen an Wert gewonnen. Zugleich dürfte der Anteil zuverlässiger Männer («Väter, keine Versager») nicht entsprechend gestiegen sein, was darauf hindeutet, dass sich für besser ausgebildete Frauen die Opportunitätskosten für Kinder erhöht haben könnten.Weiter stehen das Tempo des Wirtschaftswachstums und die resultierenden Konflikte zwischen Generationen und Geschlechtern im Mittelpunkt der Ursachenforschung. Meine eigenen Modellrechnungen zeigen: Je grösser das Wirtschaftswachstum pro Kopf, desto stärker weicht das von Männern gewünschte Geburtenniveau von dem von Frauen gewünschten Geburtenniveau ab. Daher verzeichneten Länder, die in den fünfziger, sechziger und siebziger Jahren wirtschaftliche Stagnation und danach Wachstumsschübe erlebten, letztlich einen stärkeren Rückgang der Geburtenrate als Länder, die nach dem Krieg ein stabileres Wirtschaftswachstum verzeichneten.Der Grund ist, dass ein rasantes Wachstum kaum Zeit dafür bietet, dass sich Traditionen der wirtschaftlichen Realität anpassen können. Männer neigen dazu, stärker an den Traditionen von Eltern und Grosseltern festzuhalten, während Frauen erheblich mehr davon profitieren, mit diesen Traditionen zu brechen. Dabei ist es keineswegs so, dass Männer von Natur aus traditioneller sind als Frauen. Vielmehr profitieren sie stärker von patriarchalischen Traditionen, während Frauen grössere Vorteile aus der Gleichberechtigung der Geschlechter ziehen. In Zeiten beschleunigter Entwicklung, insbesondere wenn eine Population eine grosse Migration vom Land in die Stadt erlebt, profitieren Söhne mehr davon, der Vergangenheit nachzuhängen, während Töchter stärker davon profitieren, die Möglichkeiten der Gegenwart, die ihnen bessere Bildungs- und Beschäftigungschancen bietet, besser auszuschöpfen.Tatsächlich zeigt sich, wie Söhne profitieren, an der Arbeitsteilung im Haushalt. Männer in heute entwickelten Ländern, die sich rasch modernisiert haben, verrichten im Vergleich zu Frauen deutlich weniger Haus- und Betreuungsarbeit im Haushalt als Männer in Ländern, die einen kontinuierlicheren Wachstumspfad erlebten.WertekonflikteInsgesamt deutet der Rückgang der Geburtenrate in sehr unterschiedlichen Ländern und Gesellschaften darauf hin, dass ein gemeinsamer Faktor am Werk ist. Dieser Trend geht eng einher mit der wachsenden Möglichkeit für Frauen, selbst zu entscheiden, wen und wann sie heiraten möchten, in ihre eigene Bildung und Zukunft zu investieren und über eine sichere und verlässliche reproduktive Freiheit zu verfügen. Gleichzeitig haben Wertekonflikte in der Gesellschaft wie in individuellen Beziehungen, das Problem mangelnder Bindungsbereitschaft sowie die verbreitete Unlust, verbindliche Verträge abzuschliessen, dazu beigetragen, dass die Geburtenraten schwinden.Was ist zu tun? Im Falle der USA spiegelt sich in Äusserungen von Regierungsvertretern und Führungskräften aus der Privatwirtschaft sowie in aktuellen Umfragen unter der Bevölkerung die Überzeugung wider, dass sich die sozialen Normen zu weit in Richtung Geschlechtergleichheit verschoben haben. Eine Umkehrung dieses Trends könnte jedoch die geschilderten Diskrepanzen vergrössern und die Geburtenrate noch weiter senken.Ohne ausreichende gesellschaftliche Veränderungen, die potenziellen Müttern Unterstützung garantieren, wird eine grössere Autonomie der Frauen zu niedrigeren Geburtenraten führen. Umgekehrt bedeutet dies aber auch, dass bei ausreichenden Unterstützungsgarantien eine höhere Selbständigkeit der Frauen zu mehr Geburten, zu einer gesteigerten Produktivität von Frauen auf dem Arbeitsmarkt und zu gerechteren, glücklicheren Familienverhältnissen führen dürfte.Claudia Goldin ist Professorin für Volkswirtschaft an der Harvard University und Co-Direktorin der Arbeitsgruppe Gender in the Economy am National Bureau of Economic Research. 2023 wurde ihr der Wirtschaftsnobelpreis zugesprochen. – Aus dem Englischen von Jan Doolan. – Copyright Project Syndicate, 2026.
Es sind die Frauen, die entscheiden – warum weltweit die Geburtenraten zurückgehen
Hauptfaktor für den Rückgang der Geburtenrate die gewachsene Selbstbestimmung von Frauen







