J. D. Vance: mittels Christentum zur PräsidentschaftDer amerikanische Vizepräsident legt mit «Communion» seine religiöse Autobiografie vor. Es ist eine Anleitung dafür, wie das Christentum in die Politik zurückzuholen ist. Und seine Bewerbung fürs wichtigste Amt der Welt.Michael Meier21.06.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenWill traditionelle christliche Werte staatlich durchsetzen: J. D. Vance beim Beten mit einem seiner Söhne.Stefano Costantino / SOPA Images / ImagoNoch fünf Monate bis zu den Midterms. Mit seinem Buch «Communion» will sich J. D. Vance offensichtlich für eine mögliche Präsidentschaftskandidatur in Stellung bringen. Es wird aber jene enttäuschen, die sich einen Blick in den turbulenten Politikbetrieb der Trump-Administration erhofften. Und nur beschränkt bietet es eine systematische politische Theologie. Vielmehr legt der amerikanische Vize-Präsident eine sehr persönliche religiöse Autobiografie vor.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die Einschätzung des Politologen Joel Goldstein trifft sicher zu, dass ein Buch über den Glauben es Vance erlaube, sich als Zukunft der Republikanischen Partei zu präsentieren – und aus Trumps Schatten herauszutreten, ohne die Loyalität zu ihm aufzugeben. Ob das fromme Œuvre mit teils missionarischem Zungenschlag so erfolgreich wird wie sein Bestseller «Hillbilly Elegy» von 2016, ist fraglich. An der Ernsthaftigkeit von Vance’ Glauben ist freilich nicht zu zweifeln. Gerade bei Rechtspopulisten ist das Thema Religion im Schwange, um in der liberal-säkularen Gesellschaft die eigene Politik sakral zu legitimieren.Religiöse Freundschaft mit Peter ThielSeine religiös-spirituelle Reise bis zur Konversion und Taufe 2019 in einem katholischen Dominikanerkloster in Cincinnati beschreibt Vance nicht zum ersten Mal. Ausführlich hatte er das 2020 im Essay «How I Joined the Resistance», «Wie ich mich dem Widerstand anschloss», getan. Peinlicherweise zeigt das Cover seiner am Dienstag auf Englisch erschienenen Autobiografie keine katholische, sondern eine methodistische Kirche der reformatorischen Tradition. Evangelikal und später pfingstlerisch aufgewachsen, wurde sein von seiner Grossmutter «Mamaw» genährter Glaube in den Jahren als Soldat im Irak und als Student des Rechts in Yale gründlich erschüttert. Während Jahren war das Christentum für Vance irrelevant. Eigentliches Anliegen des Buches ist es, darzulegen, wie er zum Glauben zurückfand: «Finding My Way Back to Faith», so der Untertitel.Auch bisher nicht öffentliche Erlebnisse teilt Vance. Etwa seinen Autounfall nach der Beerdigung der geliebten Grossmutter, der in einer Art Nahtoderlebnis kulminierte. Glaubensstärkend erlebt er später die abgrundtiefe Trauer um seinen besten Freund Charlie Kirk und immer wieder seine unerschütterliche Liebe zu seiner Ehefrau Usha. Die Hinduistin, die einen Atheisten geheiratet hatte, habe ihn auf seinem Weg zum katholischen Glauben massgeblich unterstützt. Eher ermüdend wirken all die persönlichen Episoden, mit denen er Usha und seine Kinder zur Musterfamilie stilisiert, wie sie sich Kirche und Republikanische Partei ins Programm geschrieben haben.Einer wie Vance will seinen Glauben auch vor der Vernunft verantworten. Intellektuell nahm seine Hinwendung zum Glauben in Yale ihren Anfang, wo Religion und Christentum bei den akademischen Eliten verpönt waren. Vance selber teilte die dortige Meinung, dass gläubige Menschen eher dümmlich und atheistische eher intelligent seien – bis er Peter Thiel begegnete, seinem wichtigsten Mentor. Der Tech-Milliardär ist für Vance «eine der smartesten und intelligentesten Personen», die er je getroffen hat, und obendrein religiös. Thiel war es, der Vance zu einem neuen Zugang zur Religion verhalf – und zwar über den Anthropologen René Girard und dessen These des «mimetischen Begehrens». Das Verlangen, das zu besitzen, was andere haben, und der daraus resultierende enorme Wettbewerbsdruck machen für Vance die Psychologie einer ganzen Generation aus. Sie liess ihn erkennen, dass nur Jesus und nicht Ruhm und Reichtum dem Leben Sinn geben kann.Kritik am «säkularen globalen Liberalismus»Der zweite Teil des Buches liest sich dann wie ein Plädoyer, Religion ins öffentlich-politische Leben zurückzuholen. Der US-Vizepräsident sieht sich selbstverständlich als «christlicher Staatsmann». Er tritt für eine «christliche Wirtschaft» ein, die sich mehr an Menschenwürde und Gemeinwohl orientiert als an der Kumulation von Besitz. Das christliche Gebot des Lebensschutzes will er durch gezielte Unterstützung von Müttern und jungen Familien flankiert wissen. Für ihn steht fest: «Politische Urteile von der Moral zu trennen, bedeutet, weniger menschlich zu sein.» Vance setzt dem weltanschaulich neutralen Staat das autoritäre Modell einer staatlichen Durchsetzung traditioneller christlicher Werte entgegen, ohne aber auf die ihm zugeschriebenen Attribute «postliberal» oder «neointegralistisch» einzugehen.Er schreibt: «Meine grosse Furcht ist nicht der Tod, sondern dass wir eine grossartige Zivilisation geerbt haben und sie langsam dem Zerfall preisgeben.» Für zivilisationszersetzend hält er den Säkularismus, der trotz seinen aufklärerischen Versprechen grosse soziale Konflikte produziert habe und in Europa stärker ausgeprägt sei als in den USA. Aufschlussreich, wie Vance über mehrere Seiten hinweg seine umstrittene europakritische Rede an der letztjährigen Sicherheitskonferenz in München rechtfertigt: Es sei ihm letztlich um die Kritik eines Westens gegangen, der nicht mehr wisse, wofür er stehe, um die Kritik am «säkularen globalen Liberalismus», der das Vokabular der Rechten beibehalte, aber das religiöse Fundament vergesse, das diesem Bedeutung verliehen habe. Wie alle postliberalen Frommen unterschlägt er, dass Europa den Frieden letztlich der Idee der Säkularität und des religionsneutralen Staates verdankte.Versuchte Annäherung an Papst LeoTrotz kulturkämpferischen Tönen zeigt sich Vance oft versöhnlich, wohl weil er sich als potenzieller Präsidentschaftskandidat auf neue Wählersegmente besinnt. Selbstkritisch räumt er ein, seine Aussage, die Demokratische Partei werde von kinderlosen Katzenfrauen dominiert, gehöre zum Dümmsten, was er als Politiker gesagt habe. Er, der radikale Katholik, lobt den Dialog und die Ökumene der Konfessionen. Im Kapitel «When in Rome» versucht er, die Kluft zwischen sich und dem Vatikan kleinzureden. Zwar rügt er die vatikanischen Funktionäre, die in Fragen der Migration diplomatisch und abstrakt daherredeten. Gegenüber Papst Franziskus aber, der ihn mit deutlichen Worten kritisiert hatte, schlägt er einen wohlwollenden Ton an.Am amerikanischen Papst Leo XIV. indessen wird sich der Neo-Katholik noch die Zähne ausbeissen. Gerade weil er bei dessen Inthronisation im Mai 2025 in ihm den Fels verkörpert sah, auf dem die Kirche 2000 Jahre überdauerte. Überhaupt zieht es ihn zur katholischen Kirche, weil sie grundlegende Fragen der Lehre nur selten verändere. Diese Stabilität sei auch für junge Konvertiten attraktiv.Es entbehrt nicht der Ironie, dass Leo in seiner neuen Enzyklika «Magnifica humanitas» eine folgenschwere lehrmässige Korrektur vornimmt – unausgesprochen, aber deutlich als Entgegnung auf Vance gemünzt, der die Luftangriffe der USA gegen Iran mit der uralten Lehre Augustins vom «gerechten Krieg» rechtfertigte. Der Papst fordert demgegenüber die Überwindung der Theorie des «gerechten Krieges», die im Zuge moderner Kriegsführung und KI «allzu oft herangezogen wird, um alle möglichen Kriege zu rechtfertigen». Vance konnte in seinem Buch noch nicht auf diese überraschende päpstliche Korrektur reagieren. Verwirren wird sie ihn auch deshalb, weil er, wie der Papst, im heiligen Augustin sein grosses Vorbild sieht.J. D. Vance: Communion. Finding My Way Back to Faith. Harper Collins, New York 2026. 304 S.Harper CollinsEin Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel