J. D. Vance will offenbar US-Präsident werden. Ansonsten hätte er „Communion“ wohl kaum geschrieben. Wer in der amerikanischen Politik weiter gehende Ambitionen hat, legt nämlich rechtzeitig vor Wahlen eine Art Autobiographie vor – teils Lebensbericht, teils Programmschrift. Das Ziel besteht darin, den Stimmberechtigten zu zeigen, wer sich um ein Amt bewirbt und was dieser Person inhaltlich wichtig ist. Nicht zufällig veröffentlicht der amtierende Vizepräsident gerade jetzt ein Buch in diesem Genre. Schließlich finden in den Vereinigten Staaten im November die Zwischenwahlen statt. Sobald deren Ergebnisse vorliegen, dürfte die Diskussion um das politische Erbe von Donald Trump und die künftige Ausrichtung der Republikanischen Partei mit Blick auf die Präsidentschaftswahlen 2028 einsetzen. Dass J. D. Vance bei all dem eine Rolle spielen möchte, wird bei der Lektüre von „Communion“ klar. Hier präsentiert sich jemand als gefestigte, integre Persönlichkeit mit klaren Ideen für die Zukunft des Landes.J. D. Vance: Communion. Finding my way back to faith.William Collins, London 2026. 304 S., 20,- £.Titelgebend ist eine Formulierung aus dem Apostolischen Glaubensbekenntnis, das regelmäßig im Sonntagsgottesdienst christlicher Gemeinden gebetet wird. Dort ist von der „communio sanctorum“ die Rede, also von der Gemeinschaft der Heiligen. Wie der praktizierende Katholik Vance ausführt, hat diese zwei Dimensionen: zum einen die Verbindung der Gläubigen untereinander, und zwar ebenso der Lebenden wie der Toten; zum anderen die Verbindung der Menschen mit Gott, die zumal durch die Sakramente zustande kommt. Vance geht mehrfach auf Eucharistie und Beichte ein. Beide Sakramente ermöglichen es ihm, an sich selbst zu arbeiten. Dank der Gnade, die sie enthalten, will er sich in einem mühsamen Prozess verändern, um ein gutes Leben führen zu können.Offen räumt er in diesem Zusammenhang persönliche Schwächen ein. Vance entschuldigt sich sogar dafür, bekannte Politikerinnen der konkurrierenden Demokratischen Partei als „childless catladies“ bezeichnet zu haben. Mag seine schroffe, konfrontative Art gelegentlich aufblitzen, gibt er sich insgesamt selbstkritisch, konziliant und versöhnlich. Überhaupt sind in der Gemeinschaft der Heiligen, wie sie dem US-Vizepräsidenten vorschwebt, manch irdische Gegensätze zu einer höheren, himmlischen Einheit aufgehoben. Seiner Überzeugung nach gehört ihr einerseits der ermordete rechtskonservativ-evangelikale Influencer Charlie Kirk an, mit dem er eng befreundet war. Andererseits zählt Vance auch Papst Franziskus dazu, zu dem er stets ein gespanntes Verhältnis hatte – gerade in Bezug auf das Thema Migration.Statt die inhaltliche Auseinandersetzung fortzuführen, findet Vance betont freundliche Worte für Franziskus, bei dem er Ostern 2025 noch kurz vor seinem Tod eine Audienz hatte. Seiner Auffassung nach ging es bei der Migrationsdebatte lediglich um verschiedene Rollen: Während Franziskus mahnte, die Armen und Leidenden zu beachten, wie es seine Aufgabe war, habe er als Regierungsmitglied die Interessen seines Landes zur Geltung gebracht. Eine höhere, himmlische Einheit weist die „communio sanctorum“ außerdem in konfessioneller Hinsicht auf. Zwar hat sich Vance als Erwachsener nach längerem Überlegen bewusst katholisch taufen lassen. Andere Christen schätzt er aber keineswegs gering. Im Gegenteil: So sieht er alle Gläubigen auf geheimnisvolle Weise bereits in der einen Kirche verbunden. Deshalb könnten die verschiedenen Konfessionen voneinander lernen und sich wechselseitig bereichern. Der Vatikan dürfte dieser liberalen Auffassung jedoch kaum zustimmen.Angebote für moderate WechselwählerObwohl J. D. Vance über gewisse dogmatische und religionsphilosophische Kenntnisse verfügt, legt er natürlich keine systematische Theologie vor. Vielmehr schreibt er sein Buch als Politiker mit einem deutlichen Willen zur Macht. Um diese Macht zu erlangen, wird er sich allerdings zunächst innerparteilich durchsetzen müssen, bevor er in dem pluralen, sehr diversen Land als Präsident kandidieren kann. Somit spricht er in „Communion“ vor allem die Kernklientel der Republikanischen Partei an, ohne die er unmöglich die Vorwahlen gewinnen kann.Gemeint sind Evangelikale, konservative Protestanten und Katholiken. Hierfür präsentiert sich Vance als gläubiger Christ, der sich hingebungsvoll um seine Frau und die bald vier kleinen Kinder kümmert. Mit Verweis auf die katholische Soziallehre betont er außerdem, wie wichtig Gewerkschaften sind, während er das massive Gewinnstreben der großen, international agierenden Konzerne scharf kritisiert. Hier hat er Millionen von Arbeitern und Angestellten im Blick, die sich vor der Konkurrenz aus dem Ausland und der fortschreitenden Digitalisierung fürchten. Darüber hinaus macht Vance der Mitte des politischen Spektrums Angebote – gerade moderaten Wechselwählern. In diesen Zusammenhang gehören beispielsweise Forderungen nach einer besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Darüber hinaus möchte er Kinder und Jugendliche besser vor den Gefahren der sozialen Medien schützen.Weiten Anklang dürfte auch seine Skepsis gegenüber Militärinterventionen der USA finden. Schließlich hat der anhaltende Krieg mit Iran, der im Übrigen unerwähnt bleibt, die Lebenshaltungskosten im Land nochmals steigen lassen. Gering- und Normalverdiener sind besonders stark davon betroffen. Auch in Bezug auf den Ukrainekrieg sieht Vance nicht die Vereinigten Staaten in der Pflicht, sondern Europa. Allerdings erfüllt ihn die dortige Entwicklung mit Sorge. Ein zunehmend säkularer Kontinent drohe mit dem Christentum zugleich seine kulturelle Identität zu verlieren. Längst trete an die Stelle der alten westlich-christlichen Zivilisation ein global-säkularer Liberalismus. Dass der deutsche Bundeskanzler Olaf Scholz seinen Amtseid ganz ohne Gottesbezug ablegte, passt für Vance in dieses Bild. Handlungsempfehlungen für Europa bietet er jedoch nicht. Sein Blick richtet sich ganz auf die USA – dort wird ja auch gewählt.Mit „Communion“ will Vance seinen Landsleuten deutlich machen, wer er ist und was ihn inhaltlich bewegt. Gerade weil er eine zentrale Figur der US-Politik ist und in Zukunft bestimmt auch bleiben wird, lohnt sich die Lektüre. Man kann gespannt sein, ob Außenminister Marco Rubio bald ein ähnliches Buch veröffentlicht.