Nelson Mandela nannte den Pianisten einst «unseren Mozart». Ein NachrufAbdullah Ibrahim, Jazzpianist, der im Zürcher Niederdorf von Duke Ellington entdeckt wurde und später die inoffizielle Hymne der Antiapartheidbewegung schuf, ist 91-jährig gestorben.21.06.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenDer Legende nach war sein Song «Mannenberg» das erste Lied, das Nelson Mandela nach Jahrzehnten im Gefängnis zu hören bekam: Der Pianist Abdullah Ibrahim.Thielmann / ImagoWestberlin, Mitte der siebziger Jahre. Vor seinem Konzert trifft der südafrikanische Pianist Abdullah Ibrahim backstage auf eine Gruppe namibischer Exilanten, Landsleute im weiteren Sinn: Namibia stand damals unter südafrikanischer Verwaltung. Auf der Bühne, vor vollem Saal, hält Ibrahim nach den ersten Takten inne. Seit fünfzehn Jahren lebt er nicht mehr in Südafrika, ist längst weltberühmt, könnte sich ganz seinem Leben im reichen Westen hingeben und das Land vergessen, das ihn vertrieben hat. Stattdessen dreht er sich zu der namibischen Gruppe um und sagt: «Ek speel net vir julle.» («Ich spiele nur für euch.»)Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Geboren wird Abdullah Ibrahim am 9. Oktober 1934 in Kensington, Kapstadt, als Adolph Johannes Brand. Seine Grosseltern, bei denen er aufwächst, taufen ihn so, damit er als «coloured», als gemischtrassig, eingestuft wird. «In unseren Gemeinden herrschte ein starker, schwelender Rassismus, eine antiafrikanische Stimmung», erklärte Ibrahim einmal in einem Interview. Seinen Vater lernte er nie kennen: Mit siebzehn erfuhr er, dass dieser ermordet wurde, als er selbst noch ein Kind war.Seine Jugend im District Six, dem «farbigen» Viertel am Fusse des Tafelbergs, das später vom Apartheidregime zerstört wurde, war geprägt von Alkohol und Marihuana, vom Herumstreunen auf der Strasse und von Kleinkriminalität. Ibrahim verlor Freunde bei Gang-Auseinandersetzungen oder durch Drogensucht. «Was mich gerettet hat, war die Musik», sagte er.Bereits im Alter von sieben Jahren bettelte er bei seiner Grossmutter, einer Kirchenpianistin, darum, Klavierunterricht nehmen zu können. Damals galt Klavierspielen noch als Mädchensache, doch Ibrahim setzte sich durch. Mit fünfzehn Jahren begann er als Sänger aufzutreten. Amerikanische Matrosen gaben ihm den Spitznamen «Dollar Brand», weil er ihnen Jazzplatten abzukaufen versuchte. Den Namen benutzte er fortan als Künstlernamen. Ibrahim wurde zu einem gefragten Pianisten, der überall spielte, wo er Geld verdienen konnte. Zum Musikkonservatorium wurde er jedoch nicht zugelassen, wegen seiner Hautfarbe.Schnell entwickelte sich Ibrahim zu einem Fixpunkt in Kapstadts Jazzszene. Mit seinem Kollegen Hugh Masekela an der Trompete spielte er in der Formation The Jazz Epistles einen südafrikanisch geprägten Bebop, der auch Cape-Jazz genannt wurde.Doch gegen Ende der fünfziger Jahre verschärften sich die sozialen Spannungen in Südafrika: Gemischtrassige Bands waren verboten, schwarze Musiker durften nicht in «weissen» Nachtklubs auftreten, und eine Ausgangssperre ab 22 Uhr machte sie zur leichten Beute für die Polizei, die zu den Konzerten kam und die Leute verhörte. Wer konnte, verliess das Land.So auch Ibrahim: 1962 wanderte er in die Schweiz aus. Der Zürcher Jazzklub Africana im Niederdorf half ihm mit den Reisekosten; im Gegenzug spielte Ibrahim dort die nächsten drei Jahre fast jeden Abend. Ein Glücksfall: Eines Abends entdeckt ihn kein Geringerer als Duke Ellington. Der Legende nach soll Ibrahims damalige Freundin den weltberühmten Musiker überredet haben, nach seinem Konzert noch im Africana vorbeizuschauen. Duke ist vom Spiel des jungen Ibrahim so beeindruckt, dass er ihn für Studioaufnahmen nach Paris einlädt und ihm ermöglicht, die LP «Duke Ellington Presents the Dollar Brand Trio» einzuspielen. Grosse Festivals, von Antibes bis Newport, laden ihn daraufhin ein. Er tourt durch Europa und Amerika und arbeitet mit John Coltrane und Don Cherry zusammen.Einige Jahre später konvertiert er zum Islam und gibt sich den Namen Abdullah Ibrahim. Er wird Vater, erst kommt seine Tochter Tsidi, dann sein Sohn Tsakwe. Mal lebt die Familie in Europa, dann wieder in New York und immer häufiger auch in Südafrika.1974 gelingt Ibrahim dort etwas, was sonst nur den Dylans und Marleys dieser Welt gelingt: Mit «Mannenberg», einer Verschmelzung aus Mbaqanga, Marabi, Kwela und Township-Rhythmen, beeinflusst er die Weltpolitik. Das Lied entsteht innerhalb von fünfzehn Minuten bei einer Studiosession und ist nach einer 1966 gegründeten Siedlung benannt, in die Südafrikas Apartheidbehörden viele People of Colour zwangsumsiedelten. Es wird zum Hit, zur inoffiziellen Hymne der Antiapartheidbewegung. Und Ibrahim zu ihrer Galionsfigur.Der Legende nach war das Lied so populär, dass sich ein Anwalt damit nach Robben Island aufmachte, der kleinen Insel, auf der Nelson Mandela inhaftiert war. Der Anwalt besuchte das Gefängnis, verbarrikadierte sich im Control-Room und liess das Lied über die Gefängnislautsprecher spielen. Es soll das erste Lied gewesen sein, das Mandela in Jahrzehnten zu hören bekam. Ob das so stimmt, ist nicht klar. Was jedoch stimmt: Ibrahim trat 1994 bei der Amtseinführung Nelson Mandelas auf. «Unser Mozart» nannte Mandela ihn.Abdullah Ibrahim verbrachte seine letzten Jahre als Förderer der heimischen Kultur und als Künstler, der weiterhin in der ganzen Welt auftrat. Am 27. März 2026 gab Abdullah Ibrahim in Kapstadt sein letztes Konzert, ein Soloauftritt am Klavier. Vergangenen Montag ist Abdullah Ibrahim in Prien am Chiemsee gestorben.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel
Nelson Mandela nannte ihn «unseren Mozart»: Nachruf auf Abdullah Ibrahim
Abdullah Ibrahim, Jazzpianist, der im Zürcher Niederdorf von Duke Ellington entdeckt wurde und später die inoffizielle Hymne der Antiapartheidbewegung schuf, ist 91-jährig gestorben.













