Er schuf die inoffizielle Nationalhymne der Antiapartheidbewegung: Die Jazz-Ikone Abdullah Ibrahim ist gestorbenMit «Mannenberg» schrieb der als Dollar Brand bekannt gewordene Pianist Musikgeschichte. Auch Zürich hatte einen Anteil an seiner Karriere.Stefan Hentz16.06.2026, 11.03 Uhr4 LeseminutenEin Weltreisender: Abdullah Ibrahim spielt am Jazzaldia-Festival im spanischen San Sebastián.Vincent West / ReutersAm Anfang stand Duke Ellingtons «Take the A Train». Die Erkennungsmelodie der berühmten Big Band hatte den Weg nach Südafrika gefunden. In einem bescheidenen Wohnzimmer von Kensington, einem berüchtigten Slumviertel Kapstadts, erweckte sie einen eigenartigen, in sich gekehrten Jungen, der meist am Klavier sass und sich an klassischen Etüden abarbeitete. Dank Ellington entdeckte er plötzlich eine neue musikalische Welt.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Geboren am 9. Oktober 1934, wuchs Adolf Johannes Brand, den man später Dollar Brand nannte, bis er Ende der sechziger Jahre zum Islam übertrat und den Namen Abdullah Ibrahim annahm, bei seinen Grosseltern auf. Er hielt sie lange für seine Eltern – und seine Mutter für seine Schwester. Der Vater war ermordet worden – die näheren Umstände sind unbekannt. Man liess den Sohn bis an die Schwelle der Volljährigkeit im falschen Glauben.Exil in ZürichZu Hause gab es viel Musik, die Grossmutter spielte Orgel in der Kirche, seine Mutter leitete einen Chor. Der begabte Junge begann mit sieben Jahren Klavier zu spielen und erarbeitete sich ein solides Fundament. Mit fünfzehn war er weit genug für seine ersten professionellen Jobs als Begleiter von Sängerinnen und Vokal-Ensembles, er spielte überdies Tanzmusik. Schnell entwickelte sich der Pianist, der schon durch seine stattliche Erscheinung auffiel und durch die Minenarbeiterstiefel, die er demonstrativ trug, zu einem Fixpunkt in Kapstadts Jazzszene.Mit der Sängerin Beatrice Benjamin machte er Ellingtons «I Got It Bad» von 1941 zum Hit, die beiden wurden ein Paar. Dollar Brand war nun etabliert in ganz Südafrika und gründete zusammen mit dem Saxofonisten Kippie Moeketsi die Jazz Epistles, eine der ersten Bebop-Bands in Südafrika, zu der auch der Trompeter Hugh Masekela gehörte.Vor allem in seinem Trio mit dem Kontrabassisten Johnny Gertze und Makaya Ntshoko am Schlagzeug entfaltete er die Stilmittel, die ihn zu einem ganz besonderen unter den Jazzpianisten machten. Zu der orchestralen Finesse und Ökonomie im Geiste Ellingtons kamen der kraftvolle, perkussive Anschlag und die kantigen Harmonien eines Thelonious Monk, die pentatonische Simplizität und die transzendentale Kraft afrikanischer Trance-Musik. Zugleich blieb er eine polarisierende Persönlichkeit, viele empfanden seine Musik als schroff, einige auch seine Person als arrogant und abweisend.Gegen Ende der fünfziger Jahre verschärften sich die sozialen Spannungen in Südafrika. Bei einer Demonstration in Sharpeville, einem schwarzen Stadtteil von Kapstadt, töteten die Sicherheitskräfte mehr als sechzig unbewaffnete Demonstranten und verletzten Hunderte. Es kam zu Protestaktionen, und die Obrigkeit verschärfte die Repression, ganz besonders gegenüber der Kultur- und der Musikszene. Wer konnte, verliess das Land.Zusammen mit Beatrice Benjamin kehrte Dollar Brand Südafrika 1962 den Rücken, um zunächst in Zürich Fuss zu fassen. Der Zürcher Jazzklub Africana half, die Reisekosten aufzubringen, um das Dollar Brand Trio dort neu zu vereinigen. Als Duke Ellington ein Jahr später mit seiner Band in Zürich gastierte, hörte er im «Africana» den Jazzpianisten aus Südafrika und war tief beeindruckt.Vier Tage später kam es in Paris zu den Aufnahmen von «Duke Ellington Presents: The Dollar Brand Trio». 1965 zog Dollar Brand weiter nach New York, wo der Junge aus Kensington in Duke Ellingtons Band aushalf, er spielte auch mit Grössen wie John Coltrane, Ornette Coleman, Don Cherry oder Gato Barbieri zusammen.Dollar Brand konvertierte zum Islam, gab sich den Namen Abdullah Ibrahim und machte sich wieder auf Wanderschaft. In Mbabane, der Hauptstadt von Eswatini, einem kleinen Königreich zwischen Moçambique und Südafrika, das im September 1968 unabhängig geworden war, gründete er zusammen mit seiner Frau eine Musikschule. Seine Kinder kamen zur Welt, erst die Tochter, Tsidi, dann der Sohn, Tsakwe. Mal lebte die Familie in Europa, dann wieder in New York und immer häufiger auch in Südafrika.Als Ibrahim 1974 wieder einmal in Kapstadt war, setzte er sich bei einer Studiosession mit den Saxofonisten Basil Coetzee und Robbie Jansen aus dem Umfeld der zu jener Zeit in Johannesburg erfolgreichen Cape-Jazz-Fusionband Oswietie in einer Arbeitspause ans Klavier und spielte eine Phrase, sechs Töne oder sieben, spielte sie wieder, variierte, baute sie aus, und nach und nach entwickelte diese Melodie einen tranceartigen Sog, einer nach dem anderen stiegen die Musiker ein, griffen das Motiv auf und überliessen sich dem Flow. Eine knappe Viertelstunde später war das Stück fertig und erhielt den Titel «Mannenberg».Das Stück vereinte Elemente verschiedener Stile der afrikanischen populären Musik, wie Mbaqanga, Marabi, Kwela und Township-Rhythmen, und entwickelte sich rasend schnell zum Hit. Nach zwei Jahren war Ibrahims Album «Mannenberg – Is Where It’s Happening» das meistverkaufte Jazzalbum Südafrikas. Das Titelstück wurde zur inoffiziellen Nationalhymne der Antiapartheidbewegung. Abdullah Ibrahim war mit diesem Stück zu einer ihrer Galionsfiguren geworden.Der Musikszene von Südafrika entwachsenDie Wahl von Frederik Willem de Klerk zum letzten weissen Staatspräsidenten im Jahr 1989 brachte die südafrikanischen Verhältnisse ins Wanken. Das Verbot der schwarzafrikanischen Organisationen fiel, Nelson Mandela wurde aus der Haft entlassen, es gab Verhandlungen über einen friedlichen Übergang zur Demokratie.Damit war auch der Boden geebnet für eine Rückkehr von Abdullah Ibrahim und Sathima Bea Benjamin nach Kapstadt. Beide spielten bei der Amtseinführung von Mandela als Staatspräsident. Doch auf Dauer war Abdullah Ibrahim der Musikszene in Südafrika entwachsen, ein Weltbürger seiner Musik, in der er ungebrochen die Klänge seines südafrikanischen Herkunftslands beschwor.In den letzten Jahren hat er den Chiemgau als seine neue Heimat gefunden, die Alpen als Kulisse für eine ruhigere Arbeit an seiner Musik, die geografische Grenzen auflöst. Am 15. Juni ist Dollar Brand Abdullah Ibrahim im Alter von 91 Jahren gestorben.Passend zum Artikel
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