Der Goldstrom hat gedreht: Jetzt könnte die Schweiz von den USA Zoll verlangenDer Handelsbilanzüberschuss mit den USA hat sich in ein Defizit verwandelt. Trump verliert ein Druckmittel in den Zollverhandlungen. Alles hängt am Gold.20.06.2026, 21.45 Uhr5 LeseminutenIllustration Dario Veréb / NZZaSDonald Trump verliert gerade, was er an der Schweiz am liebsten kritisiert. Wiederholt hat sich der US-Präsident über den Handelsbilanzüberschuss der Schweiz gegenüber Amerika ausgelassen. So sagte er etwa am WEF in Davos, die Schweiz sei nur so reich, weil sie die USA ausnutze.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Doch nun zeigt eine Datenanalyse der «NZZ am Sonntag»: Der Schweizer Handelsbilanzüberschuss ist verschwunden. Das Plus, das laut amerikanischen Statistiken im Jahr 2024 noch 38,3 Milliarden Dollar betrug, hat sich sogar in ein klares Defizit verwandelt. Die Schweiz importiert derzeit viel mehr Waren aus den USA, als sie dorthin exportiert.Nach Trumpscher Logik könnte die Schweiz jetzt eigentlich Zölle von den USA verlangen. Wenn Bundesbern weniger forsch auftreten will, könnte man in den laufenden Verhandlungen über ein Handelsabkommen zumindest argumentieren, dass die Basis für die amerikanischen Zolldrohungen weggefallen sei.Jetzt ist Gold Teil der Lösung statt des ProblemsSeit September 2025 hat die Schweiz fast in jedem Monat ein deutliches Handelsbilanzdefizit gegenüber den USA verzeichnet. Im laufenden Jahr betrug das Defizit in den Monaten Januar bis April gesamthaft 18,6 Milliarden Dollar.Dem wundersamen Verschwinden des Schweizer Überschusses liegt ein einziger Faktor zugrunde: der Goldhandel. Klammert man diesen aus, exportiert die Schweiz immer noch mehr, als sie importiert. Die grossen Schweizer Exportbranchen wie die Pharmaindustrie, die Uhrenhersteller oder die Maschinenbauer liefern immer noch jeden Monat viel mehr Güter in die USA, als in diesen Sektoren von dort in die Schweiz kommen.Doch dieser Umstand wird seit einigen Monaten komplett wettgemacht. Das ist aus zwei Gründen bemerkenswert: Erstens war das Gold der Grund dafür, dass die Schweiz zuvor überhaupt so einen hohen Handelsbilanzüberschuss mit den USA gehabt hatte. Und zweitens war Trump höchstpersönlich der Grund für diesen Überschuss.Zoll-Angst erfasste den GoldmarktNach Trumps Wahl im November 2024 ging die Angst um, dass er auch Zölle auf Goldimporte erheben könnte. Viele internationale Banken und institutionelle Investoren wollten eilends Barren in die USA bringen, um den drohenden Abgaben zuvorzukommen. Am Goldmarkt herrschte Torschlusspanik.Dieser Goldhandel lief zu einem erheblichen Teil über die Schweiz. Mit ihren vier grossen Raffinerien und hohen Qualitätsstandards bei der Produktion und Veredelung ist sie einer der weltweit bedeutendsten Verarbeitungsplätze für das Edelmetall.Der Grund für den damaligen Umweg über die Schweiz: An der wichtigen Terminbörse Comex in New York ist eine andere Barrengrösse üblich als in vielen anderen Ländern. Besonders in London, dem zweiten wichtigen Finanzplatz für Gold, sind im Handel Barren von 400 Feinunzen (12,4 Kilogramm) vorgeschrieben. In den USA werden Barren von 100 Unzen oder einem Kilogramm akzeptiert.Ende 2024 und Anfang 2025 explodierten deshalb die Schweizer Goldexporte in die USA und trieben so den Handelsbilanzüberschuss in die Höhe. Diesen Überschuss nahm Trump als Grundlage für seine Strafzölle, die er Anfang April 2025 verkündete – und die im Fall der Schweiz damals unerwartet hohe 31 Prozent betrugen.Trump mag Zölle – aber nicht auf GoldDoch den grossen Aufwand hätten sich die Banken und Goldinvestoren sparen können: Trump möchte keine Zölle auf Goldbarren erheben. Das wurde bereits bei den Strafzöllen im Frühjahr 2025 absehbar und im Sommer durch einen Erlass bestätigt. Damit entfiel der Grund für die exzessive Lagerung der Barren in New York.Nun drehte sich der Handel um: «Nachdem klar war, dass es keinen amerikanischen Zoll geben wird, haben sich die Märkte schnell normalisiert. Grosse Mengen Gold kamen zurück in die Schweiz», sagt Christoph Wild, der Präsident der Schweizerischen Edelmetallvereinigung (ASMP). «Hier wurden sie wieder in 400-Unzen-Barren für London oder in Produkte für andere Märkte umgeschmolzen.»Die Zahlen sind gewaltig: Seit April 2025 hat die Schweiz Gold aus den USA im Wert von 55,4 Milliarden Franken importiert, wie Daten des Schweizer Zolls zeigen. Die Goldlieferungen sind so gross, dass sie die gesamte Schweizer Handelsbilanz gegenüber den USA ins Minus gedrückt haben.Mittlerweile seien die Rückflüsse, die von den entkräfteten Zollsorgen ausgelöst wurden, weitgehend versiegt, sagt Christoph Wild vom Branchenverband ASMP. Der derzeitige Strom an Importen ist mehr ein normaler Grundpegel: Die USA sind ein wichtiger Goldförderer. Gold, das dort in den Minen abgebaut wurde, wird in der Schweiz verarbeitet und anschliessend hier gelagert oder in andere Länder geliefert.Der Boom des Goldexports in die USA von Ende 2024 und Anfang 2025 sei eine grosse Ausnahme gewesen, sagt Wild – ähnlich wie während der Corona-Pandemie oder der globalen Finanzkrise. Die Bilanz zwischen den beiden Ländern sei historisch meistens ausgeglichen, so der Experte. Tatsächlich importierte die Schweiz mindestens seit 2012 sogar regelmässig mehr Gold aus den USA, als sie dorthin exportierte.Das Verschwinden des Schweizer Handelsbilanzüberschusses könnte für Bundesbern zu einem Trumpf in den laufenden Zollverhandlungen werden. Der Bundesrat möchte mit der Trump-Regierung ein verbindliches Handelsabkommen möglichst bis im Juli abschliessen. Das Ziel: so geringe Zölle auf Schweizer Exportgüter wie möglich.Finden die USA neue Gründe?Doch um Zölle zu rechtfertigen, zaubern die USA immer neue Argumente hervor: Gefährlich werden dürfte für die Schweiz eine laufende «Section 301»-Untersuchung. Der US-Handelsbeauftragte Jamieson Greer untersucht derzeit, ob die Schweiz Überkapazitäten in der Industrie fördere und so der US-Wirtschaft schade. Die amerikanische Regierung könnte auf dieser Basis ab dem Sommer erneut hohe Zusatzzölle für die Schweiz verhängen.Blickt Greer in seiner Untersuchung auf den Gesamthandel inklusive Gold, bei dem die Schweiz gegenwärtig ein Defizit hat, müsste er eigentlich milde gestimmt sein.Womöglich schaut der Handelsbeauftragte aber nur auf den Kern der Schweizer Industrie, also auf die grossen Exportbranchen Pharma, Uhren, Maschinenbau oder Präzisionsinstrumente. Hier exportiert die Schweiz immer noch mehr in die USA, als sie von dort importiert. Und dieser strukturelle Handelsbilanzüberschuss wird nicht so schnell verschwinden – auch wenn etwa die gewichtige Pharmabranche ihre Produktion für den amerikanischen Markt in den kommenden Jahren in die USA verlagern wird.Ein anderes Risiko hängt abermals mit dem Gold zusammen: Die Schweizer Raffinerien sind in der Regel längst nicht ausgelastet. «Traditionell werden in der Branche bewusst Kapazitätsreserven vorgehalten, um auf plötzliche Nachfrageschübe rasch reagieren zu können», erklärt der Goldexperte Wild. Die übliche Auslastung einer Goldraffinerie ist deutlich tiefer als bei typischen Industriebetrieben.Die Schweiz hat also weiterhin die Möglichkeiten, die Goldexporte schnell zu steigern, wenn Investoren plötzlich wieder grosse Mengen in die USA bringen wollen – zum Beispiel, falls Trump seine Meinung zu den Goldzöllen ändert.Noch keine neuen Schweizer Goldinvestitionen in den USADeshalb vereinbarten Bern und Washington in ihrer vorläufigen Einigung vom November 2025, dass die Schweizer Raffinerien Produktionskapazitäten in den USA aufbauen.Der prominenteste Fall ist MKS Pamp, eine Raffinerie im Tessin. Ihr Chef Marwan Shakarchi zählte zur Unternehmerdelegation, die Trump im Weissen Haus traf und ihm einen Goldbarren überreichte. Getan hat sich allerdings wenig: Im Januar erklärte MKS Pamp, man arbeite noch an den Details der Expansion am Standort Oklahoma. 2023 hatten die Schweizer den dort ansässigen Edelmetallhändler Apmex übernommen.Wie MKS Pamp jetzt auf Anfrage mitteilte, gebe es keine Neuigkeiten. Man prüfe weiterhin die Optionen. Die übrigen Schweizer Raffinerien haben ebenfalls noch keine Schritte angekündigt.Wenn die Trump-Administration will, kann sie also weiterhin Hebel finden, um Druck auf die Eidgenossenschaft auszuüben.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel
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Der Handelsbilanzüberschuss mit den USA hat sich in ein Defizit verwandelt. Trump verliert ein Druckmittel in den Zollverhandlungen. Alles hängt am Gold.
La Svizzera ha invertito il surplus USA: da maggio 2025 importa 55 miliardi CHF d'oro per riciclo verso standard Londra, eliminando il principale argomento di Trump per dazi. L'inversione rafforza la posizione svizzera nei negoziati per un accordo con tariffe ridotte (scadenza luglio), sebbene Washington cerchi nuovi pretesti tramite indagine Section 301.







