Achtung, Witz! So sagt das die Sprecherin des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) am Freitagabend sicherheitshalber, als der neben ihr sitzende Julian Nagelsmann im Stadion in Toronto weniger als 24 Stunden vor dem nächsten deutschen Spiel bei dieser Weltmeisterschaft von einer „big anaconda“ berichtet. In der Pressekonferenz ist der Trainer gerade gefragt worden, ob es im Teamquartier der Deutschen in Winston-Salem wirklich eine Schlange gebe und wie es um die Sicherheit stehe. Als er realisiert, dass das, was er von der ausländischen Reporterin gefragt worden ist, kein Witz sein soll, macht er selber einen.„There is a big anaconda“, sagt er, es gebe eine große Anakonda.Die Pressekonferenzen vor WM-Spielen sind nicht selten seltsame Veranstaltungen. Doch das Nützliche an diesen seltsamen Veranstaltungen ist, dass man selbst dann, wenn sich wie in diesem Fall eher nichts Neues über das Spiel lernen lässt, wenigstens etwas über die Stimmung lernen kann. Etwa, dass der Trainer Nagelsmann sich zwar noch nicht wie eine Kobra aufgerichtet und auch noch nicht wie eine Klapperschlange gerasselt, aber sehr wohl seine Abwehrhaltung darüber zum Ausdruck gebracht hat, dass über einen Spieler seines Teams in der Öffentlichkeit gar nicht gut gesprochen wird.Es sind die Gespräche über den Außenstürmer Leroy Sané, die auch nach dem 7:1-Sieg der Deutschen gegen Curaçao im ersten Spiel weitergegangen sind. Die kleinere Frage: Steht Sané auch an diesem Samstag gegen die Elfenbeinküste in der Startelf? Die größere Frage: Wenn Sané in diesem Turnier immer in der Startelf steht, kann die deutsche Mannschaft dann so weit kommen, wie Nagelsmann das möchte, nämlich bis zum Ende?Was sieht der Bundestrainer in Leroy Sané?Am Freitag antwortet Nagelsmann auf die kleinere Frage: „Ich wüsste nicht, warum ich ihn nicht spielen lassen soll. Ich bin keiner, der sich treiben lässt von irgendwelchen Meinungen von außen. Wir haben eine Meinung im Trainerteam und eine Meinung in der Mannschaft. Und Dinge gesehen auf dem Feld, die sehr gut waren. Das Schöne ist, dass wir die Idee vorgeben, mit der Mannschaft besprechen und dann auch bewerten können, ob ein Spieler die Idee umsetzt. Das ist für Außenstehende nicht immer ganz leicht nachvollziehbar. Da muss man viel interpretieren.“Interpretieren – das sagt Nagelsmann, wenn er sagen will, dass andere nicht sehen, was er sieht. Doch was sieht er in Sané? Wahrscheinlich einen Stürmer, der wegen seiner Athletik und Geschwindigkeit perfekt in den Fußball der Gegenwart passt. Einen, der deswegen am Samstag auch eine Spezialaufgabe übernehmen und den Außenverteidiger Joshua Kimmich in der Defensive gegen die schnellen Stürmer der Elfenbeinküste unterstützen soll. Einen, der an seinem besten Tag ein Niveau erreichen kann, das Deniz Undav an seinem besten Tag nicht erreichen wird.Das alles stimmt. Aber müsste Nagelsmann nicht auch sehen, dass es eben Gründe gibt, warum Sané mittlerweile nur noch bei Galatasaray Istanbul spielt und nicht mehr bei Bayern München oder Manchester City? Warum sich auch größere Fragen stellen? Warum man die Dinge auch anders als er interpretieren kann?Es geht in der Pressekonferenz dann aber nicht nur um Sané, sondern auch um den Gegner, die Elfenbeinküste, aber neu ist das, was der Bundestrainer berichtet, nicht. Er sagt: „Ihr Eins-gegen-Eins ist schon ihre größte Stärke.“ Er sagt: „Ihr Umschalten nach Ballbesitz ist schon das, was sie am besten können.“ Und er sagt: „Im Mittelfeld haben sie brutale Körperlichkeit, die uns schon vor Probleme stellen kann.“Weil das nicht neu ist, nochmal zur Schlange im deutschen Teamquartier. Die Frage der ausländischen Reporterin dürfte auf Joshua Kimmich zurückzuführen sein, der in dieser Woche erzählt hat, dass er eine Schlange gesehen habe. Und nachdem er den Witz gemacht hat, hat Julian Nagelsmann auf diese Frage eine Antwort, die keinen Interpretationsspielraum lässt: „Wir lieben alle Tiere auf diesem Planeten.“