PfadnavigationHomeSportFußballWMNationalmannschaft„Es gibt ein psychologisches Phänomen“ – Nagelsmann verteidigt SanéStand: 02:18 UhrLesedauer: 5 MinutenJürgen Klopp und Thomas Müller blicken auf das nächste Spiel der DFB-Elf bei dieser Weltmeisterschaft. Besonders ein Spieler wird aus ihrer Sicht gefährlich werden. „Niemand verteidigt Yan Diomande über 90 Minuten“, sagt Jürgen Klopp.Ein Sieg gegen die Elfenbeinküste und Deutschland würde erstmals seit 2014 bei einer WM wieder in die K.-o.-Runde einziehen. Bundestrainer Nagelsmann kontert am Tag vor dem Spiel die Kritik an Offensiv-Star Sané. Für einen Moment wird es auch lustig.Knapp 15 Minuten hatte er im Wechsel mit Jonathan Tah Fragen beantwortet, als sich eine Kollegin aus China am Freitagabend meldete. „Sie habe gehört“, sagte Zhenni Yu an die Adresse von Julian Nagelsmann auf einer Pressekonferenz in Toronto, „dass es im Teamquartier Schlangen geben würde und ob denn alle sicher seien.“ Der Bundestrainer hielt kurz inne, fing an zu lachen und drehte sich zu Tah. „Das ist Wahnsinn“, sagte er zu seinem Abwehrchef, der ebenfalls lachte. „Ja, da ist eine Anakonda“, antwortete Nagelsmann augenzwinkernd. Nun lachte das ganze Auditorium.Franziska Wülle, die Pressechefin der Nationalmannschaft, beschwichtigte umgehend. „Das war ein Witz“, sagte sie. Dennoch war der Gute-Laune-Punkt am Tag vor dem zweiten WM-Gruppenspiel der Deutschen damit gesetzt. Nach dem 7:1 zum Auftakt gegen Curaçao trifft das Team von Nagelsmann am Samstag auf die Elfenbeinküste (22 Uhr MEZ/ZDF und MagentaTV sowie im Liveticker bei WELT)Mit einem Sieg wäre der Einzug in die WM-K.o.-Runde perfekt. Es wäre der erste seit dem Titelgewinn 2014 in Brasilien. Im Anschluss daran gab es jeweils ein Vorrunden-Aus. Erst 2018 in Russland, dann vier Jahre später in Katar.Lesen Sie auchNagelsmann ließ überraschend offen, ob er der Startelf aus dem Curaçao-Spiel weiter vertrauen würde. Es würde zwar keinen „offensichtlichen Grund“ geben, etwas zu ändern, „aber wir werden die Nacht abwarten und dann schauen“. Bei der EM 2024 hatte der Bundestrainer in der Vorrunde die Startelf in allen drei Spielen nicht verändert.Was könnte Nagelsmann gegen die Elfenbeinküste personell ändern? Gab es im Auftaktspiel einen deutschen Spieler, der im Nachgang trotz des Erfolgs kritischer gesehen wurde als der Rest, dann war es Leroy Sané. Bei WELT wurde sein Auftritt mit Note 4 bewertet. Lesen Sie auchJulian Nagelsmann brach am Freitag eine Lanze für den Offensivspieler von Galatasaray Istanbul. Angesprochen auf die Kritik am 77-maligen Nationalspieler sagte er: „Leroy hat sehr gut trainiert. Ich lasse mich von draußen nicht treiben. Ich habe Dinge im letzten Spiel gesehen, die sehr gut waren. Das Schöne ist, dass wir die Idee vorgeben und dann auch sehen, wie die Mannschaft das umsetzt. Leroy war fleißig, hat hart gearbeitet und die Dinge gemacht, wie wir vorgegeben haben.“In Joshua Kimmich war ihm bereits der Kapitän verbal zur Seite gesprungen – und hatte seinen Mitspieler nach der Kritik in Schutz genommen. „Ich habe das schon mitgekriegt und verstehe die Kritik wirklich nicht, schon gar nicht nach einem 7:1“, sagte Kimmich, der mit Sané gemeinsam die rechte Seite beackert hatte: „Ich fand ihn extrem engagiert, vor allem bei seinem Umschaltverhalten. Er hat mich nie allein gelassen, ist immer zurück gesprintet.“ Sané habe „aus Mannschaftssicht ein gutes Spiel gemacht“, betonte er.Was die Kritik an seinem Spieler betrifft, ergänzte Nagelsmann am Freitagabend noch, dass alles okay sei, „wenn es gerechtfertigt ist. Aber in dem Ausmaß wie es nach dem Spiel war, war es nicht gerechtfertigt.“ Nagelsmann ließ wissen, dass Sané die Kritik nicht stören würde. „Es beschäftigt dann eher mich, weil ich es ungern habe, dass über meine Spieler so etwas geschrieben wird. Man hat ihm lange Zeit immer angekreidet, dass er vielleicht nicht den Fleiß hat und sich nicht viel bewegt. Aber das hat er absolut gemacht in dem Spiel. Es gibt ein psychologisches Phänomen: Wenn man einen Menschen irgendwann mal in einer gewissen Schublade hat und ihn charakterisiert, dann wird alles, was man ansatzweise in diese Richtung sieht, um ein Vielfaches schlimmer bewertet. Und in dem psychischen Moment sind wir gerade bei ihm. Das Selbstvertrauen bekommt er von uns, weil wir ihn spielen lassen, und vom Team durch gute Rückmeldungen und die Akzeptanz, die er bei uns hat. Dann wird er morgen wieder ein gutes Spiel machen.“Am vergangenen Donnerstag war Julian Nagelsmann 1000 Tage im Amt als Bundestrainer. In seiner Bilanz stehen 22 Siege, sechs Unentschieden und sechs Niederlagen. Die WM ist nach der Heim-EM 2024 sein zweites Turnier, bei dem bislang alles nach Plan läuft. Es ist kein Spieler verletzt, keiner muckt auf. Jeder denkt wie gefordert von Match zu Match – und behält dabei das große Ganze im Blick. Jeder Nationalspieler, der unter der Woche zu den Medien sprach, stellte die Mannschaft und ihr Ziel, den WM-Titel, über das persönliche Befinden.Ein Verdienst von Nagelsmann. Der Spagat zwischen langer Leine und intensiven Einheiten geht auf. Montag und Dienstag ließ er es ruhig angehen. Die Spieler regenerierten, lagen am Pool oder verließen das Camp für einen Café- oder Restaurantbesuch. Dann aber zog er die Zügel wieder an. In jedem Training setzt er auf Übungsformen, in denen es ums Gewinnen geht. Wettkampf, Wettkampf, Wettkampf. Das Siegen kann man üben. Beim Bundestrainer, der immer mit einem weißen Zettel auf dem Platz zu sehen ist, hat Kapitän Kimmich eine merkliche Veränderung festgestellt. „Gerade jetzt auch die letzten Wochen und Monate, finde ich, ist er sehr klar in der Kommunikation, was er möchte, was er erwartet, was er von uns verlangt.“Nagelsmann hat lange vor der WM erkannt, dass andere Mannschaften mehr Top-Top-Fußballer haben. Die ersten Spiele der Franzosen, Argentinier und Engländer in Amerika untermauern das. Es wird auch gegen die physisch enorm starken Ivorer auf das Teamwork ankommen. „Man spürt, wir haben ein sehr gutes Miteinander. Die Jungs auf dem Feld, aber auch außerhalb des Feldes“, konstatierte Nagelsmann. Er hob dabei namentlich auch Antonio Rüdiger hervor. Er hat seinen Platz als Abwehrchef verloren, zieht aber dennoch voll mit. Bei den ersten Toren gegen Curaçao rannte er jedes Mal von der Ersatzbank zur Jubeltraube. „Das ist das Entscheidende, dass sie einen sehr guten Geist miteinander haben und gerne zusammen Fußball spielen. Das ist der Schlüssel, das müssen wir beibehalten, da dürfen wir keinen Deut nachlassen“, forderte Nagelsmann. Lars Gartenschläger ist Redakteur im Sportkompetenzcenter. Er berichtet für WELT seit vielen Jahren über die Nationalmannschaft. Seit Anfang Juni ist er für die Redaktion in den USA und schreibt von dort aus über die WM-Vorbereitung der deutschen Auswahl. Am Samstagabend wird er auf der Tribüne in Toronto sitzen.