PfadnavigationHomeSportFußballWMNationalmannschaftNagelsmanns große Herausforderung nach dem Stress-TestStand: 04:22 UhrLesedauer: 7 MinutenDeutschland gewinnt einen packenden WM-Krimi gegen die Elfenbeinküste mit 2:1. Durch den Führungstreffer von Franck Kessié gerät die DFB-Elf trotz Überlegenheit in Rückstand. Die Mannschaft von Julian Nagelsmann tut sich lange schwer, ehe die Joker stechen. Die Higlights im Video.Die deutsche Mannschaft steht nach dem zweiten Sieg als Gruppensieger fest. Ein Gewinner der Partie gegen die Elfenbeinküste ist Julian Nagelsmann. Doch nun muss er eine harte Entscheidung treffen.Mit seiner Erfahrung aus vier Weltmeisterschaften als Spieler brachte Thomas Müller es auf den Punkt. Beim 2:1 (0:1) gegen die Elfenbeinküste am vergangenen Samstag habe man „das gesamte Spektrum“ der deutschen Nationalmannschaft gesehen, sagte der einstige Nationalspieler bei MagentaTV. Tatsächlich wurden Stärken und Schwächen des Teams um Torwart Manuel Neuer deutlich, gab es verschiedene Phasen im Spiel. Insofern kann die Partie der Auswahl des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) Hoffnung machen. Sie muss ihr aber auch zu denken geben.Unter dem Strich war es ein bestandener Stress-Test. Deutschland ist nach zwei Spieltagen bereits für die K.-o.-Runde qualifiziert – nach dem 0:0 Ecuadors gegen Curaçao sogar als Gruppensieger. Die Mannschaft von Bundestrainer Julian Nagelsmann bewies, dass sie mit Rückschlägen umgehen kann. Sie zeigte Moral und stellte ihren enormen Willen unter Beweis. Mit diesem und etwas Glück drehte sie die Partie nach dem 0:1. Die Mentalität stimmt offensichtlich. „Das hatte Deutschland lange nicht mehr, so einen Zusammenhalt der Mannschaft, dass wir so ans Limit gehen und die Spiele noch drehen“, sagte der eingewechselte Offensivprofi Nadiem Amiri.Es war auch ein Sieg Nagelsmanns. Der 38-Jährige wechselte genau richtig ein: Amiri bereitete den Ausgleich mit einer herausragenden Flanke vor, Deniz Undav erzielte beide Tore. Und Leon Goretzka verhinderte vor dem Siegtreffer mit Defensivarbeit das 1:2. Nagelsmann coachte an der Seitenlinie enorm emotional. So hat man ihn lange nicht erlebt. Das zeigte, wie sehr er unter Stress stand, wie groß der Druck ist. Und auch, wie sehr er seinen Job lebt und wie viel Energie er auf die Mannschaft übertragen möchte. Sein sogenanntes „In-Game-Coaching“ war an diesem Wochenende in Toronto optimal.Jonathan Tah wurde nach der passenden Überschrift für den zweiten Gruppensieg gefragt. Der Abwehrchef nannte gleich zwei passende Überschriften: Siegermentalität. Und Teamgeist. Wie die Spieler das 2:1 feierten, mit allen Ersatzleuten und Teammitarbeitern, sagte viel über den Geist der Mannschaft aus.Lesen Sie auchElf Siege in Folge – die Bilanz der Deutschen ist beeindruckend. Wie weit dieser Sieg tragen kann, bleibt natürlich abzuwarten. Kurz vor dem Ende hätte die Elfenbeinküste das 2:1 erzielen müssen, die Elf um Kapitän Joshua Kimmich hatte auch Glück. In einigen Phasen der Partie fehlten ihr in der Offensive die Ideen und in der Defensive der Zugriff. Müller kritisierte auch das Defensivverhalten Kimmichs.Lesen Sie auch„Wir sind mit Rückschlägen gut umgegangen“, sagte Nagelsmann. „Ich bin sehr stolz auf die Spieler, die reingekommen sind. Beide Mannschaften wollten gewinnen, wir vielleicht einen Tick mehr als der Gegner.“ Zu Recht warnte er aber vor Euphorie: „Wir brauchen nicht von Weltspitze sprechen. Vor drei Wochen war ja noch alles in Schutt und Asche.“Im letzten Gruppenspiel trifft Deutschland Donnerstag (22 Uhr/ARD, MagentaTV und Liveticker bei WELT) in New Jersey auf Ecuador. Eine der größten Herausforderungen für Nagelsmann vor dem letzten Spiel der Vorrunde ist nun der Umgang mit Undav – in Bezug auf die Rolle des Stürmers und die Aufstellung.Deniz Undav ist der beste WM-ScorerNach dem Sieg gegen die Elfenbeinküste lag Undav mit fünf Scorer-Punkten (drei Tore, zwei Vorlagen) auf Platz eins der WM-Rangliste. Vor dem argentinischen Superstar Lionel Messi. Der 29-Jährige hätte sich einen Startelf-Einsatz total verdient, das weiß auch Nagelsmann. Und betonte bereits direkt nach dem Abpfiff, dass es keineswegs ausgeschlossen ist, dass Undav von Beginn an spielt. Für den Stürmer wäre es das erste Spiel von Beginn an bei einem großen Turnier mit der Auswahl.Doch die Situation ist komplex. Gerade wenn es darum geht, ob Undav auch in der K.-o.-Runde von Beginn an spielen soll. Würde Nagelsmann sehr positionsgetreu wechseln, müsste er wohl Stürmer Kai Havertz herausnehmen. Weltmeister Thomas Müller nennt den Angreifer vom FC Arsenal einen „Ankerspieler“, auch Weltmeister Mats Hummels sieht Havertz als Spieler, der in der Nationalelf gesetzt ist. Havertz ist die einzige Spitze im deutschen Spiel. Das Umstellen auf ein System mit zwei Spitzen ist sehr unrealistisch.Nagelsmann könnte Havertz gegen Ecuador eine Pause geben – doch in der K.o.-Phase wäre dieser wohl wieder gesetzt. Sollte Nagelsmann Undav von Anfang an bringen, würde er der Mannschaft zudem einer Stärke berauben – er würde ihr ihren Top-Joker nehmen. So bitter es für Undav ist: Er ist von der Bank aus eigentlich zu wichtig und zu stark, um dauerhaft von Beginn an zu spielen. Zumindest kann man es so sehen. Der Angreifer selbst würde einen Startelf-Einsatz natürlich begeistert annehmen. Doch womöglich ist es für ihn besser, sich nicht schon 60 Minuten gegen körperlich starke Gegner aufgerieben zu haben. „Natürlich darf er Ansprüche stellen. Der Trainer ist ja auch nicht blind“, sagte Fernseh-Experte Müller. „Wenn ich mich jetzt in ihn hineinversetze, würde ich mir schon denken: Ja, gegen Ecuador, da erwartet man einen tiefen Block. Da könnte ich mir auch vorstellen, vielleicht zu starten. Aber wenn man es andersrum sieht, könnte man auch sagen, okay, wenn die müde werden und dann bringe ich ihn wieder ab der 60., dann ist es immer noch ein tiefer Block, aber er muss sich nicht abarbeiten und er behält seinen Flow.“Bislang akzeptiert Undav seine Rolle absolut. Doch er hat sportlich viele Argumente gesammelt, um (noch) mehr Spielzeit zu bekommen. Er strotzt vor Selbstbewusstsein und ist in der Form seines Lebens. „Deniz muss man hervorheben, einfach überragend“, sagte Abwehrchef Tah über den Stürmer. Und Amiri ergänzte: „Deniz ist ein absoluter Killer vor dem Tor, der braucht nicht viele Chancen.“ Die internationale Presse schwärmt. „The Athletic“ fragt: „Ist Deniz Undav der beste Einwechselspieler der Weltmeisterschaft?“ Und die „Daily Mail“ schreibt: „Deniz Undav ist ein geborener Torjäger für Deutschland.“Ist die rechte Außenbahn eine Option für Undav? Der engagierte Leroy Sané hat auf dieser Position auch im zweiten WM-Spiel nicht komplett überzeugt. Undav über rechts – theoretisch möglich, doch überhaupt nicht seine beste Position. Gegen die Elfenbeinküste brachte Nagelsmann nach rund 60 Spielminuten den Stuttgarter Jamie Leweling für Sané in die Partie.Viel eher könnte die „zehn“, die zentrale Offensive, eine Option für Undav sein. Dort kann er spielen. Die Statik des deutschen Spiels würde sich natürlich verändern. Jamal Musiala oder Florian Wirtz würde Nagelsmann normalerweise kaum aus der Startelf nehmen. Doch die Belastung bei dieser WM ist hoch, nach den zwei Siegen könnte er einem von ihnen eine Pause geben. Nagelsmann ließ Samstagabend bereits durchblicken, dass dies eine Option sein könnte. Beide Jungstars waren gegen die Elfenbeinküste in keiner herausragenden Form.Für ihn geht es zunächst um die grundsätzliche Überlegung – Undav als Startelf-Spieler oder als Joker. „Man kann über alles nachdenken als Trainer – in beide Richtungen. Man kann sagen, lass ihn in seinem Flow, lass ihn in der Rolle, weil er getroffen hat“, so der Trainer nach dem Sieg. Es sei in beide Richtungen möglich. „Natürlich kann er auch auf der zehn spielen. Wenn er die Quote so behält, sind wir mehr als zufrieden und super happy“, sagte Nagelsmann. „Ich glaube auch, dass jeder Spieler von Beginn an spielen will. Aber tief im Herzen ist er auch ganz zufrieden, wie es gerade läuft.“Lesen Sie auchChristian Streich, lange Trainer des SC Freiburg, würde an Leroy Sané in der Startelf gegen Ecuador festhalten und an Stelle des Bundestrainers mit Undav reden. „Er ist einfach ein wahnsinnig guter Fußballer, der sich in die richtigen Räume bewegt“, sagte Streich im ZDF. Für den früheren Weltmeister Per Mertesacker ist Undav ein „absolutes Phänomen“.„Man muss sich mal vorstellen, vor sechs Jahren hat er noch beim SV Meppen gespielt und davor beim TSV Havelse. Was so schön ist, ist dieser andere Karriereweg“, so Mertesacker. Undav selbst will sich an der Diskussion nicht direkt beteiligen. „Wir haben ein gemeinsames Ziel und wenn das gerade so gut funktioniert, wie gesagt, liegt es am Bundestrainer“, sagte der Stuttgarter. „Er trifft die Entscheidungen und ich glaube, es ist nur wichtig für ihn und auch für die Spieler, die von der Bank kommen und die, die spielen, dass sie sehen, okay, dass jeder, der reinkommt, Akzente setzen kann, das Spiel ändern kann.“ Julian Nagelsmann steht vor besonderen Tagen und Entscheidungen.Julien Wolff ist Redakteur im Sportkompetenzcenter. Er berichtet für WELT seit Jahren über die Nationalmannschaft. Seit knapp drei Wochen ist er für die Redaktion in den USA und schreibt von dort aus über die deutsche Auswahl bei der WM.