Julian Nagelsmann erlebt an diesem Donnerstag (22.00 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Fußball-WM, in der ARD und bei MagentaTV) etwas, das man als Trainer eigentlich nie erlebt: ein Turnierspiel, dessen Ausgang auf dem Papier völlig bedeutungslos ist. Vor zwei Jahren, bei der Heimeuropameisterschaft, war die deutsche Mannschaft zwar auch schon nach dem zweiten Spiel für die K.-o.-Phase qualifiziert, es ging aber zumindest noch darum, ob sie Erster oder Zweiter wird.Für das aktuelle Team, das zum Abschluss der Vorrunde dieser Fußball-Weltmeisterschaft auf Ecuador trifft, ist auch das schon entschieden. Dass Jürgen Klinsmann diese Situation 2006 gegen den gleichen Gegner erlebte, ist dabei eine erstaunliche Pointe. In der Gegenwart zählt für Nagelsmann aber allein diese Konstellation: dass das Spiel im Finalstadion von New Jersey zwar das nächste ist, er aber immer auch schon das übernächste im Kopf haben wird. Und damit auch die Frage: agieren oder reagieren?Das ist das Spannungsfeld, in dem Trainerhandeln immer stattfindet: konzeptuelles, strategisches Handeln auf der einen Seite und auf der anderen Anpassungen, die aus dem Moment entstehen, bestimmte Situationen und Konstellationen, die eine unmittelbare Antwort erfordern. Das Besondere bei einem Turnier ist, dass sich ein Trainerleben in wenigen Wochen auf das Äußerste verdichtet – und damit auch das Ringen dieser manchmal konkurrierenden Prinzipien. Was man sagen kann: Es kommt auf jede Entscheidung an. Was man hinzufügen muss: dass das, was am Ende herauskommt, nie genau das ist, was man sich vorher strategisch ausgedacht hat.Was also könnte herauskommen, wenn Nagelsmann heute schon an morgen denkt – und vor allem: Was bedeutet es für das, was am Ende bei der WM für die deutsche Mannschaft herauskommen soll? Vier unverbindliche Empfehlungen im F.A.Z.-Turniertrainer-Check.Das Schlotterbeck-AusDie Nachricht, dass Nico Schlotterbeck für den Rest der WM ausfällt, fügt sich in eine Serie von Situationen, in denen Nagelsmann zum Reagieren gezwungen war. Vieles von dem, was er sich nach der EM ausgedacht hatte, wurde in den zwei Jahren danach hinfällig, mal für kürzer, mal für länger. Zuletzt waren es die Verletzung von Serge Gnabry und besonders die von Lennart Karl, auf die Nagelsmann unmittelbar Antworten finden musste.Gerade Karl war eigentlich das beste Beispiel dafür, wie Nagelsmann agieren wollte bei dieser Weltmeisterschaft: mit ein paar jüngeren Spielern, die der Mannschaft eine andere Mischung und ein anderes Gesicht geben sollten. Das gilt auch für Felix Nmecha, der das auf erstaunliche Weise verkörpert. Und es galt für Schlotterbeck. Deshalb ist es vordergründig ein Fall für eine – selbstverständliche – Reaktion: ein no-brainer, dass Antonio Rüdiger ins Team rückt und Jonathan Tah den Platz halb links in der Viererkette übernimmt.Kein Linksfuß: Jonathan TahAFPAber heißt das auch, dass Tah die Aufgaben Schlotterbecks möglichst eins zu eins übernehmen soll? Tah hat sein Aufbauspiel beim FC Bayern über die Jahre verbessert, aber das Copy-and-Paste-Modell hat schon deshalb eine natürliche Grenze, weil Tah kein Linksfuß ist. Womöglich muss Nagelsmann hier mehr als nur reagieren.Die einfachere Lösung könnte darin bestehen, andere Spieler die Aufgaben mit übernehmen zu lassen, so könnte Aleksandar Pavlović sich noch tiefer ins Aufbauspiel fallen lassen, um seine Stärke, das Passspiel, von etwas anderer Position zur Geltung zu bringen. Zu Joshua Kimmichs Aufgabengebiet als Rechtsverteidiger gehört das ohnehin schon.Allerdings stellt sich die Frage, ob Nagelsmann nicht besser ins Agieren kommen sollte, das würde bedeuten: die Idee des Angriffsspiels, die Aufgabenteilung zwischen Defensive und Offensive ein Stück weit neu zu definieren. Mit noch mehr Spielraum für die Kreativspieler in der Offensivreihe. Oder/und mit dem Versuch, noch mehr auf Pressingmethoden und hohe Ballgewinne zu setzen. Das Spiel gegen Ecuador wäre eine gute Testgelegenheit dafür. F.A.Z.-Empfehlung: eher jetzt agieren – weil es spätestens im überübernächsten Spiel wirklich funktionieren müsste.Die Undav-FrageMit seiner Version vom Doppel-Wumms hat Deniz Undav im Spiel gegen die Elfenbeinküste eine Reaktion ausgelöst, so groß, dass sie bundesweit so ziemlich alle erreicht hat, vom Bundestrainer bis zum Bundeskanzler. Als Reaktion auf die Reaktion wird vor dem dritten Vorrundenspiel immer weniger darüber diskutiert, ob der Stürmer aus Stuttgart in der deutschen Startelf stehen sollte, dafür immer mehr darüber, statt wem.Doch für den Bundestrainer ist die Antwort darauf auch deswegen so kompliziert, weil sich nicht zuletzt an der Undav-Frage entscheiden könnte, ob er selbst nach der WM mit den Beliebtheitswerten des Bundeskanzlers nach Deutschland zurückkehren wird. Wer’s nicht weiß: Die sind gerade so weit oben wie Florian Wirtz’ Stutzen.Erfolgreich nach Einwechslungen – bislang: Deniz Undav (links)dpaDeniz Undav und Julian Nagelsmann – in diesem WM-Jahr erinnern der Stürmer und der Trainer an zwei Wesen aus einer Fabel, weil auf die actio des einen stets die reactio des anderen folgte, bis hin zu einer Überreaktion und einer Entschuldigung, aber das ist nicht die Moral. Der Stürmer agierte mit Toren, der Trainer reagierte mit Nominierungen. „Quote“ war das Wort, das Nagelsmann in den vergangenen Monaten immer wieder verwendete, wenn er über Undav sprach, als wollte er sagen, dass er diesen Spieler wegen all der Treffer nicht nicht zur WM mitnehmen konnte.Jetzt muss er entscheiden, ob er ihn nicht nicht in die Startelf stellen kann. Wäre es verantwortungsloser, einer Mannschaft einen Stürmer vorzuenthalten, der gerade so einen Lauf hat, dass die Fabel des Hasen und des Igels anders ausgehen würde, wenn er der Hase wäre? Oder wäre es fahrlässiger, einer Mannschaft einen Einwechselspieler wegzunehmen, der ihr in dieser Rolle gibt, was ihr sonst kein anderer geben kann? Immer noch keine Moral, aber eine F.A.Z.-Empfehlung: kurzfristig reagieren.Das Musiala-DilemmaAls die Spieler der Elfenbeinküste sich auf ihn stürzten, als sie ihm neben dem Ball auch noch den Spaß am Spiel nehmen wollten, wäre der alte Jamal Musiala ihnen einfach davongelaufen, wie der amerikanische Eiskunstläufer Ilia Malinin allen davonläuft. Er hätte hier eine Drehung und da eine Drehung gemacht, vielleicht nicht vierfach, aber oft genug, dass seine Gegenspieler danach nicht mehr gewusst hätten, wo vorne und hinten, wo oben und unten ist.Doch es bringt den Bundestrainer in ein Dilemma, dass Musiala sich knapp ein Jahr nach seiner schweren Verletzung noch zu wenig wie Malinin und noch zu sehr wie einer der Spieße im Kebabhaus am Feuersee dreht, dem Lieblingsdönerladen von Deniz Undav in Stuttgart.Eher Tänzer als Eishockeyspieler: Jamal Musiala (rechts)AP Photo/Olivia WhiteGegen die Elfenbeinküste hat Nagelsmann schließlich Undav für Musiala eingewechselt – und dem deutschen Spiel eine Schärfe gegeben, die es davor nicht hatte. Es ist nachvollziehbar, warum er Musiala bis hierhin aufgestellt hat. Er hofft weiter darauf, dass der endlich den Lauf hinlegt, den Undav, der eher der Typ Eishockeyspieler ist, nicht hinlegen kann. Mit Blick auf die K.-o.-Runde kann man nun aber schon auch fragen: Wie oft will der Bundestrainer sehen, dass dieselbe Choreographie nicht aufgeht, ehe er sie anpasst?Allerdings gibt es bei genauem Hinsehen auch nicht die eine Anpassung, die alles besser macht. Mit Undav statt Musiala? Mit Undav statt Sané, dafür dann Musiala auf der Sané-Position? Das wäre reagieren. Oder vielleicht sogar mit Wirtz auf der Musiala-Position und einem anderen (Assan Ouédraogo?) auf der Wirtz-Position? Das wäre agieren. F.A.Z.-Empfehlung: reagieren oder agieren – Hauptsache, nicht zu lange damit warten.Die große RochadeBislang lautete für den Bundestrainer die Frage, wie er das Zentrum besetzt, so: Wer passt am besten zu Pavlović? Mit Felix Nmecha hat er darauf eine mehr als überzeugende Antwort gefunden, man könnte auch sagen: eine Königsfigur. Weshalb Nagelsmann jetzt die Frage eigentlich andersherum stellen müsste: Wer passt eigentlich am besten zu Nmecha? Und es ist durchaus möglich, dass es darauf nicht nur die gute Antwort Pavlović gibt, sondern auch eine noch bessere: Kimmich.Wäre das nicht eine ziemlich majestätische Vorstellung, Nmechas Robustheit und Dynamik mit dessen strategischen Qualitäten zu paaren? Die kantige Körperlichkeit des einen mit dem umsichtigen Passspiel des anderen? Die neue Autorität im deutschen Spiel mit dem Kapitän mit natürlichem Führungsanspruch?Diese Rochade wäre das größtmögliche Agieren, das man sich bei dieser WM vorstellen kann, weil es, das ist kein Geheimnis, mit erheblichem Handlungsbedarf anderswo verbunden wäre: Es bräuchte einen neuen Rechtsverteidiger, und selbst wenn sich der mit Kompromissen auftreiben ließe (Anton? Brown?), würde es nach Schlotterbecks Aus einen zusätzlichen Eingriff in die Struktur der Abwehrreihe bedeuten.Hinzu kommt: Während Nmecha und Pavlović immerhin 333 Minuten gemeinsam in der Mittelfeldzentrale der Nationalmannschaft agiert haben, existiert die Paarung Nmecha/Kimmich bislang nur in der Phantasie. Weil die aber wirklich ziemlich spannend ist, lautet die F.A.Z-Empfehlung: noch nicht agieren, aber vielleicht mal testen, wie die Spieler auf den Gedanken reagieren.
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