Nach der Niederlage gegen Ecuador wartet Paraguay als nächster Gegner auf die deutsche Fußballnationalmannschaft. DFB-Geschäftsführer Sport Andreas Rettig gibt einen Ausblick auf das nächste Spiel.Deutschland trifft in der K.o.-Runde auf Paraguay. Nach der Niederlage und seinen Einwechslungen gegen Ecuador wachsen die Zweifel am Bundestrainer. Es geht um weit mehr als das Weiterkommen.Julian Nagelsmann gab 2024 ein sehr persönliches Interview. Der Bundestrainer sprach im „Spiegel“ über den frühen Tod seines Vaters – und über sich. Er sagte, dass er ein sehr reflektierter Mensch sei, der vor allem Vorsicht und Sensibilität walten lasse. Betonte aber auch, dass er keine tiefgreifenden Zweifel an seinem fußballerischen Weg oder seinen Fähigkeiten habe.In diesen Tagen bereitet der 38-Jährige die Nationalmannschaft in den USA auf die nächste Aufgabe vor. Sein Ziel: die WM zu gewinnen. Mancher dürfte sich an die Worte Nagelsmanns erinnern. Der Bundestrainer wirkt sehr überzeugt von sich und seinem Vorhaben, Deutschland zum Triumph zu führen.Das spricht für ihn. Nur ist in der Öffentlichkeit der Glauben daran stark zurückgegangen. Zu ernüchternd war der Auftritt im letzten Gruppenspiel gegen Ecuador (1:2). Wenn Deutschland am Montag (22.30 MEZ/ZDF, MagentaTV und im WELT-Liveticker) im Sechzehntelfinale in Boston auf Paraguay trifft, ist der Druck enorm. Verlieren ist verboten. Alles oder nichts, für Nagelsmann ist es das erste K.o.-Spiel bei einer WM.„Jetzt geht die WM richtig los“, sagt Sportdirektor Rudi Völler: „Der Glaube ist da, dass wir alles rausholen, dass wir absolut ans Limit gehen, ein richtig gutes Spiel machen und natürlich in die nächste Runde einziehen. Das ist ein K.o.-Spiel: Runde weiter oder nach Hause fahren.“Paraguay ist nur 37. der WeltranglisteWenn Letzteres eintritt, wäre das ein Desaster, auch für den Bundestrainer. Im Gegensatz zu den Weltturnieren 2018 und 2022 hat Deutschland zwar die Vorrunde überstanden, für ein Scheitern gegen den Weltranglisten-37. Paraguay gäbe es aber keine Entschuldigung. Lesen Sie auchNagelsmann weiß das natürlich. Für ihn steht viel auf dem Spiel. Als er nach der Niederlage gegen Ecuador zu seiner Mannschaft sprach, blieb er nach Informationen von WELT sehr ruhig. Er wählte aufbauende Worte und ließ seine Spieler wissen, dass auf dem weiteren Turnierweg jeder gebraucht und noch wichtig werde. Lesen Sie auchIn Fernsehinterviews hingegen war zu spüren, wie groß seine Anspannung ist. „Bitte hört auf mit dem Quatsch, ehrlich. Warum wollten die Jungs nicht Vollgas geben?“, entgegnete er Moderator Johannes B. Kerner bei MagentaTV auf kritische Fragen nach der Einstellung der Spieler. Ecuador habe es ein bisschen mehr gewollt, insistierte Kerner. Auch das wollte Nagelsmann so nicht stehen lassen: „Nee, die wollten es nicht mehr.“ Ob dieser Aussagen attestierten ihm einige unsouveränes Verhalten, zumal Joshua Kimmich und Deniz Undav ihrem Trainer auch noch widersprachen. „Der Gegner wollte es mehr“, sagten sie unisono.Als Völler nun gefragt wurde, ob es sich der Bundestrainer mit seiner Kommunikation nicht einfacher machen könnte, befand der 66-Jährige: „Es ist das Wichtigste, dass du erst mal deine Spieler schützt, egal gegen wen. Und das ist auch so gemeint, das ist auch nicht so dahingelabert“. Nagelsmann schützt Spieler, Völler schützt NagelsmannVöller stand selbst vier Jahre für die Nationalmannschaft an der Seitenlinie, von 2000 bis 2004. Er weiß, wovon er spricht: „Julian hat das genauso gemacht, wie man das machen muss – die Spieler in Schutz nehmen. Was natürlich trotzdem nicht bedeutet, dass der eine oder andere es dann auch etwas besser machen kann. (...) Es gibt Trainer im Weltfußball, die machen das dann auch ein bisschen anders. Mir ist es lieber, das so zu machen wie Julian.“So schützend, wie sich der Bundestrainer vor seine Spieler stellt, so schützend agiert Völler selbst. Zum Start des Turniers hatten Jürgen Klopp und Thomas Müller bei MagentaTV die „Noch-Debatte“ losgetreten. Als es um die deutsche Aufstellung gegen Curaçao ging, sagte Klopp: „Zum Glück stellt Julian Nagelsmann die Mannschaft auf“ – und schob dann zweimal ein „noch“ hinterher. Müller reagierte sofort und sagte: „Kloppooooo. Wir haben Juni. Du bist schon im September.“Völler reagiert mit feiner verbaler Klinge. Seine Spitzen gegen das Experten-Duo („Ihr seid ja mehr für die Komik zuständig“) oder speziell gegen Müller („Thomas, du könntest einen kleinen Trainerschein machen“) zeigten Wirkung. Die Debatte war beendet.Stelle hier die deutsche Elf gegen Paraguay aufDennoch schwebt Klopp, derzeit hauptberuflich „Head of Global Soccer“ bei Red Bull, wie ein Schatten-Bundestrainer über Nagelsmann. Auch wenn der 59-Jährige den DFB 2021 und 2023 auf der Suche nach einem Bundestrainer abblitzen ließ. Klopp ist vor der Kamera, präsent in den Köpfen, präsent in jeder unbequemen Frage. Klopp ist da, auch räumlich. Als der deutsche Mannschaftsbus nach dem Ecuador-Spiel abfahrbereit neben dem Stadion in New Jersey parkte, saß Klopp mit der Crew von MagentaTV hinter einem Sichtschutz und wartete seinerseits auf die Abfahrt. Nur gut 40 Meter von Nagelsmann entfernt.Nagelsmann war jüngster U19-Meistertrainer mit 26 Jahren, jüngster Cheftrainer in der Bundesliga mit 28, Deutschlands Trainer des Jahres im Jahr 2017. Seine Titelsammlung hält sich aber in Grenzen. Mit dem FC Bayern wurde er 2022 Meister, aber der ist dort eher Pflicht als Kür. Dass er bei RB Leipzig nach zwei sehr erfolgreichen Jahren ohne Titel blieb, ist einem 1:4 im DFB-Pokalfinale gegen Borussia Dortmund geschuldet. In seinem letzten Pflichtspiel mit RB hatte Nagelsmann sich ein bisschen verzockt. Anstatt wie gewohnt mit einer Spitze startete der damals 33-Jährige mit zwei Mittelstürmern. Nagelsmanns Suche nach unkonventionellen, kreativen Lösungen habe ihn immer ausgezeichnet, sagen sie noch heute in Leipzig. Aber es heißt auch, dass er es mitunter damit übertrieben habe – und zu viel wollte.Die Probleme durch den Abgang Sandro WagnersEiniges sieht man heute noch. Nagelsmann reagierte auf kritische Nachfragen immer mal trotzig. Auch wird ihm nachgesagt, nicht für ausgeprägte Selbstkritik bekannt zu sein, auch wenn es dafür Anlässe gibt. Er selbst betont immer wieder, dass er reflektiere, sich mit den Größten des Fußballs austausche und ihre Meinungen anhöre.Nach dem Abgang seines Assistenztrainers Sandro Wagner 2025 hat sich das Gefüge verändert. Die Assistenten Benjamin Glück und Alfred Schreuder sollen längst nicht so einen guten Draht zu den Spielern haben wie Wagner. Dieser galt als verlängerter Arm Nagelsmanns zur Mannschaft. Er erkannte Strömungen, lotete die Stimmung aus. Schreuder wird wegen seiner besonnenen Art geschätzt und kann Ratschläge geben. Aber nimmt Nagelsmann die auch an?In einem Podcast erzählte der Bundestrainer mal, Rudi Völler sei für ihn wie eine „Papa-Figur“, mit der er sich menschlich verstehen und die ihm durch ihre Turniererfahrung Ruhe geben würde.Frühes EM-Aus, holprige WM-Qualifikation WELT fragte Völler, ob sich Nagelsmann von ihm Ratschläge geben lasse. „Wir haben ein Top-Verhältnis, ein freundschaftliches Verhältnis“, entgegnete er, um dann noch etwas auszuholen. Nagelsmann habe sich über viele Jahre einen Top-Namen in der Bundesliga gemacht. Er sage dies nicht, weil er das sagen müsse. „Er weiß natürlich, wenn man Bundestrainer ist, dass es natürlich auch Menschen gibt, die eine andere Meinung haben. Das gehört sich auch so, das ist überhaupt kein Problem“, so Völler. „Das bringt der Job mit sich, damit muss man umgehen können. Wenn es dann vielleicht ein wenig zu wild wird, dann kann ich auch mal was dazu sagen, aber im Grunde ist Julian ein sehr, sehr erfahrener Trainer, der genau weiß, was er in den richtigen Momenten zu tun hat.“ Es ist das zweite Turnier für Nagelsmann als Bundestrainer. Bei der EM 2024 führte er Deutschland ins Viertelfinale gegen Spanien. So bitter das 1:2 aufgrund eines nicht gegebenen Handelfmeters war: Zur Wahrheit gehört auch, dass Deutschland zuvor im Achtelfinale gegen Dänemark (2:0) das Glück auf seiner Seite und nach dem Auftaktsieg gegen Schottland (5:1) nicht mehr wirklich überzeugt hatte. Auch die WM-Qualifikation war holprig. Nach dem Fehlstart in der Slowakei (0:2) folgten zwar viele Siege, aber wenige gute Spiele. Richtig überzeugen konnte die Mannschaft erst im letzten Gruppenspiel – bei der 6:0-Revanche gegen die Slowakei. Ein Podcast, ein Champion, ein Rätsel – wer ist der Gast? Raten Sie mit: Abonnieren Sie WELTMeister bei Spotify oder Apple Podcasts.Die WM verläuft bislang auch alles andere als perfekt. Auf das 7:1 gegen das überforderte Curaçao folgte ein 2:1 gegen die Elfenbeinküste, bei dem erst der eingewechselte Deniz Undav mit zwei Toren für die Wende sorgte. Dann kam das 1:2 gegen Ecuador. Der Gegner war überlegen, und Nagelsmann nahm Wechsel vor, die für viele keinen Sinn ergaben. „Harakiri hier, Harakiri da“, titelte die „SZ“. Der Trainer habe den Spielern Wochen vor der WM Rollen zugeteilt und diese nun verwässert.Gegen Paraguay bedarf es nun Klarheit und Überzeugung. Damit es funktioniert, hielt Nagelsmann nach der Partie gegen Ecuador an Ritualen fest. Obwohl nicht viel Zeit bis zum Spiel ist, gab er am Tag danach frei, auch durften die Familien wieder für eine Nacht mit ins Quartier. Der Trainer setzt auf einen guten Teamgeist – und gewährt der Mannschaft Freiräume. „Wir müssen eine gut funktionierende Familie werden“, hatte Nagelsmann zu Turnierbeginn gesagt.Nun muss er zeigen, dass seine Familie intakt ist. Mit ihm an der Spitze.Julien Wolff und Lars Gartenschläger sind Redakteure im Sportkompetenzcenter. Sie berichten für WELT seit Jahren über die Nationalmannschaft. Seit knapp vier Wochen sind sie für die Redaktion in den USA und schreiben von dort aus über die deutsche Auswahl bei der WM.
Nationalmannschaft bei der WM: Alles oder nichts – das erste Endspiel für Julian Nagelsmann - WELT
Deutschland trifft in der K.o.-Runde auf Paraguay. Nach der Niederlage und seinen Einwechslungen gegen Ecuador wachsen die Zweifel am Bundestrainer. Es geht um weit mehr als das Weiterkommen.











