Weston McKennie musste selbst ein bisschen schmunzeln über sein Pathos. „America is built on belief“, sagte er ins Mikrofon des Fox-Sports-Reporters. Und wenn Amerika auf Überzeugung, auf Glauben gebaut ist, warum soll nicht auch diese US-Fußballmannschaft davon zehren: Von dem Glauben, dass im eigenen, angeblich auf solchen Überzeugungen gebauten Land wirklich alles möglich ist?Sie ist jedenfalls ganz schön überzeugt aufgetreten bisher, die amerikanische Mannschaft. Auch am Freitag in Seattle, beim Aufeinandertreffen mit der anderen Mannschaft, in deren Land man nicht Fußball, sondern Soccer sagt. Nach diesem 2:0 des amerikanischen über den australischen Soccer sieht es tatsächlich so aus, als sei für die USA nicht alles, aber zumindest auch in der K.o.-Phase noch einiges möglich bei dieser WM.Der Zufall, der Balogun zum US-Stürmer machteIn der 11. Minute dieses Spiels sah man das dann auch. Balogun legte den Ball mit einer leichten Berührung an Australiens Alessandro Circati vorbei und stürmte Richtung Tor – Circati wiederum sah man dabei an, dass er zwar in Italien geboren ist, das Verteidigen aber in Australien gelernt hat. Den Querpass, den Balogun anschließend mit dem Außenrist in die Mitte des Strafraums schob, stolperte dann Circatis Verteidigerkollege Cameron Burgess ins Tor.Seine Fußfertigkeiten hat Balogun in Europa ausgebildet, ihm half bei dieser Aktion aber auch eine Eigenschaft, die man gern mit dem US-Sport verbindet: Athletik. So mühelos wie er Circati davonspurtete, ließ er ein paar Mal einen Australier stehen. Und auch Baloguns Kollegen spielten die Australier nicht nur aus; sie überwanden sie auch oft, weil sie schneller auf den Beinen, teils auch einsatzfreudiger waren.Socceroo im Pech: Cameron Burgess (Mitte) stolpert vor dem eigenen Tor in den Ball.ReutersDas galt für Weston McKennie, der so etwas wie die amerikanische Antwort auf das Schweizer Taschenmesser ist, weil er auf jeder Position mal auftaucht und fast jede spielen kann. Das galt auch für Sergiño Dest, der im Zusammenspiel mit McKennie einige Male die Männer auf Australiens linker Abwehrseite narrte. Für Balogun ebenso, dessen Name in diesen Tagen vielleicht auch im fußballfernen Teil der US-amerikanischen Öffentlichkeit ein bisschen bekannter wird.Eine berühmte WadeDie Einsatzfreude brachte kurz vor der Halbzeit das 2:0, als der Verteidiger Alex Freeman sich in eine Bogenlampe warf und seine Stirn ein bisschen früher am Ball war als die Handschuhe von Australiens Torwart Patrick Beach. Ein Kopfball, der für eine ziemlich langweilige zweite Hälfte sorgte – der aber auch den amerikanischen Glauben an ein großes Turnier stärkte.Die Überzeugung der Amerikaner, dass viel möglich ist bei dieser WM, ist wohl auch deshalb gewachsen, weil ihnen der Sieg ohne den einen Spieler gelang, dessen Namen auch ganz sportfremde Menschen in den USA schon mal gehört haben könnten. Das Gesicht von Christian Pulisic ist das Gesicht des Fußballs, die Zuschauer bekommen es derzeit ständig zu sehen in den Werbeclips im US-Fernsehen, für Bier, für Deo, für Schokolade (in denen wird auch er manchmal ein bisschen pathetisch).Die Zuschauer in Seattle bekamen Pulisics Gesicht am Freitag aber nicht zu sehen. Seine linke Wade zwickte, ein Körperteil, über das die Sportmedien in den Stunden und Tagen zuvor so intensiv berichtet hatten, dass es in den USA bald vielleicht ebenso berühmt wird wie das Gesicht. Aber weil die Australier harmlos und die Amerikaner erfolgreich waren, störte das in Seattle kaum jemanden.Der Versuch, einen Hype zu kreierenDass ihre Mannschaft auch ohne ihren besten Stürmer WM-Spiele gewinnen kann, wird die US-Fans beruhigen. Und es regt zu Traumvorstellungen an. Solchen, wie sie der argentinische Trainer Mauricio Pochettino schon vor ein paar Wochen in die amerikanische Welt gesetzt hat, als er bei der Kaderbekanntgabe fragte: „Warum nicht wir?“ Vor dem ersten Spiel gegen Paraguay sagte er dann noch einmal: Für ihn sei es schwierig, von Erfolg zu sprechen, wenn man das Turnier nicht gewinnt.Es ist wohl auch der Versuch, Begeisterung zu kreieren; einen Glauben ans Team, auf dem die Spieler dann möglichst weit durch das Turnier surfen können. Den Glauben, dass diesmal, im eigenen Land, wirklich alles möglich ist. Please believe the hype! Und das scheint in diesen ersten WM-Tagen auch ganz gut zu funktionieren.Am Abend nach dem Spiel titelte das der New York Times gehörende Portal „The Athletic“: Die Frage „Kann die USA die WM gewinnen?“ sei nun gar nicht mehr so abwegig – Amerika beginne, daran zu glauben.Der Turnierbaum stützt zumindest den Glauben, dass die Mannschaft weiter kommen kann als gedacht, jetzt, wo die USA durch die Niederlage der Türkei gegen Paraguay als Gruppensieger feststehen. Der Gastgeber sitzt auf einem eher angenehmen, stabilen Ast dieses Baums. Aber der Glaube würde vermutlich ein bisschen bröckeln, wenn Amerika wüsste, dass in Australiens Startelf nur ein einziger Fußballer stand, der bei einem Klub aus den fünf großen europäischen Ligen spielt: der italienisch-australische Verteidiger Alessandro Circati.