Die Amerikaner sind im WM-Fieber! Für sie bedeutet das allerdings nicht, eine WM-Stadt leerzutrinken und Dudelsack-dudelnd hinter einer Ente zum Stadion zu laufen, wie es die Schotten tun, oder am Spieltag mit Fans des jeweiligen Gegners anzubandeln wie die Südkoreaner. Für sie ist das Interesse an einem Turnier oder einer Sportart mit dem unerschütterlichen Glauben verbunden, gewinnen zu können. Nicht ein Spiel oder den Respekt des Gegners, sondern (nicht zuletzt durch den Sportfilm „Die Indianer von Cleveland“ als Mantra ins Gehirn jedes Sportamerikaners gepflanzt): das ganze verdammte Ding! Das Power Ranking des WM-Senders Fox führt die US-Elf nach dem ersten Spieltag auf Platz sieben, was der Moderator für eine krasse Fehleinschätzung hält. „Wir waren besser als Brasilien, wir waren besser als Spanien“, brüllt er; „besser als Germany“ sagt er dann aber nicht.Experten-Ranglisten und Moderatoren-Meinungen, zumal vom Sender, der WM-Fieber und US-Elf-Fieber für Einschaltquoten braucht, sind unterhaltsam, wenngleich fachlich so verlässlich wie die Prognosen eines Kraken. Die Wahrheit liegt dann immer noch woanders, und da sollten die Amerikaner am Freitag bei ihrer zweiten WM-Partie in Seattle den Beweis antreten: dass ihnen auch im zweiten Spiel ein klarer Sieg gelingt, samt vorzeitiger Quali für die K.-o.-Runde. Und das auch ohne ihren Schlüsselspieler Christian Pulisic, dessen Wade das „Körperteil der Nation“ war in den Tagen vor der Partie.Beim Aufwärmen wurde klar, dass es nicht gehen würde für Pulisic; die Reaktion des Fox-Moderators: „Ist kein Problem, ersetzt ihn unser Megastar, der bislang auf der Bank saß: Gio Reyna! Hat gegen Paraguay auch getroffen! Wette: 1:0 oder 2:0 zur Halbzeit, danach noch ein paar mehr Tore.“ Es fehlte nur der Schlachtruf „I believe that we will win!“Den lieferten die US-Fans, die mit ihren Kostümen wieder mal die größten Popkultur-Protagonisten dieses Landes verkörperten: Captain America, Freiheitsstatue, Uncle Sam. Die weniger Interesse an gemeinsamer WM-Party mit den Gästen hatten als daran, ihnen ausgestreckte Mittelfinger zu zeigen auf dem Weg in die Arena. WM-Fieber in den USA bedeutet, den Gegner auch als solchen zu betrachten. „Weltmeister der Herzen“ oder „Gastgeber-Weltmeister“ können andere sein. In den USA geht es ums Gewinnen, der Zweitplatzierte ist der erste Verlierer. So tickt das Land, so bewerten sie Sportevents – und man überlegt als objektiver Beobachter: Was, wenn die Elf mal einen Dämpfer kriegt? Einen „Reality Check“, der sie als Nicht-Top-Ten ausweist?Nun, zumindest am Freitagnachmittag stellte sich diese Frage nicht. Der Fox-Moderator lag richtig, obgleich weder Reyna noch Tim Weah die Wade der US-Nation ersetzten, sondern der einstige FC-Augsburg-Angreifer Ricardo Pepi. 2:0 hieß es zur Halbzeit, wie gegen Paraguay fiel der erste Treffer nach scharfer Hereingabe, die vom Gegner über die Linie befördert wurde. Das zweite Tor entstand aus einem Schuss von der Strafraumgrenze (wie bei zwei Toren gegen Paraguay) sowie dem athletischen Nachsetzen von Verteidiger Alex Freeman – dessen Kopf schneller am Ball war als die Hände des gegnerischen Torwarts.Sie wollen die Gegner nicht ausspielen, sondern mit grandioser Fitness 90 Minuten lang bearbeitenUnd plötzlich erkennt man die Identität, die Pochettino dieser US-Elf verpasst hat: aggressivstes Zweikampfverhalten, erstaunlicherweise pfeifen die Schiedsrichter (auch diesmal Felix Zwayer) dabei sehr selten. Sie spielen Angriffe über außen, lieber scharfe Hereingaben zum Weiterleiten oder Abfälschen als hohe Flanken. Ab 20 Metern vorm Tor heißt es: Schuss! Und sofort hinterher, beim Abwehren, Abprallen, Abblocken kann ja immer was passieren. Sie wollen die Gegner nicht ausspielen, taktisch verblüffen, sondern sie mit grandioser Fitness 90 Minuten lang bearbeiten. Die Atmosphäre wird schon dafür sorgen, dass die Gegner Zitterfüße und -hände kriegen. Fehler machen. Bälle ins eigene Tor befördern oder sie nicht fangen können. Kurz: Trainer Pochettino nutzt Situation und Stärken seines Teams derart, dass mögliche Schwächen nicht erkennbar sind bei Duellen gegen die Außenseiter Paraguay und Australien.Ob die Schwächen beim letzten Gruppenspiel von der Türkei aufgezeigt werden? Kann den Amerikanern quasi egal sein. Sie sind für die K.-o.-Runde qualifiziert, Pulisic kann seine Wade auskurieren bis mindestens 1. Juli, fast zwei Wochen also. So lange können alle Amerikaner felsenfest behaupten, dass sie den Titel holen werden. Besser sind als Spanien und Brasilien. Denn: Wer könnte bis dahin den unbestreitbaren Gegenbeweis antreten? Fehlt nur noch, dass US-WM-Sender Fox allen Amerikanern für Maximal-WM-Fieber mitteilt, dass ihre Elf aktuell besser sei als Frankreich, Argentinien und England.