Für einen Abend war es wieder 2014Wer im Jahr 2000 oder etwas später zur Welt kam, hat schon ein paar Lebensphasen hinter sich: Kindheit, Pubertät und Adoleszenz können weitestgehend abgehakt werden. Man kann das Leben dieser jungen Menschen auch anders gliedern: eine krisenarme Zeit, begleitet von einer erfolgreichen Nationalelf, und eben jene krisengeplagten Jahre, in denen auch unsere DFB-Adler eher wie Dodos durch die Fußballwelt watschelten, statt majestätische Flughöhen zu erreichen. Immerhin stehen bei der Gen Z zwei schöne Kindheitserinnerungen aus den „beschaulichen“ ersten Merkel-Jahren auf der Habenseite: das Sommermärchen 2006, das manch einer als Kita-Kind erlebt haben dürfte, und der WM-Titel 2014. Danach folgten Flüchtlingskrise, Aufstieg der AfD, Corona, Inflation, zweimal Trump, zahlreiche Kriege – und eine Nationalmannschaft, die mit zwei WM-Vorrunden-Ausscheiden 2018 und 2022 mehr frustrierte als begeisterte.So dürfte viele junge Menschen ein Gefühl nostalgischen Glücks überkommen haben, als sie das 7:1 der Nationalmannschaft gegen Curaçao beim deutschen WM-Auftakt in Houston schauten. Für sie ist das weit mehr als zwei Zahlen und ein Doppelpunkt. Es erinnert sie an das Leben in einem Land, das einfacher schien als heutzutage. Das 7:1 gegen Brasilien im WM-Halbfinale 2014 steht wie wenig andere Ereignisse für einen letzten sorglosen Sommer vor einer Dekade voller (Fußball-)Krisen. Der Triumph von Belo Horizonte steht in der Gen Z aber nicht nur für bessere, vergangene Tage; er ist längst ein Meme, ein running gag der digital natives geworden. Legendär ist der kurze Videoschnipsel einer Straßenumfrage aus Münster vom Abend des 8. Juli 2014. Die Reporterin fragte damals einen jungen Mann um die 20, wie das Halbfinale gegen die Brasilianer ausgehen werde. Die Antwort: „Das wird ein knackiges 7:1 für uns.“ So kam es dann auch.Unter dem Youtube-Video der Szene, das über die Jahre mehr als fünf Millionen Aufrufe gesammelt hat, finden sich seit einigen Tagen aktuelle Nutzerkommentare, die Hunderte Likes erhalten haben und die etwa lauten: „Wer ist nach dem 7:1 gegen Curaçao hier?“Nun weiß jeder, der über ein wenig Fußballverständnis und gesunden Realitätssinn verfügt, dass der Kantersieg gegen den kleinen Karibikstaat im ersten Vorrundenspiel kein Gradmesser für die Aussichten auf den WM-Titel sein kann. Dass Curaçao nicht die Seleção ist und ein Sieg im Auftaktspiel keines Autokorsos würdig, wussten sicher auch die zumeist jungen Teilnehmer der Hupkonzerte, die nach dem 7:1 in deutschen Innenstädten ertönten. Und doch stiegen sie mit einem Augenzwinkern und ihren besten Freunden in die Autos und feierten so ausgelassen, als stemme die Mannschaft von Julian Nagelsmann bereits den Pokal in die Höhe. Denn viel zu feiern hatte diese Generation in den vergangenen Jahren nicht. So nutzten sie die Chance, für ein paar Stunden zurück in den Sommer 2014 zu reisen: den Sommer ihres Lebens. (jaho.)Ich brauche das DramaIch habe den Beginn dieser WM doch glatt verpasst. Dass die deutsche Mannschaft ins Turnier gestartet war, habe ich erst am nächsten Tag im ARD-„Morgenmagazin“ erfahren. Das Spiel am Abend vorher einzuschalten, hatte ich einfach vergessen. Die nächsten Tage werden zeigen, ob ich mit dieser Schmach leben kann, vor allem vor mir selbst.Sicher, mir war seit Wochen bewusst, dass es bald losgehen würde. Aber ich bin eben ein Fußballfan-U-Boot: Ich tauche nur auf, wenn mir wirklich was geboten wird. Wenn es echt ernst wird. Und das muss mir immer erst mal einer sagen, ein Kumpel, Kollege oder Béla Réthy. Das senkt die Betriebstemperatur meines Mitfieberns aber keineswegs.Zum Beispiel lerne ich die Kerls, die „für Deutschland“ auf dem Rasen stehen, wie man so sagt, meistens erst kennen, wenn sie zu Beginn der Liveübertragung in diesen kurzen Filmchen vorgestellt werden. Vorher habe ich sie in aller Regel noch nie gesehen, weil ich der Bundesliga nicht folge. Ich weiß, dass ich die Kumpels, mit denen ich mir bei den internationalen Turnieren Spiele ansehe, ganz schön nerve, weil ich ständig frage: Wer ist das jetzt? Zum Beispiel dieser Stürmer, der bei der WM 2022 in Qatar seinen großen Auftritt hatte, der mit der Zahnlücke, wie hieß er noch? Klingbeil? Wadephul?Ich weiß die Grazie des Spiels und einzelner Spieler durchaus zu würdigen, aber für mich gilt: I need drama, baby. Für mich ist eine WM keine Frage der Staatsbürgerschaft, sondern der Fallhöhe. Ich bin nicht wegen der nationalen Treue da, sondern wegen der Zuspitzung: Ich lasse mich von der Dramatik einzelner Momente mitreißen, und die gibt es bei so einer Fußball-WM ja reichlich. Ein 1:0 in der Gruppenphase holt mich nicht aus der Tiefe, nein, ich brauche Rückstand, Verlängerung, Nachspielzeit, einen Torwart, der bei der letzten Ecke mit nach vorne geht, einen Schiedsrichter, der minutenlang in einen Bildschirm starrt. Und das Elfmeterschießen erst. Ich liebe Elfmeterschießen! Das ist die Verdichtung elementarster menschlicher Erfahrung auf einen einzigen Punkt. Einer nimmt Maß, einer wartet, Millionen halten den Atem an, und der Ausgang ist nur eines von zwei Dingen: Volksheld oder Versager.Die Deutschen als angebliche „Turniermannschaft“ sind traditionell eigentlich eher Meister der unmerklichen Leistungssteigerung als des aufregenden Kippmoments. Dennoch schaffen sie es am Ende meistens, mich mit sich zu versöhnen, indem sie aus einem harmlosen Gruppenspiel eine Charakterprüfung mit Standardsituationen machen. Das ist nicht immer schön, aber danach kennt man den Spielplan wieder. (bpe.)Meine Kinder sollen an der WM Spaß haben dürfenSeit Wochen stapeln sich bei uns Panini-Bilder, Sportzeitschriften und WM-Spielpläne. Meine beiden fußballbegeisterten Söhne kennen nicht nur die Namen, sondern auch das Fassungsvermögen der Stadien, in denen in Übersee gekickt wird. Sie wissen, wer der älteste und wer der jüngste Spieler des Turniers ist. Sie haben eine Meinung dazu, ob Neuer die richtige Wahl im Tor ist, und freuen sich, wenn ihr Lieblingsspieler in der Startaufstellung steht. Kurzum: In unserem Haus wurde der Fußball-WM mit Freude und Euphorie entgegengefiebert. Es ist die erste, die meine beiden Jungs – jetzt im Kita- und Grundschulalter – wirklich miterleben. Als Mutter geht mir das Herz auf, wenn die beiden Brüder gemeinsam fachsimpeln und die Spielzüge, Jubelszenen und Freistöße aus den Partien des Vorabends im Garten nachspielen.So weit ein unbekümmerter Kinder-Fußballsommer. Doch dass diese WM in den USA nicht unbeschwert ist, haben auch meine Kinder gespürt. Zahlreiche Male sprach man mich als Mutter darauf an, wie wir das handhabten – die Begeisterung unserer Söhne für das Spiel mit dem Lederball und diese Trump-Infantino-WM; ob man ein politisch so umstrittenes Sportevent wirklich unterstützen solle. Diese Anmerkungen kamen so häufig, dass ich bei meinen Söhnen zunehmend Verunsicherung bemerkte. Sie wollten wissen: „Mama, warum ist die WM so umstritten? Ist sie wirklich umstrittener als die in Qatar? Und darf man sich trotzdem auf die Spiele freuen?“Wir haben ihnen all diese Fragen beantwortet – ehrlich und kindgerecht. Kinder haben das Recht, die Welt zu begreifen, sie zu hinterfragen und sich eine eigene Sicht zu bilden. Und weil ich ihnen genau diese Chancen geben will, fiel mir die Antwort auf die letzte der drei Fragen am leichtesten: ein klares Ja! Nicht weil sie aufwachsen sollen, als wäre die Welt ein großes Bullerbü, sondern weil ihre Generation irgendwann Verantwortung für unser Land und das Zusammenleben übernehmen muss. Wer von Kindesbeinen an aber lernt, zu verzichten und zu büßen für das, was frühere Generationen verbockt haben, wird das weder motiviert noch mit offenem Blick tun. Zum eigenen Leben – und dem einer Gemeinschaft – gehören Ambivalenzen: Man kann mit Dingen nicht einverstanden sein und das Leben trotzdem mit Freude gestalten.Fußball verbindet. Er schafft Gemeinschaft, lehrt das Verlieren und sich für andere zu freuen. Fußball vermittelt, dass Regeln zum Zusammenleben gehören und Fehlverhalten Konsequenzen hat. Das sind Fähigkeiten, die man braucht, um später Verantwortung zu tragen – um eine Welt zu gestalten, die man nicht in allem gutheißen kann und muss. (luci.)