Eine WM im eigenen Land prägt das ganze Leben. „Wir beginnen schon, uns selbst zu mögen“, glaubte Wolfgang Schäuble vor 20 Jahren. Doch die „Generation Sommermärchen“ hat eine Katastrophe nach der anderen erlebt. Was ist da schiefgelaufen?Wer Fußball liebt, erinnert sich an die erste WM, die er bewusst erlebt hat. Für die Älteren der Generation Z, die letzten Jahrgänge des 20. Jahrhunderts, war es die WM 2006. Im eigenen Land, für deutsche Kinder, war sie mehr als nur ein Turnier, das im Juni vom Gastgeber eröffnet wurde und im Juli damit endete, dass ein anderes Land den Titel feierte. Sie fand nicht nur im Fernsehen statt. Fußball durchzog den Alltag, drang von den Stadien in die Städte und die Straßen. Auch Erwachsene benahmen sich wie Kinder, wedelten mit schwarz-rot-goldenen Fähnchen, trugen schwarz-rot-gelbe Blumenketten, schwarz-rot-goldene Hütchen und fuhren mit schwarz-rot-gelb bezogenen Rückspiegeln hupend durchs Land.Kurz nach der WM im Herbst 2006, zum Tag der Deutschen Einheit, fand ein Film das Wort dafür: „Deutschland. Ein Sommermärchen.“ Sönke Wortmann, der schon das „Wunder von Bern“ verfilmt hatte, über die deutschen Nachkriegsweltmeister von 1954, blickte bereits sehnsüchtig zurück und damit ahnungsvoll voraus. Es war einmal, es wird einmal gewesen sein. Lesen Sie auchJetzt wird wieder eine WM eröffnet, 20 Jahre später, weit weg in Amerika. Ein Sommermärchen wird es nicht, für niemanden, vielleicht nie wieder. Diese Welt, die Zeiten sind nicht mehr danach. Die deutschen Sommermärchenkinder gehen auf die 30 zu. Sie fragen sich in Anbetracht der Gegenwart, ob sich ihre erste Weltmeisterschaft, bei der sie vor dem Fernseher saßen oder auf den Schultern ihrer Eltern auf den Fanmeilen beim Public Viewing, wirklich so ereignet haben kann. So leicht und heiter, dass die Welt über die Deutschen staunte – so wie die Deutschen damals über sich selbst.Es war das Jahr, in dem Angela Merkel noch die Neue für die Zukunft war im Bundeskanzleramt und mehrheitlich gemocht wurde. Die Nationalmannschaft schwor sie nicht auf einen großen gesellschaftlichen Auftrag ein, als sie beim Training im Berliner Grunewald vorbeischaute. Mütterlich riet die Kanzlerin: „Behalten Sie die Nerven.“ Lesen Sie auchVor allem bewahrten sie die Trainer auf den Bänken und die Spieler auf den Plätzen. Jürgen Klinsmann hatte vor, den „Laden auf den Kopf“ zu stellen, auch im Spiel sollte das Leichte dominieren. Lange Bälle aus Ideenmangel oder Angst vor Ballverlusten waren untersagt. Die Spielfreude, der freie Geist des neuen deutschen Fußballs und Klinsmanns Gekicher übertrugen sich auf das Gemüt des Volkes. „Wir beginnen schon, uns selbst zu mögen“, stellte Wolfgang Schäuble fest.Was die Kinder im Sommer von 2006 erlebten, war nichts anderes als eine offene Gesellschaft. Alle waren Deutsche, woher sie und ihre Vorfahren auch immer stammten. Sie bemalten sich die Wangen in den Farben ihrer deutschen Heimat. Flaggen waren Flaggen. „’54, ’74, ’90, 2006“, versprachen die Sportfreunde Stiller in ihrer WM-Hymne. Nach 1954 (Deutschland war wieder wer), 1974 (West- und Ostdeutschland kamen einander näher), 1990 (Deutschland wurde eins) sollte es wieder so weit sein. Das Tor in Dortmund gegen Polen in der Nachspielzeit zum Gruppensieg. Die Qualifikation fürs Halbfinale im Elfmeterschießen gegen Argentinien in Berlin. Das Drama ums Finale in der 119. und 121. Minute und das Ausscheiden gegen Italien in Dortmund. Dann aber, die Laune war einfach zu gut, wurde der dritte Platz gefeiert, als wären wir Weltmeister geworden. Fähnchen auf den Fanmeilen, alles in Schwarz-Rot-Gold. Und Xavier Naidoo sang, bereits mit bedenklichem Vibrato in der Stimme: „Dieser Weg wird kein leichter sein, dieser Weg wird steinig und schwer. Nicht mit vielen wirst du dir einig sein.“ Da galt Naidoo noch als Prophet.Der Fußball war vor 20 Jahren schon ein anderer als im 20. Jahrhundert. In die Stadien und die Bundesliga-Shows im Fernsehen zog eine freundliche Seele ein, die sich für alle öffnete. In Magazinen wie „11 Freunde“ wurde Fußball in den Rang einer Kultur erhoben. Zu den herkömmlichen Fans, den älteren Meckerern und Kuttenträgern, jüngeren Ultras und früheren Hooligans, gesellten sich Nerds, Neugierige und Familien. Es wurde netter. Hätte sich der Fußball nicht gentrifiziert, wäre das Sommermärchen nie erzählt worden.Lesen Sie auchAllerdings blieb es auch das letzte. Im deutschen WM-Jahr endete das analoge Zeitalter. Digitale Netzwerke gab es zwar seit Jahrzehnten, aber sie dienten noch weitgehend dem Postverkehr und dem Informationskonsum. Facebook war ein Portal, um Freundschaften zu pflegen und zu simulieren, als browserbasiertes Poesiealbum. 2006 kam Twitter und trieb die sozialen Medien vor sich her zu einem Ton, der immer lauter, rauer wurde und, seit Elon Musk es innehat und X nennt, immer radikaler wird. 2007 kam das iPhone. Mit der Generation Z, der Generation Sommermärchen, wuchs auch die erste Generation heran, die kaum ein Leben ohne Smartphone kennt. Das Display in der Hand als Fenster zum Rest der Welt.Bewusst können die Sommermärchenkinder die Krise der Weltgeldströme von 2007 und 2008 noch nicht erlebt haben. Ebenso wenig wie die Eurokrise von 2010, in der Angela Merkel mit den Schuldnerstaaten ins Gericht ging und dafür über den Banken einen Rettungsschirm aufspannte. Die WM 2010 vergab die Fifa an Südafrika, wo auch die Vuvuzelas die Probleme bei der Austragung nicht übertröten konnten: Armenviertel wurden für die Stadienneubauten planiert, der Polizeistaat demonstrierte seine Macht, dem Land wurde mehr Geld entzogen, als es einnahm, teure und überflüssige WM-Stadien blieben zurück als „Weiße Elefanten“ und verfielen.Trotz aller Geschäfte, die Franz Beckenbauer tätigte, um die WM 2006 für Deutschland zu gewinnen, war das Sommermärchen auch die letzte Endrunde in einem Land ohne merito- oder kleptokratische Tendenzen. Die WM 2014 in Brasilien sah sich den gleichen Problemen gegenüber, mit denen Südafrika allein gelassen worden war: Proteste gegen Korruption und Kommerzialisierung, infrastrukturelle Ausbeutung und Polizeigewalt. Hinzu kam das sportliche Sieben-Tore-Trauma durch die deutsche Mannschaft, die Brasilien den fest eingeplanten Titel nahm. Acht Jahre nach dem Sommermärchen feierten die Kinder von 2006 endlich ihren verdienten Sieg nach: ’54, ’74, ’90, 2014. Um Russland und um Katar wurde 2018 und 2022 dann schon mehr darüber debattiert, ob die Weltmeisterschaften ungeachtet aller Menschenrechtsverletzungen überhaupt ausgetragen werden sollten, als über das deutsche Abschneiden und Ausscheiden.Ältere werden sich noch an die Form des Fußball-Feuilletons erinnern. Als es noch als niederes Vergnügen galt, im Stadion zu stehen und Spiele vom Sofa aus zu sehen, ließen sich belesene Autoren vor jeder WM dazu herab, die sportlichen mit den politischen Systemen zu erklären. Jede Defensivtaktik war rechts und alles Offensive links. Da war die Welt noch nicht im Dauerkrisenzustand.Lesen Sie auchDie Generation 06 kennt keine andere. Fünf Jahre nach ihrer WM, während der Eurokrise, kam es im Atomkraftwerk von Fukushima durch einen Tsunami zur Reaktorkatastrophe. Wiederum Angela Merkel war es, die für Deutschland den Atomausstieg verfügte und damit die Energiewende einleitete. 2014, Deutschland wurde Weltmeister, formierte sich der Widerstand gegen Sozialreformen, vor allem in Ostdeutschland. Im Jahr darauf, während der Flüchtlingskrise und Merkels „alternativlosen“ Entscheidungen, formierten sich rechte Bewegungen, denen die AfD heute ihren Erfolg verdankt.Niemand muss die Gesellschaftsanalyse noch so mühsam auf dem Spielfeld suchen wie die Fußball-Philosophen früher. Für die Generation Z war Fußball immer ein Politikum nach ihrem Kindermärchen von 2006. Alles, was sie betraf, wurde darin verhandelt. Was ist deutsch und wer ist Deutscher? Ilkay Gündogan und Mesut Özil ließen sich als deutsche Staatsbürger mit Recep Tayyip Erdogan fotografieren. Wer und was ist jeder überhaupt? Zum Riesenthema sind die Regenbogen-Kapitänsbinden und Regenbogen-Eckfähnchen geworden als Ausdruck einer besonderen deutschen Vielfaltssensibilität.Jede Kritik daran wird an die Generation Sommermärchen adressiert, weil sich die Generation Z das Woke und Identitäre – nach dem Feindbild, wie es ältere Kohorten von ihr zeichnen – auf die Fahnen schreibt. Gender und Klima seien den jungen Erwachsenen von heute wichtiger als alles andere, neben ihrem eigenen Wohlbefinden. Wichtiger als Leistung: In Katar seien die Nationalspieler mehr mit ihrem stummen Protest befasst gewesen, als sie sich die Hände vor die Münder hielten, als mit Fußball. Deswegen seien sie nach der Vorrunde schon heimgeflogen. Der Generationskonflikt zwischen den Boomern/X und Z wird weitgehend in den sozialen Medien mit dem Smartphone ausgetragen.In der Covid-Pandemie haben die Sommermärchenkinder auch erfahren, was im Fußball wichtiger als das Sportliche und Soziale ist: Die Show musste in Geisterspielen weitergehen, immer weiter. Diesen Sommer in Amerika haben zwei alte Männer die WM an sich gerissen, Donald Trump als Präsident und Gianni Infantino für die Fifa, um ihr eigenes Märchen zu erzählen. Ein anderes ist allerdings auch nicht mehr vorstellbar.In Deutschland hat die Flagge ihren Frohsinn von 2006 verloren. Wer sie trägt und schwenkt, erklärt entweder, dass er sein Land, wie es einst gewesen sein soll, wiederhaben will, oder er hält dagegen, um den heiteren Geist der letzten Heim-WM wieder herbeizuwedeln. Dass die Welt sich ändert, wissen die Kinder von damals besser, als alle Generationen vor ihnen. Xavier Naidoo, der wusste, dass der Weg kein leichter sein würde, ist heute der verrückt gewordene Onkel, der mit seinen Weltverschwörungsfantasien jede Familienfeier sprengen könnte. Die eigenen Großeltern und Eltern könnten Trolle sein.Einerseits ziehen die Sommermärchenkinder daraus ihre Konsequenzen und denken, sprechen und fühlen anders als die Alten. Andererseits fiebern sie noch ihrer sechsten WM entgegen und sorgen dafür, dass Fußball als hochwertiges Produkt für sie noch immer glänzt, wie er vor 20 Jahren nicht nur für sie strahlte. Sie haben durch TikTok und durch Instagram gelernt, selbst die Narzissten und Exzentriker unter den Stars zu lieben. Fußball wird für sie immer mehr sein als Fußball.