Die WM verschafft Haiti eine Atempause: Selbst Warlords und Bandenmitglieder sitzen vor dem FernseherNach über fünfzig Jahren ist der Inselstaat wieder bei der Weltmeisterschaft dabei – und spielt um Frieden. Mittendrin: der Torhüter Josué Duverger, der in Deutschland in der 5. Liga spielt.Bertram Job19.06.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenVereint durch den Fussball: Haitianische Fans feuern am Testspiel gegen Peru ihre Mannschaft an.Rebecca Blackwell / APDen 18. November 2025 wird Josué Duverger sein ganzes Leben im Gedächtnis behalten. Der haitianische Goalie sass zwar nur auf der Reservebank, als seine Mannschaft in Willemstad, der Hauptstadt Curaçaos, im letzten Gruppenspiel der WM-Qualifikation Nicaragua mit 2:0 bezwang.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Doch gleich nach dem Abpfiff waren alle aufgebotenen Spieler auf dem Spielfeld zusammengeströmt, um den historischen Erfolg zu feiern: Weil der Mitbewerber Honduras in Costa Rica nur ein Remis erreichte, waren die Tickets für die Endrunde definitiv gebucht. Es folgten eine lange karibische Nacht vor Ort sowie sechs weitere, in denen der 26-Jährige vor Aufregung keinen Schlaf finden konnte.«Es gibt doch nichts Grösseres als die Weltmeisterschaft», sagt er beinahe entschuldigend, als er sich Monate später dazu in Deutschland befragen lässt. Gleichzeitig hatten Menschen überall in Haiti genau das getan, was unter den äusserst schwierigen Bedingungen unmöglich schien: Sie waren spontan nach draussen gelaufen, um auf den Strassen Partys zu feiern.Schliesslich hätten alle gewusst, dass ihnen jetzt nichts passieren könne, so Duverger, «keine Gewalt, kein gar nichts. Das hatte es zwei, drei Jahre oder noch länger nicht mehr gegeben.» So hatten sie nicht nur für sich, sondern auch für ihr Herkunftsland etwas Besonderes geschaffen.Er lebt in zwei FussballweltenDieser Gedanke war immer mit im Spiel, seitdem der französische Coach Sébastien Migné sie vor zwei Jahren zum ersten Mal zusammengerufen hatte. «Wir sagten uns oft: Stellt euch vor, welchen Frieden es bringt, wenn wir uns qualifizieren können», so Duverger. «Deshalb war das für uns grossartig.»Der eloquente Sohn haitianischer Zuwanderer in Kanada lebte vergangene Saison in zwei sehr unterschiedlichen Fussballwelten. In Deutschland war er für den FC Cosmos Koblenz in der fünftklassigen Oberliga Rheinland-Pfalz/Saar ein echter Rückhalt.Zwischendurch flog er immer wieder nach Amerika, meist nach Curaçao oder Kanada, um sich an Haitis WM-Projekt zu beteiligen. Aus Sicherheitsgründen fanden in Haiti keine Spiele oder Trainingslager statt. Dann war Leistung auf internationaler Ebene gefragt.Duverger vertrat den 38-jährigen Stammkeeper Johny Placide nur in einem Qualifikationsspiel. Trotzdem ist ihm das den Aufwand wert, auch an der WM. «Ich habe hart trainiert, ich bin bereit», erklärt Duverger in jenem Englisch, das er auf der Schule in Montreal gelernt hat. «Aber im Nationalteam geht es nicht um meinen Vertrag, mein Geld oder mein Ego. Wenn der Trainer also jemand anderen auswählt, unterstütze ich denjenigen.»Der kanadisch-haitianische Torwart Josué Duverger vertritt seine Heimat an der WM. Er hat sie nur wenige Male besucht.David Butler / ImagoSchlechte Aussichten für die WM52 Jahre ist es her, seit sich die haitianische Nationalmannschaft auf der Weltbühne des Fussballs zeigen konnte. Bei der Endrunde in Deutschland hatte sie 1974 gegen Italien (1:3), Polen (0:7) und Argentinien (1:4) freundliche Beachtung, aber keinen Punkt erreicht.Viel besser sind die Aussichten in diesen Tagen nicht. Die Mannschaft verlor das erste Spiel in der Gruppe C am Sonntag in Boston mit 0:1 gegen Schottland.Nun steht am Samstag in Philadelphia die Partie gegen Brasilien an, bevor es fünf Tage darauf gegen Marokko geht. Das sind Mannschaften, die Experten mindestens im Viertelfinal sehen. Dennoch will die Gruppe um den torgefährlichen Führungsspieler Jean-Ricner Bellegarde, zu der auch der Innenverteidiger Hannes Delcroix vom FC Lugano zählt, weiter alles geben.Wie hatte Duverger noch vor dem Abflug ins WM-Camp gesagt: «Wir kommen nicht bloss zur WM, um zu verreisen. Wir wollen zeigen, woraus wir gemacht sind.»Die USA erliessen eine Einreisesperre für HaitianerDie USA haben ein Einreiseverbot für die zwölf Millionen Einwohner des dysfunktionalen Staats erlassen. Trotzdem fehlt es nicht an Unterstützung vor Ort. Vor allem US-Bürger und Kanadier haitianischer Herkunft hissen im Stadion blau-rote Flaggen und machen sich neunzig Minuten lang lautstark bemerkbar.Und im Mutterland pausieren sogar Kriminalität und Korruption, sobald die Nationalelf spielt. Dann hocken auch die berüchtigten Warlords und Mitglieder marodierender Banden vor dem Fernseher.Nicht zufällig haben sich in Haiti bis heute zwei Profiligen behauptet. Klubs wie Violette Port-au-Prince oder Real Hope FA messen sich im Concacaf-Cup regelmässig mit den besten Teams aus Mexiko, Costa Rica und anderswo. Dabei entsteht eine Atmosphäre, die Zeugen als «positiv verrückt» bezeichnen.Zum Beispiel Josué Duverger, der das Land seiner Vorfahren ein halbes Dutzend Mal besucht hat. Nicht nur, um Verwandte zu treffen, sondern auch, um es besser zu verstehen. «Haiti hat als erstes schwarzes Land die Sklaverei abgeschafft», sagt er. «Daher haben wir diesen Stolz in uns, auch wenn wir um die derzeitige Situation wissen. Und nun wird das, was wir da tun, das ganze Land beeinflussen.»Passend zum Artikel