Die marokkanischen Fans hatten sich mit ihren Trommeln unter einer großen digitalen Werbetafel versammelt, die, Zufall oder nicht, ab und zu einen riesigen WM-Pokal über ihnen erscheinen ließ. Die haitianischen Fans zog es tanzend Richtung U-Bahn-Eingang, wo jemand gegenüber der Rolltreppe ein DJ-Pult aufgebaut hatte. In das Wimmelbild hinein fuhren Menschen mit Rollschuhen, verschiedene Grüppchen aus blauen und roten Trikots baten einander um Selfies. Es war ein großer, bunter, fröhlicher Fußballjahrmarkt rund um das Stadion in der lauen Sommernacht nach diesem 4:2 der Marokkaner über Haiti.Marokko feierte den Sieg. Haiti feierte das Spiel, die ersten WM-Tore dieser Mannschaft seit mehr als 50 Jahren – und vor allem feierten die Haitianer sich selbst.Mehr als eine Million Menschen aus Haiti leben in den USA. Einige von ihnen kamen am Mittwoch nach Atlanta. Bernadett Szabo/ReutersIn der Arena war die beste Stimmung aller bisherigen Vorrundenspiele in Atlanta zu erleben, was vor allem an den Haitianern lag. Zu Tausenden kamen sie nach Georgia, einer nicht repräsentativen Umfrage der SZ nach dem Spiel unter den Fans zufolge aus allen möglichen Teilen der USA. Mehr als eine Million Menschen aus Haiti oder mit haitianischen Wurzeln leben in diesem Land. Viele seien aus Miami gekommen, hieß es, aber auch aus New York, New Jersey oder Massachusetts. Allerdings war kaum jemand aus Haiti selbst da. Die Einwohner des Karibikstaates unterliegen seit Juni 2025 einem generellen Einreiseverbot in die USA.Wilson Isidor dachte auch an sie. „Wir haben die Menschen in Haiti stolz gemacht“, sagte er nach dem Spiel. Der Nationalspieler hatte das Stadion explodieren lassen, als er in der 43. Minute mit einer Geschwindigkeit von 126 Kilometern pro Stunde einen Schuss zum 2:1 ins Netz von Marokkos Torhüter Bono donnerte. Weil die Fifa die zwischenzeitliche Führung Haitis – ein Hackentrick von Lenny Joseph – als Eigentor Bonos wertete, ist Isidor der erste haitianische Torschütze, seit Emmanuel „Manno“ Sanon 1974 im Münchner Olympiastadion zum zwischenzeitlichen 1:3 gegen Argentinien traf.„Ich weiß, dass mein Großvater die Tore damals gesehen hat“, sagte Isidor: „Er war sehr stolz darauf und er hat mir gesagt, dass ich der nächste Torschütze werde. Ich denke, er ist nun sehr stolz auf mich.“Weltmeisterschaft in Mexiko, Kanada und den USA:Spielplan der Fußball-WM 2026: Alle Gruppen, Spiele und TermineDie Fußball-WM 2026 läuft, der letzte Gruppenspieltag steht an. Welche Entscheidungen sind bereits gefallen? Der Spielplan mit allen Spielen, Terminen und Gruppen.Marokko hat erschreckend wenig Kontrolle über das GeschehenWeil Ismael Saibari, der Wunschspieler des FC Bayern, noch ausglich, ging es mit einem 2:2 in die Pause. Lange hielt Haiti den Spielstand, erst gegen Ende überwanden Soufiane Rahimi (78.) und Gessime Yassine (89.) die Gegenwehr des Außenseiters. Kapitän Achraf Hakimi hatte das 1:1 erzielt.Wer Marokko weiter als Geheimfavorit auf den WM-Pokal gelten lassen will, sollte bei diesem Spiel vielleicht nicht zu tief in die Analyse einsteigen. Und auch wenn Marokkos Trainer Mohamed Ouahbi den unverschämt talentierten 18-jährigen Mittelfeldstrategen Ayyoub Bouaddi zur Schonung auf der Bank ließ: Für eine Spitzenmannschaft hatten die Nordafrikaner erschreckend wenig Kontrolle über das Geschehen. Sie können sich höchstens damit erklären, dass wegen des gleichzeitigen 3:0 der Brasilianer gegen die Schotten der Ausgang des Spiels nicht von Belang war.Es stand bereits vorher fest, dass die Haitianer ausscheiden werden. Wer aber dachte, sie würden deswegen auf oder neben dem Platz mit weniger Passion auftreten, der konnte sich noch spät am Abend rund um das Stadion vom Gegenteil überzeugen. 52 Jahre soll es jedenfalls nicht wieder dauern bis zum nächsten WM-Tor. Wilson Isidor kündigte schon mal an: „Wir kommen wieder, um unseren ersten Punkt zu holen.“