AnalyseDer Ölpreis knickt nach Unterzeichnung der Absichtserklärung zwischen den USA und Iran ein. Dennoch dürften Ölwerte ein kräftiges Gewinnwachstum verzeichnen. Anleger sollten sie deshalb nicht zu früh abschreiben.Die Welt atmet erleichtert auf. Die Absichtserklärung, mit der die USA und Iran den seit Ende Februar bestehenden Konflikt einstellen wollen, sorgt für Erleichterung. Am spürbarsten sind die Folgen des Abkommens am Ölmarkt. Der Preis für ein Fass der US-Sorte WTI ist im Wochenverlauf um rund 12% gesunken. Seit dem Höchst von Mitte Mai beläuft sich das Minus sogar auf fast 30%. Beim europäischen Pendant Brent präsentiert sich die Lage ähnlich.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenThemarket.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Natürlich ging der Einbruch des Ölpreises auch an Energieaktien nicht spurlos vorbei. So ist der von MSCI berechnete Sektorindex seit Freitag der Vorwoche rund 5% gesunken, während der MSCI Welt leicht im Plus notiert. Für einige Experten wie die der kanadischen Research-Boutique Alpine Macro ist klar, dass der Ölpreis Richtung 50 $ je Fass sinken wird. Auch viele Beiträge auf Twitter und anderen sozialen Medien suggerieren, dass der Ölpreis weiter sinken dürfte, weil die geopolitische Risikoprämie, die sich im Zuge der Spannungen aufgebaut hat, dank der Entschärfung der Lage nun ausgepreist wird.Physischer Markt reagiert langsamer als die SchlagzeilenEinige Kommentatoren verweisen allerdings auch auf die vage formulierte Absichtserklärung, die entgegen der ursprünglichen Absicht, den Abschluss heute Freitag in Genf zu besiegeln, offenbar bereits am Mittwoch im französischen Versailles unterzeichnet wurde. «Der Markt hat auf den US-Iran-Deal unmittelbar und deutlich reagiert und preist damit eine baldige Wiederöffnung der Strasse von Hormuz ein», sagt Pablo Gonzalez vom auf Rohstoffanlagen spezialisierten Schweizer Vermögensverwalter Picard Angst. Doch bis dato liege nur eine Absichtserklärung vor, und die konkreten Vertragsbedingungen seien noch nicht ausformuliert. «Die beteiligten Parteien haben sich lediglich darauf geeinigt, in den nächsten sechzig Tagen über ein endgültiges Abkommen zu verhandeln.»Dazu komme, dass «Reeder, Charterer und Versicherer auf Risikoveränderungen deutlich langsamer reagieren als die Schlagzeilen». Vor dem Konflikt durchquerten täglich rund hundert Schiffe die Strasse von Hormuz. Auf dem Höhepunkt der Krise waren es weniger als fünf, derzeit sind es im Schnitt etwa zehn pro Tag, ergänzt durch eine Handvoll Einheiten der sogenannten Schattenflotte.«Es wird dauern, bis sich die Lage am Ölmarkt normalisiert», schreiben auch die Experten des auf Energie spezialisierten Daten- und Researchanbieters Energy Aspects. Die Auswirkungen des Deals würden nicht über Nacht spürbar, sondern entwickelten sich graduell. Manche Marktbeobachter gehen davon aus, dass es mehrere Wochen dauern könnte, bis das Verkehrsaufkommen nur schon 30 bis 50% des Vorkriegsniveaus erreicht hat. Nach einer allfälligen Wiederöffnung der Strasse benötigt Rohöl aus dem Nahen Osten zudem rund fünfzig Tage, bis es bei asiatischen Abnehmern raffiniert ist. Deshalb ist selbst bei einer Inbetriebnahme Ende Juni frühestens für September mit einer nennenswerten Entspannung auf der Angebotsseite zu rechnen.Schäden erschweren Rückkehr zur NormalitätDie Knappheit verschärfen dürfte der Rückgang der globalen Lagerbestände. Im März und April sind die weltweiten Lager um rund 250 Mio. Fass zurückgegangen, und gemäss Schätzungen der OECD dürfte sich der Lagerabbau bis Ende Jahr fortsetzen, was den Druck auf den ohnehin angespannten Markt zusätzlich erhöhen wird. Dazu kommt die Beeinträchtigung der Infrastruktur. Gemäss der Nachrichtenagentur Bloomberg sind in der Golfregion mehr als vierzig Energieanlagen beschädigt worden. Produktions- und Raffinerievolumen dürften das Vorkriegsniveau erst in Monaten oder gar Jahren erreichen, nicht in Wochen, lautet deshalb der Tenor unter den Optimisten.Kurzfristig auf den Ölkurs gedrückt hat zudem der Einbruch der Rohölimporte von China, die auf das niedrigste Niveau seit fast acht Jahren gesunken sind. «Im Mai wurden lediglich 7,8 Mio. Fass pro Tag importiert, rund 30% weniger als im Durchschnitt des letzten Jahres. Der Wert liegt sogar niedriger als während der Covid-Pandemie», sagt Gonzalez. Das Fehlen von 3 Mio. Barrel pro Tag, was etwa dem kombinierten Verbrauch von Italien und Frankreich entspreche, gehe am Preis nicht spurlos vorbei. Ein Teil des Importrückgangs dürfte auf eine fallende Nachfrage zurückzuführen sein, doch gleichzeitig habe China auch kommerzielle Lager und Vorräte der Raffinerien angezapft, sodass die tatsächliche Nachfrageschwäche geringer ausgefallen sein dürfte, als die rückläufigen Importe es suggerierten.Das Auffüllen der Lager wird die Nachfrage zusätzlich erhöhenGonzalez ist deshalb überzeugt, dass die physische Nachfrage anzieht, sobald China die Importe auf Vorkriegsniveau hochfährt und die Lager weltweit aufgefüllt werden. Das gelte umso mehr, als der Lagerbestand nach einer Krise nicht nur ersetzt, sondern in der Regel ausgeweitet werde, wie die Zeit nach Covid gezeigt habe. «Für den mittelfristigen Ölpreisausblick sind wir deshalb weniger pessimistisch als der Markt.»Angst, dass der Ölpreisanstieg die Energiewende beschleunigt und so die künftige Nachfrage sinken lässt, hat er nicht. Der Energiebedarf sei derzeit weltweit so hoch, dass alle verfügbaren Energiequellen vonnöten seien. «Wir können es uns schlicht nicht leisten, einzelne Bereiche auszuschliessen.» Nicht zufällig würden grosse Rechenzentren in Texas gebaut, wo Erdgas und erneuerbare Energien bereits heute und nicht erst in einigen Jahren verfügbar seien. «Bei Picard Angst sind wir überzeugt, dass mit dem Fokus auf die Versorgungssicherheit und die Widerstandsfähigkeit der Lieferketten ein neues Rohstoffregime begonnen hat, das von physischer Knappheit begleitet sein wird.» Das dürfte die langfristigen Energiepreise eher stützen als unter Druck setzen.Entsprechend positiv ist Gonzalez auch für Ölaktien. Es sei zwar durchaus möglich, dass sie dem Markt kurzfristig weiter hinterherhinkten, weil Anleger Ölwerte mechanisch mit dem Ölpreis gleichsetzten. «Für uns als Investoren ist der langfristige Öl- und Gaspreisausblick für die Firmenbewertung allerdings deutlich relevanter als die aktuellen Kurse», sagt er. Schon heute gehe es der Industrie so gut wie selten zuvor. «Der US-Energiesektor dürfte dieses Jahr ein Gewinnwachstum von rund 60% verzeichnen und damit neben Grundstoff- und Technologiewerten zu den drei stärksten Sektoren im S&P 500 gehören.»Ölaktien sind sehr niedrig bewertetTrotz des fundamental engeren Ölmarktes hat der Sektor seit dem Höchst im März stark korrigiert. Weil gleichzeitig die Erwartungen an das Gewinnwachstum zugenommen haben, ist das Kurs-Gewinn-Verhältnis des US-Ölsektors deutlich gesunken (vgl. Grafik). Gleichzeitig ist die Rendite des freien Cashflows gestiegen. Bei manchen Werten wurde sie gar zweistellig (siehe auch weiter unten).Zudem würden die Rohstoffproduzenten heute ihr Kapital deutlich disziplinierter einsetzen als in vergangenen Zyklen. Während sie früher meist spät in neue Vorkommen und teure Übernahmen investiert hätten, «liegt der Fokus nun auf dem freien Cashflow, starken Bilanzen und attraktiven Renditen für die Aktionäre». Ein gutes Beispiel seien die grossen US-Ölkonzerne, die trotz Rekordgewinnen ihre Kapitalausgaben nicht erhöht hätten. «ExxonMobil, Chevron und ConocoPhillips haben seit 2022 gemeinsam 301 Mrd. $ für Dividenden und Rückkäufe aufgewendet, während sich die Investitionen auf 222 Mrd. belaufen haben.» Diese Disziplin schränke die Gefahr eines Überangebots ein, das Rohstoffhaussen in der Vergangenheit beendet habe.Gleichzeitig beträgt das Gewicht des Energiesektors im S&P 500 derzeit bloss rund 3,3%. Das liegt nur unwesentlich über den Tiefst aus der Covid-Zeit, als der Ölpreis kurzzeitig sogar ins Negative fiel, und weit unter den historischen Höchst von 10 bis 15%. «Einen Sektor mit rekordhohem freiem Cashflow, der in einem Markt mit strukturell knapper werdendem Angebot tätig ist und von Anlegern deutlich untergewichtet wird, empfinden wir als ausserordentlich attraktiv», sagt Gonzalez.Politik dürfte von schädlichen Massnahmen absehenAngst, dass der hohe Ölpreis dereinst die Politik auf den Plan rufen könnte und die Sondergewinne der Ölkonzerne abgeschöpft werden, hat er nicht. «Diese Gefahr besteht bei Rohstofffirmen natürlich immer, erscheint derzeit aber begrenzt.» Angesichts der Tatsache, dass westliche Regierungen die Versorgungssicherheit als geopolitisches Ziel priorisierten, sei der politische Anreiz für Sonderabgaben spürbar gesunken.Daniel Haase vom norddeutschen Fondsadvisor Haase-Mölk-Tsouloftas, der zur Einschätzung der Märkte die Kurstrends aller Branchen systematisch analysiert, macht auch noch keine Anzeichen aus, dass die Hausse bei den Energiewerten vorbei ist. «83% der Ölaktien befinden sich weiterhin in einem mittelfristigen Aufwärtstrend», sagt er. Die kurzfristige Aufwärtstrendquote sei wegen der rückläufigen Kurse aber unter 24% gefallen (vgl. unteres Panel in der Grafik). Weil sich die Kurse der wichtigen Unterstützung beim unteren Bollinger-Band nähern (in der Grafik grau dargestellt), erwartet er bald ein antizyklisches Kaufsignal seines Modells. Wirklich zur Tat schreiten würde er aber erst, wenn sich die kurzfristigen Trenddaten verbessern, also im grünen Bereich nach oben drehen.Quelle: Haase-Mölk-Tsouloftas, empiria-fonds.deAufschluss darüber, ob es sich beim Kurssprung von Dezember bis März um den Auftakt einer längeren Hausse oder um einen Fehlstart handle, werde erst die Kraft oder die Schwäche der an die laufende Korrektur anschliessenden Erholung geben, gibt Haase zu bedenken. Wenn er heute wetten müsste, ginge er eher von einer Fortsetzung der Hausse aus. «Der Iran-Konflikt hat die Verletzlichkeit grosser Teile der Weltwirtschaft in Bezug auf die Verfügbarkeit von Energie sehr deutlich zutage treten lassen.» Vermutlich dürfte in den von den derzeitigen Engpässen betroffenen Ländern die politische Bereitschaft für Massnahmen zunehmen, die das Versorgungsrisiko reduzieren, «sei es über deutlich höhere strategische Lagerbestände, sei es über zusätzliche Investitionen in Energieinfrastruktur und Reserveförderkapazitäten». Dies spreche zumindest temporär für eine zusätzliche Ölnachfrage und auch für den Ölservicesektor.TotalEnergies und Eni zählen zu den FavoritenWenn es um Einzeltitel geht, bevorzugt Pablo Gonzalez von Picard Angst Unternehmen, die bereits jetzt einen hohen Cashflow erwirtschaften. Neben hoch profitablen Förderern vor allem aus dem amerikanischen Schieferölbereich mag er grosse, integrierte Ölkonzerne. «Sie sind widerstandsfähig, haben solide Bilanzen und sind geschäftlich und geografisch breit diversifiziert.» Zudem stehe das Erzielen einer hohen Aktionärsrendite ganz oben auf der Prioritätenliste.In den USA setzt er auf die Öl- und Gaswerte Diamondback Energy und EOG Resources. «Diamondback Energy ist der führende reine Produzent im Permian Basin, dem bedeutendsten Fördergebiet der USA. Sie überzeugt durch die höchsten Cashmargen im Sektor und setzt das Kapital effizient und diszipliniert ein.» EOG sei über mehrere US-Felder diversifiziert und besitze erstklassige Produktionsanlagen im Ausland. «Das Unternehmen hat seine reguläre Dividende noch nie gekürzt oder ausgesetzt und erzielt eine branchenführende Kapitalrendite», sagt er. Die Titel beider Gesellschaften warten mit einer zweistelligen Rendite des freien Cashflows auf.Aus Europa mag er derzeit die französische TotalEnergies und die italienische Eni. Total sei mit Öl, Gas und Strom gut diversifiziert. Das ertragreiche Wachstum und die solide Bilanz ermöglichten eine attraktive und nachhaltige Ausschüttungspolitik. Eni sei dank diverser aussichtsreicher Projekte mit günstigen Kosten und kurzen Realisierungszeiten in der Exploration erfolgreich, und die Aktien seien zudem attraktiv bewertet. Auch bei Eni liegt die Rendite des freien Cashflows zumindest auf Basis der Erwartungen für dieses Jahr bei mehr als 10%, bei Total sind es etwas mehr als 9%.
Wie weiter mit Ölaktien
Der Ölpreis knickt nach Unterzeichnung der Absichtserklärung zwischen den USA und Iran ein. Dennoch dürften Ölwerte ein kräftiges Gewinnwachstum verzeichnen. Anleger sollten sie deshalb nicht zu früh abschreiben.













