Die Börse feiert das Friedensabkommen zwischen Iran und den USA. Aber über den Inhalt weiss man kaum etwasSeit Monaten hoffen die Marktteilnehmer auf ein Ende des Iran-Kriegs, wurden aber immer wieder enttäuscht. Hat der Frieden diesmal eine Chance – und würden europäische Aktien davon profitieren?15.06.2026, 15.26 Uhr4 LeseminutenHochfackel an einer Shell-Raffinerie: An der Börse hoffen Marktteilnehmer weltweit auf nachhaltig sinkende Erdöl- und Erdgaspreise.Christoph Hardt / ImagoDie Marktteilnehmer sind mit Feierlaune in die neue Woche gestartet. Der Auslöser für die gute Stimmung war die Meldung über ein Rahmenabkommen zwischen den USA und Iran. Es könnte zu einem Ende des Iran-Kriegs und der Öffnung der Strasse von Hormuz führen, von der ein Grossteil der Versorgung mit Erdöl und Erdgas abhängt.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Ist diesmal wirklich alles anders? In den vergangenen Wochen hatte es laut einer Zählung der Nachrichtenagentur Bloomberg bereits 39 Ankündigungen für ein Friedensabkommen gegeben, die sich dann nicht realisierten. Trotzdem reagierten Marktteilnehmer positiv auf das neueste Abkommen, obwohl sie über dessen Inhalt fast nichts wissen.Die Logik der FriedensdividendeIn Asien stiegen führende Aktienindizes wie der japanische Nikkei oder der koreanische Kospi um rund 5 Prozent, und auch in Europa notierten Leitindizes wie der Euro-Stoxx 50, der deutsche DAX oder der Schweizer SMI am Vormittag mit etwa 1 Prozent im Plus. Zugleich gingen die Renditen von Staatsanleihen deutlich zurück.Die stärksten Reaktionen gab es am Rohstoffmarkt. Der Preis für die europäische Erdölsorte Brent sank um 4,8 Prozent und jene für die amerikanische Sorte WTI um 5,5 Prozent. Der europäische Gaspreis ging bis zum Mittag um mehr als 6 Prozent zurück. Zugleich gab der Dollar leicht nach, die Kurse von Edelmetallen zogen deutlich an.In den Marktreaktionen spiegelt sich die Hoffnung auf eine neue Friedensdividende. Die Logik dahinter sieht folgendermassen aus: Durch die Öffnung der Strasse von Hormuz sinken die Erdöl- und Erdgaspreise. Das ist gut für die globale Konjunktur, vor allem in Asien und Europa. Denn diese beiden Regionen sind besonders abhängig von Lieferungen aus dem Nahen Osten. Zugleich lässt der Inflationsdruck weltweit nach. Das ermöglicht es Zentralbanken, die Leitzinsen stabil zu halten oder sogar zu senken, was tendenziell wiederum gut für die Konjunktur ist.Allerdings ist in den vergangenen 107 Tagen seit Kriegsbeginn am 28. Februar bereits grosser wirtschaftlicher Schaden entstanden. Die Inflation ist gestiegen, die Konjunktur hat sich abgeschwächt. Aufgrund der global vernetzten Wirtschaft betraf dies alle Weltregionen. Zudem braucht es eine Weile, bis sich der Schiffsverkehr und die Lieferketten wieder normalisieren. Darüber hinaus müssen die Golfstaaten die beschädigte Energieinfrastruktur reparieren und stillgelegte Erdölquellen reaktivieren.Der Commerzbank-Chefökonom Jörg Krämer rechnet damit, dass der Inflationsdruck weiter besteht. «Wir erwarten ein Übergangsszenario mit zeitweiligen Rückschlägen, wobei die Schwankungsbreite des Ölpreises nach dem jüngsten starken Rückgang etwas niedriger sein könnte als bisher von uns unterstellt», sagt Krämer. Viele wichtige Fragen seien noch ungeklärt. Nach Berechnungen der Commerzbank hat der Iran-Krieg das Wachstum im Euro-Raum und in Deutschland in diesem Jahr um jeweils 0,4 Prozentpunkte gesenkt. Sowohl in Deutschland als auch im Rest der EU erwartet das Institut noch ein Wachstum von 0,6 Prozent.Der Erdölpreis könnte weiter sinkenDie Unterzeichnung des Friedensabkommens zwischen den USA und Iran soll am kommenden Freitag in der Schweiz stattfinden. Erst danach soll die Strasse von Hormuz wieder eröffnet werden. Die USA wollen ihrerseits die Blockade iranischer Schiffe und Häfen beenden.Die USA bestätigten die Einigung, ohne näher auf Inhalte einzugehen. Die iranische Nachrichtenagentur «Mehr» berichtete hingegen von einem 14-Punkte-Plan. Dabei sollen unter anderem eingefrorene iranische Gelder in der Höhe von 24 Milliarden Dollar freigegeben werden.Sollte es tatsächlich so weit kommen, erwarten Beobachter, dass europäische Aktien davon mehr profitieren könnten als amerikanische. In den letzten Wochen war es genau umgekehrt, weil Europa stärker durch den Konflikt belastet worden war als die USA. Das schreibt zum Beispiel die Deutsche Bank. Jetzt könnte sich dieser Effekt umdrehen.Der Haupttreiber für die steigenden Kurse amerikanischer Titel waren in den vergangenen Wochen jedoch die Technologiefirmen. Zu den Branchen, die seit dem Kriegsbeginn am meisten gelitten hatten, gehören Automobil, Konsumgüter und Luxusgüter. Diese könnten sich möglicherweise in den kommenden Wochen erholen.Beim Erdöl rechnen viele Marktteilnehmer mit weiter sinkenden Preisen und verweisen darauf, dass der Erdölmarkt vor Ausbruch des Kriegs als überversorgt galt.Der Streit über das AtomprogrammIn den Sternen steht allerdings weiterhin, ob das angestrebte Friedensabkommen längerfristig trägt. Viele Probleme sind noch ungelöst und sollen in den kommenden 60 Tagen weiter verhandelt werden. Gelingt dann wirklich, was bisher kaum möglich schien?Strittig sind etwa Fragen im Zusammenhang mit dem iranischen Atomprogramm und über mögliche Reparationszahlungen an Iran für Kriegszerstörungen. Zudem scheint Iran weiter auf Schiffsgebühren für die Passage der Strasse von Hormuz zu beharren. Fragil dürfte auch die Waffenruhe zwischen Israel und Libanon bleiben. Derzeit sehen Marktteilnehmer die Entwicklung aber offenbar positiv. Dabei haben einige vielleicht den alten Song von John Lennon und Yoko Ono im Hinterkopf: «Give Peace a Chance».Sie können Michael Rasch auf den Plattformen X, Linkedin und Xing folgen.Passend zum Artikel
Die Finanzmärkte feiern ein Iran-Abkommen, dessen Inhalt man kaum kennt. Ist diesmal alles anders?
Seit Monaten hoffen die Marktteilnehmer auf ein Ende des Iran-Kriegs, wurden aber immer wieder enttäuscht. Hat der Frieden diesmal eine Chance – und würden europäische Aktien davon profitieren?
USA und Iran einigen sich auf Friedensabkommen, Hornuz öffnet: Energiepreise fallen 6%, Märkte global +5%. Sinkende Betriebskosten (Datacenters, Infrastruktur) senken CTO-Budgets; ungeklärte Atomprogramm-/Reparationsfragen gefährden die Stabilität.










