Hinter der HeadlineIn der Nacht auf Montag haben sich die USA und Iran auf eine Absichtserklärung geeinigt, die am Freitag in Genf unterzeichnet werden soll. The Market beleuchtet die wichtigsten Fragen und Antworten dazu.Redaktion von The Market15.06.2026, 12.54 UhrWas lange währt, wird vielleicht endlich gut. Nach unzähligen Ankündigungen des US-Präsidenten, eine Verhandlungslösung mit Iran stehe kurz bevor, war es in der Nacht auf Montag nun endlich so weit. Die Kriegsparteien haben sich auf eine Absichtserklärung (Memorandum of Understanding) geeinigt, die am Freitag in Genf unterzeichnet werden soll.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenThemarket.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Ölterminal Ras Tanura von Saudi Aramco im Persischen Golf.ZVGDie Märkte reagieren verhalten positiv auf die Ankündigung. Vor allem die Öffnung der Strasse von Hormuz, durch die vor dem Konflikt rund ein Fünftel des globalen Ölangebots und andere wichtige Produkte wie Düngemittel verschifft wurden, sorgt für Erleichterung. Gleichzeitig scheint aber auch eine gewisse Skepsis zu herrschen, ob beide Seiten ihre Versprechen einhalten werden.Im Folgenden versucht die Redaktion von The Market, die wichtigsten Fragen zum «Deal» und die Folgen für die Börsen zu beantworten.Woraus besteht die Absichtserklärung zwischen den USA und Iran?Die Absichtserklärung besteht aus vierzehn Punkten, deren Einzelheiten aber noch nicht bekannt bzw. bestätigt sind. So sollen sämtliche Kampfhandlungen eingestellt werden, zu denen auch die israelischen Militäreinsätze im Libanon zählen. Iran würde im Gegenzug dafür sorgen, dass die Strasse von Hormuz innerhalb von dreissig Tagen wieder passierbar ist, während die USA ihre Seeblockade iranischer Häfen aufheben würden. Zudem sollen sich die USA verpflichten, sich aus den internen Angelegenheiten von Iran herauszuhalten, zusammen mit ihren Alliierten am Golf «mindestens» 300 Mrd. $ in den Wiederaufbau Irans zu investieren und Sanktionen gegen iranische Ölprodukte aufzuheben. Iran muss derweil am Versprechen festhalten, keine Nuklearwaffen zu entwickeln. Zudem soll innerhalb der nächsten sechzig Tage ein erweitertes Abkommen zum iranischen Nuklearprogramm verhandelt werden, das auch die komplette Aufhebung primärer und sekundärer US-Sanktionen enthalten soll.Warum könnte der Deal trotzdem noch platzen?Das gegenseitige Misstrauen zwischen Iran und den USA sitzt tief. Zur Erinnerung: Bereits im Februar versuchte eine US-Delegation, geleitet von Trumps Schwiegersohn Jared Kushner und dem Trump-Vertrauten Steve Witkoff, in Oman und später in Genf eine Einigung im Atomstreit zu erreichen. Die amerikanische Forderung, Iran müsse seine Urananreicherung aufgeben sowie bestehende Atomanlagen zurückbauen, wies der iranische Aussenminister Abbas Araghchi als Verletzung der Souveränität Teherans zurück.Noch während der Verhandlungen, am 28. Februar, begannen die USA und Israel mit Angriffen auf iranische Militär- und Nuklearziele. Iran reagierte mit Raketenangriffen auf israelische Ziele sowie auf US-Stützpunkte in der umliegenden Region. Die US-Attacken während der laufenden Verhandlungen haben das Vertrauen von Iran in die Verlässlichkeit der USA untergraben. Auf US-Seite wiederum bestehen Zweifel an den wahren Absichten des iranischen Atomprogramms. Selbst jetzt, da beide Seiten ein Abkommen noch bis Ende dieser Woche in Aussicht gestellt haben, muss zumindest infrage gestellt werden, ob beide Seiten ihre Versprechen auch langfristig einhalten werden.Wann öffnet die Strasse von Hormuz tatsächlich?Gemäss einem Post des US-Präsidenten öffnet die Strasse von Hormuz mit Unterzeichnung des Abkommens am Freitag. Im Abkommen selbst ist von einer dreissigtägigen Übergangsfrist die Rede, während der Iran die Minen räumen soll.Wie lange dauert es, bis die Lieferketten für Ölprodukte, Düngemittel und andere Produkte wieder normal funktionieren?Gemäss Experten wie Wood Mackenzie oder S&P Global Commodity Insights dauert es mindestens vier bis sechs Monate, bis sich der reguläre Schiffsverkehr und die globalen Container-Routen stabilisieren. Bis zur vollen Wiederherstellung der Produktionsmengen dürften wegen der Stilllegung sowie Schäden an den Förder- und Verarbeitungsanlagen und saisonaler Effekte zwölf Monate oder mehr vergehen. Düngemittel werden saisonal verschifft, weshalb viele Agrarnationen wie Brasilien und Indien die entscheidenden Lieferfenster für die aktuelle Saison verpasst haben.Wie reagieren die Börsen?Angesichts der Last, die vom Markt abfallen sollte, fällt die Reaktion bis auf den Nikkei 225, der 5% zulegen konnte, verhalten aus. Die europäischen Indizes notieren um die Mittagszeit zwischen 0,1 und 1,2% höher, nachdem sie zum Handelsstart noch zwischen 1 und 2% avanciert sind. Die Futures auf den S&P 500 legen 1,2% zu, Nasdaq-100-Kontrakte avancieren 2%. An den Bondmärkten sinken die Renditen langfristiger Staatsanleihen ausser in China weltweit, die Reaktion des Dollars fällt gemischt aus. Zum Franken sinkt er leicht auf 79.30 Rappen, zum Euro steigt er leicht.Wie nachhaltig ist der Deal?Die verhaltene Reaktion der Märkte zeigt es: Die Börsen sind zwar erleichtert, aber es herrscht keine Euphorie. Das liegt einerseits daran, dass viele Anleger zuvor immer davon ausgegangen waren, dass sich das «Problem» irgendwie lösen würde, aber eben auch an der akutellen Skepsis darüber, ob sich beide Seiten auch wirklich an das Abkommen halten. Gelegenheit dazu bietet das Verhandlungsfenster von sechzig Tagen reichlich. So fordert der US-Präsident eine dauerhaft gebührenfreie Passage durch die Strasse von Hormuz, während Teheran auf dem Recht beharrt, weiterhin Transit- oder Servicegebühren für Schiffe zu erheben. Dazu kommt, dass der US-Senat die Sanktionsbefreiung genehmigen muss.Sind Zinserhöhungen damit vom Tisch?Der Energiepreisschock im Frühling hatte die Zentralbanken vor eine schwierige Frage gestellt: Sind jetzt höhere Zinsen nötig, oder würgen diese die fragile Konjunktur ab? Die EZB gab der Inflationsgefahr mehr Gewicht und erhöhte vergangene Woche als Vorsichtsmassnahme die Leitzinsen um einen Viertelprozentpunkt. Die US-Notenbank Fed ihrerseits stoppte den im Herbst wieder aufgenommenen Zinssenkungszyklus und nimmt eine abwartende Haltung ein.Klar ist: Sollte der Ölpreis zurück auf das Vorkriegsniveau fallen, werden auch die Inflationsraten bald deutlich sinken. Die EZB hätte kaum mehr einen Grund, die Zinsen weiter zu erhöhen. An den Märkten ist immer noch eine Zinserhöhung bis Ende Jahr eingepreist, aber das dürfte sich bald ändern.Vor allem in den USA aber geht der Preisauftrieb weit über die Energiekosten hinaus und wird durch die Erholung am Arbeitsmarkt unterstützt. Mit der Aussicht auf einen Deal wird zwar die Energiekomponente des Konsumentenpreisindex rasch zurückgehen, aber gleichzeitig wird dies die Konjunktur noch mehr anheizen.Denn es waren vor allem die hohen Benzinpreise, die die Konsumentenstimmung drückten. Ein durch fallende Energiekosten provozierter Wachstumsschub könnte daher doch noch eine Zinserhöhung nötig machen. Gemäss den Futures für Fed-Funds ist die Wahrscheinlichkeit für eine Zinserhöhung Ende Jahr seit Bekanntgabe des Deals nur marginal gesunken.Die vielen Notenbankentscheide diese Woche geben den Währungshütern Gelegenheit, darzulegen, wie sie die Inflations- und Stagflationrisiken nach dem Deal beurteilen. Morgen Dienstag tagen die Bank of Japan (BoJ) und die australische RBA. Am Mittwoch gibt die schwedische Riksbank ihren Entscheid bekannt, bevor Neo-Fed-Chef Kevin Warsh seinen grosse Auftritt hat. Am Donnerstag entscheiden die SNB, die Bank of England und in Oslo die Norges Bank über ihre Geldpolitik. Die Bank of Japan wird jedoch aller Wahrscheinlichkeit nach die einzige sein, die die Leitzinsen erhöht.Entspannt sich nun der Ölpreis?Zumindest kurzfristig tut er das. Sowohl der Preis für ein Fass der Sorte WTI als auch für das europäische Pendant Brent sinkt mehr als 5%. Mit rund 80 $ für WTI und 83 $ für Brent liegen beide Werte allerdings immer noch höher als beim Ausbruch des Konflikts. Anzeichen, dass die Ölpreise steigen könnten, haben sich schon vor dem Krieg abgezeichnet. Dazu zählen die weltweit weiter wachsende Nachfrage und die während Jahren ausbleibenden Investitionen in die Erkundung und Erschliessung neuer Vorkommen. Mit dem beschleunigten Lagerabbau hat sich die Lage nun weiter verschärft. Es ist deshalb wahrscheinlich, dass die Ära des billigen Öls vorbei ist.Wie wirkt sich der Deal auf die Edelmetallpreise aus?Gold reagiert auf die Entspannung nicht wie ein typisches Krisenmetall, sondern ähnlich wie die Aktienbörsen. Der Unzenpreis zieht bis zur Mittagszeit 2,8% auf 4337 ¨$ an. Auch der Silberpeis steigt. Für den weiteren Kursverlauf von Gold dürfte entscheidend sein, ob die Zinserhöhungen der US- und anderer Notenbanken vom Tisch sind. Steigende Zinsen erhöhen die Opportunitätskosten für das Halten zinsloser Edelmetalle. Da sich Gold in den Sommermonaten traditionell schleppend entwickelt und andere Anlagen angesichts der zunehmenden Risikofreude stärker profitieren dürften, könnte sich die seit Ende Januar laufende Konsolidierung noch eine Weile fortsetzen.Welche Schweizer Aktien profitieren am meisten?Die Profiteure einer Öffnung der Strasse von Hormuz sind breit gestreut. Aus Schweizer Sicht gehören die Luxusgüterhersteller Richemont und Swatch dazu. Dies gleich doppelt: Eine mögliche Wiederbelebung der Konjunktur liesse den Optimismus zurückkehren, was die Nachfrage nach teurem Markenschmuck sowie Uhren ankurbeln würde. Zweitens werden Luxusprodukte häufig auf Reisen erworben. Sowohl eine Öffnung des Luftraums als auch fallende Kerosinpreise sprechen für eine Zunahme der Touristenströme, insbesondere aus Asien. Direkt davon profitiert die Reiseindustrie mit Vertretern wie dem Zürcher Flughafen oder das Duty-Free-Geschäft von Avolta.Nutzniesser einer potenziell breiteren Belebung der Konjunktur ist die Baubranche mit den Schwergewichten Sika, Holcim, Amrize und Geberit. Auch die Klimaspezialistin Belimo dürfte neben dem bereits vorhandenen Rückenwind aufgrund der Erstellung neuer Rechenzentren weitere Unterstützung erhalten. Aus der zweiten Reihe könnten mittelfristig Zehnder und Arbonia profitieren. Ein zunehmender Risikoappetit der Investoren spricht zudem für Avancen bei Industrieunternehmen wie ABB oder zurückgebliebenen Werten wie Georg Fischer. Auch Ems-Chemie dürfte zu den Nutzniessern zählen.Leiden könnten defensive Werte wie Swisscom oder die Kantonalbanken, wo Investoren in Zeiten der Verunsicherung Geld parkieren, jedoch umschichten, sobald sie anderswo wieder bessere Renditechancen wittern. Profitieren von solchen Rotationen könnten die Privatbanken EFG und Julius Bär. Ebenso UBS, die zusätzlich von steigenden Einnahmen im Handelsgeschäft ihrer Investmentbank Auftrieb erhalten könnte.Und in Deutschland?Im Dax profitieren zuerst der Flugzeughersteller Airbus und der Triebwerkszulieferer MTU Aero Engines. Eine noch längere Unterbrechung der Öllieferungen hätte zu Kerosinknappheit insbesondere in Teilen Asiens, in Australien und Afrika führen und die Fluggesellschaften belasten können, welche die Kunden der beiden Dax-Unternehmen sind.Sehr positiv wäre die dauerhafte Öffnung der Strasse von Hormuz für konjunkturabhängige Industrieunternehmen. Der Lagertechnik- und Gabelstaplerhersteller Kion, der Motorenbauer Deutz und der Zementkonzern Heidelberg Materials waren bereits am Montag unter den grössten Gewinnern.Leicht dämpfend wirkt der Rahmenvertrag über die Einigung am Golf auf Rüstungsunternehmen. Rheinmetall, der Panzergetriebe-Hersteller Renk und der Elektronikspezialist Hensoldt wurden am Montag leicht im Minus gehandelt oder stagnierten gegen den Gesamtmarkttrend. Die Auftragslage in der Branche ist jedoch so gut, dass ein dauerhaftes Ende der Kampfhandlungen am Golf die mittelfristigen Gewinnziele nicht gefährden dürfte.