Wenn vor den Sommerferien die Zeugnisse ausgegeben werden, sind Freude, Schulterzucken und Enttäuschung ungleich verteilt. Dass die Leistungsbilanz unterschiedlich ausfällt, liegt in der Natur der Sache: Noten sind nur informativ, wenn sie Unterschiede sichtbar machen. Recht zuverlässig lässt sich jedoch eine systematische Ungleichheit zwischen den Geschlechtern beobachten: Mädchen erzielen im Durchschnitt bessere Noten. Jungen schneiden hingegen beim Lesen und Schreiben schlechter ab, haben häufiger Aufmerksamkeitsprobleme und brechen Bildungswege öfter ab.Der amerikanische Psychologe David C. Geary vermutet, dass die Schule den durchschnittlichen, biologisch „primären“ Fähigkeiten der Jungen besser entspricht als denen der Mädchen. Der evolutionspsychologische Hintergrund dieser These lenkt das Argument in eine heikle Richtung: als entscheide die Biologie, wer in die Oberstufe gehört und wer an die Werkbank. Interessant ist nicht die Behauptung, Jungen seien von Natur aus schlechte Schüler, sondern die Frage: Welche Fähigkeiten erkennt die Schule überhaupt als solche an – und welche passen nicht ins Raster?

Schule misst Fähigkeiten in einer bestimmten Gestalt: sprachlich, schriftlich, prüfbar. Schreiben ist dafür das ideale Medium. Ein Aufsatz oder eine Mathearbeit lässt sich korrigieren und standardisiert bewerten. Räumliches Denken, mechanisches Verständnis, körperliche Geschicklichkeit oder praktische Problemlösung stehen dagegen seltener im Zentrum von Prüfungen. Wer darin begabt ist, muss zunächst zeigen, dass sein Können schulisch verwertbar ist. Doch viele Jungen reagieren im Durchschnitt stärker auf Bewegung, Wettbewerb, Objekte, Technik oder räumliche Probleme. Das gilt nicht für alle Jungen und keineswegs nur für Jungen. Solche Neigungen stören im Klassenzimmer aber eher, als dass sie als Kompetenz anerkannt würden. Der Junge, der ein Fahrrad repariert, aber keine flüssige Gedichtinterpretation schreibt, gilt nicht als anders begabt, sondern als schwach in Deutsch.Das ist nicht ganz so unschuldig, wie es klingt. Die Bildungssoziologie weiß spätestens seit Pierre Bourdieu, dass Schule nicht einfach Leistung belohnt, sondern auch jene kulturellen Selbstverständlichkeiten, die vor allem in der Mittelschicht gepflegt werden: Wer Sprachgefühl, Selbstkontrolle und Zukunftsorientierung mitbringt, findet sich schneller und besser in Bildungsinstitutionen zurecht. Wer anders disponiert ist, muss erst einmal lernen, was Lernen überhaupt bedeutet. Damit wird die Jungenfrage zur Klassenfrage. Der bildungsbürgerliche Junge darf ein wenig wild sein, wenn dies als überschießende Energie oder als Unterforderung gelesen werden kann. Der Arbeiterjunge riskiert, als schwierig, praktisch, aber nicht als akademisch begabt zu gelten. Mangelnde Anpassungs- und Leistungsbereitschaft wird je nach Kontext und familiärem Hintergrund unterschiedlich bewertet.Wie misst man Bildungserfolg?Die Zuschreibung von Fähigkeiten ist in der Schule folgenreich, weil Erziehung an einem „Technologiedefizit“ (Luhmann) leidet: Weder Unterricht noch Prüfung stellen sicher, dass sich Personen in einer bestimmten Weise verändern. Ob und warum sich Lerneffekte einstellen, bleibt letztlich unsichtbar. Deshalb benötigt die Schule andere Signale: Mitarbeit, Referate, Schulaufgaben. Die Institution muss diese Zeichen mit Wissenserwerb und Bildungserfolg gleichsetzen. Somit erscheinen Sprachgewandtheit als Intelligenz, Anpassung als Motivation und Vertrautheit mit der schulischen Disziplin als Begabung.Die Schule basiert auf Handlungs- und Leistungserwartungen, die Mädchen leichter erfüllen können als Jungen. Man sollte daraus keine romantische Rehabilitation des lärmenden Jungen machen. Nicht jede Unruhe ist verkannte Genialität. Aber eine Schule, die fast alles über Schrift, Prüfung und Aufmerksamkeit laufen lässt, kann bestimmte Talente nur spät oder gar nicht entdecken. Es ist individuell schmerzhaft und gesellschaftlich folgenreich, wenn praktisch-technische Begabungen deshalb weniger gewürdigt werden. Die Gesellschaft sucht Menschen, die bauen und reparieren können, nachdem sie ihnen zuvor signalisiert hatte, dass ihr Können erst zählt, wenn es wie ein Aufsatz oder ein Lösungsweg aussieht. Die Schule benachteiligt Jungen also nicht, weil sie Jungen sind. Sie benachteiligt bestimmte Kinder, weil Erziehung eine bestimmte Form von Kindheit als Medium der Wissensvermittlung voraussetzt: ohne Aufmerksamkeit, Sprachverständnis und Körperdisziplin lässt sich Unterricht nicht organisieren. Wer anderes kann, muss erst beweisen, dass es sich dabei um ein Können handelt.Geary, D. C. (2024). The evolved male in the modern classroom. The Annals of the American Academy of Political and Social Science, 716(1), 56–68. https://doi.org/10.1177/00027162261422986 Zenloop Survey