Neuer Bildungsbericht: Ministerin Karin Prien will Kinder schon früh stärker fördernTrotz vielen Reformen lassen sich im deutschen Bildungssystem kaum Fortschritte beobachten. Noch immer entscheidet vor allem die Herkunft über die Chancen eines Kindes. Viele Schüler erreichen ausserdem nicht einmal die Mindeststandards.15.06.2026, 18.30 Uhr4 LeseminutenWelche Bildungschancen ein Kind später habe, zeichne sich schon in den ersten Monaten nach der Geburt ab, sagte die Bildungsministerin Karin Prien bei der Präsentation des neuen Bildungsberichts.Florian Gärtner / ImagoEinige Eltern lesen ihren Kindern viel vor, in anderen Familien verbringt der Nachwuchs vor allem Zeit vor dem Bildschirm. Einige Eltern interessieren sich für die Lernfortschritte ihrer Kinder, andere nehmen daran weniger Anteil. Wie Familien damit umgehen, hat einen grossen Einfluss auf die Zukunft des Kindes, vor allem in Deutschland. Denn noch immer hängen dort die Bildungschancen stark von der sozialen Herkunft der Eltern ab. Das ist eine der zentralen Erkenntnisse des neuen nationalen Bildungsberichts, der am Montag vorgestellt wurde.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Dieses Problem ist seit vielen Jahren bekannt und widerspricht eigentlich den Ansprüchen der heutigen Gesellschaft. Offiziell versteht sich Deutschland als Meritokratie, was bedeutet, dass Erfolg gemeinhin auf individuellen Leistungen und nicht auf der Herkunft beruhen sollte. Trotz vielen Reformen ist es aber bisher nicht gelungen, die Folgen dieser ungleichen Startchancen abzumildern.Das Bildungssystem kommt kaum voran, heisst es laut dem Bericht. Inzwischen erreichten viele Schüler grundlegende Standards nicht mehr. Hinzu kämen Herausforderungen durch den Fachkräftemangel, die Zuwanderung und den Einfluss der digitalen Medien. Der Bildungsbericht erscheint alle zwei Jahre und ist eine detaillierte Bestandsaufnahme des deutschen Bildungssystems. Er basiert auf offiziellen Statistiken sowie auf sozialwissenschaftlichen Daten und Studien. Daraus lassen sich langfristige Trends und Entwicklungen ablesen. Der aktuelle Bericht bezieht sich auf Angaben aus dem Jahr 2024.Bildungsrückstände lassen sich später kaum noch aufholenWelche Bildungschancen ein Kind später habe, zeichne sich schon in den ersten Monaten nach der Geburt ab, sagte die Bildungsministerin Karin Prien am Montag. Bereits im Alter von zwei Jahren gebe es je nach Bildungsniveau der Mutter grosse Unterschiede im Wortschatz. Kinder aus sozioökonomisch benachteiligten Elternhäusern haben es besonders schwer. Dies sind Familien mit einem geringen Einkommen, einem niedrigen Bildungsstand der Eltern und geringen finanziellen Rücklagen – allesamt Faktoren, die einen hohen Einfluss auf den Bildungserfolg der Kinder haben.Laut dem Bericht war 2024 in Deutschland jedes vierte Kind von mindestens einer sogenannten Risikolage betroffen. Als Risikolage gilt, wenn der Haushalt von Armut bedroht ist, die Eltern nur eine geringe Qualifikation haben oder arbeitslos sind. Hiervon sind Kinder von Alleinerziehenden besonders oft betroffen, vor allem aber Kinder mit einem Migrationshintergrund. 54 Prozent von ihnen wachsen unter mindestens einer solchen Belastung auf. Bei Kindern ohne Einwanderungsgeschichte sind es nur 14 Prozent. Tendenziell würden Kinder aus stark benachteiligten Familien weniger ausserhalb der Familie betreut, heisst es in dem Bericht – dabei könnten gerade sie von den Angeboten besonders profitieren.Haben sich erst einmal Rückstände gebildet, lassen sich diese später kaum noch aufholen: Unterschiede in den Kompetenzen, die sich bis zur Einschulung herausbildeten, blieben während des Schulbesuchs relativ stabil, heisst es in dem Bericht.Zahl der Schüler ohne Abschluss steigtDie Folgen dieser Entwicklung sind besorgniserregend. Vor allem bei Schülern aus benachteiligten Familien sei das Risiko, grundlegende Kompetenzen nicht zu entwickeln, deutlich erhöht, heisst es in dem Bericht. Bei den Jugendlichen, die mindestens die Mittlere Reife anstrebten, erreichten ausserdem 24 Prozent nicht den Mindeststandard in der Mathematik – 9 Prozentpunkte mehr als 2018. Auch der Anteil der Schüler, die die Schule ohne Abschluss verlassen, ist gestiegen. Gemessen an der gleichaltrigen Bevölkerung liegt ihr Anteil bei 8 Prozent.Bei der Vorstellung des Berichts wurde betont, dass frühe Bildung eines der zentralen Handlungsfelder bleibt. Zwar wurden in den vergangenen Jahren Angebote zur frühkindlichen Bildung sowie ganztägige Bildungs- und Betreuungseinrichtungen erheblich ausgebaut. Noch immer gibt es aber grosse Unterschiede zwischen den Bundesländern.Einige Bundesländer erfassen den sprachlichen Entwicklungsstand aller Kinder, andere testen nur jene, die keine Kita besuchen. Wird festgestellt, dass ein Kind in der Sprachentwicklung noch gefördert werden muss, wird es jedoch nur in acht Ländern zu einem entsprechenden Unterricht verpflichtet. Ziel sei es daher, dass künftig möglichst jedes Kind in einer frühkindlichen Bildungseinrichtung betreut werde, sagte Katharina Günther-Wünsch, die Senatorin für Bildung, Jugend und Familie des Landes Berlin.Deutlicher Geburtenrückgang seit 2022Eine zusätzliche Herausforderung ist der sich abzeichnende Fachkräftemangel. Zwar waren 2024 rund 2,9 Millionen Menschen in staatlichen Schulen tätig – das waren etwa 21 Prozent mehr als 2014. Trotzdem gibt es in mehreren Bildungsbereichen noch immer grosse Engpässe. Viele Lehrkräfte an Schulen sind daher Quereinsteiger. In den vergangenen Jahren hat sich ihr Anteil fast verdoppelt. Inzwischen liegt er bei etwa 12 Prozent.Erschwert werden die Planungen für Kitas und Schulen durch die demografische Entwicklung. Da die Geburtenraten schon länger rückläufig sind, wurde lange mit einem geringeren Bedarf an Kita- und Schulplätzen gerechnet. Seit 2012 gab es jedoch Phasen mit steigenden Geburtenzahlen; in den Jahren 2015/16 und 2022 kamen zudem zahlreiche Flüchtlinge nach Deutschland. Seit 2022 zeichnet sich wieder ein deutlicher Geburtenrückgang ab.Dies hat Folgen für die Auslastung von Kitas und Schulen. Schon seit 2020 sei die Zahl der betreuten Kinder in Ostdeutschland gesunken, heisst es in dem Bericht. Im Westen sei dies nun auch bei den unter 3-Jährigen der Fall. Langfristig ist damit auch mit sinkenden Schülerzahlen zu rechnen. Laut dem Bericht werden die Folgen dieser Entwicklung erstmals ab dem Schuljahr 2027/28 sichtbar werden, zunächst im Primarbereich und später im Sekundarbereich.Passend zum Artikel
Neuer Bericht: Deutschlands Bildungssystem macht kaum Fortschritte
Trotz vielen Reformen lassen sich im deutschen Bildungssystem kaum Fortschritte beobachten. Noch immer entscheidet vor allem die Herkunft über die Chancen eines Kindes. Viele Schüler erreichen ausserdem nicht einmal die Mindeststandards.
Neuer deutscher Bildungsbericht: 24 % Schüler verfehlen Mindeststandard in Mathematik (vs. 15 % 2018), 8 % ohne Schulabschluss. Dies deutet auf kritischen STEM-Fachkräftemangel hin, der die Tech-Talentpipeline und zukünftige Fachkräfteverfügbarkeit schwächen wird.










