Im nationalen Bildungsbericht analysieren Wissenschaftler seit zwanzig Jahren das deutsche Bildungssystem. Ihr Befund ist auch dieses Mal besorgniserregend. Immer mehr Schüler erfüllen Mindeststandards nicht, soziale Ungleichheiten bestimmen Bildungsbiographien, und qualifiziertes Personal fehlt.Bundesbildungsministerin Karin Prien (CDU) betonte bei der Vorstellung des Berichts „Bildung in Deutschland 2026“ am Montag in Berlin, dass „die Bildungsschere sich ab der Geburt auftut“ und dass es eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe sei, dem entgegenzuwirken. Es gebe einen großen quantitativen Ausbau bei Kitas und der Kindertagespflege, dennoch kämen Kinder mit „dramatisch unterschiedlichen Lernausgangslagen“ in der Schule an.Wenn man dem wirksam begegnen wolle, sei ein enger Schulterschluss nicht nur von Bund, Ländern und Kommunen, sondern auch von Familien und Institutionen erforderlich. „Alle müssen zusammen anpacken und müssen miteinander strategisch an diesem Thema arbeiten“, sagte sie. Die Berliner Bildungssenatorin Katharina Günther-Wünsch (CDU) betonte, in den Ländern sei es „ganz klar“ das Ziel, dass alle Kinder möglichst früh in die frühkindliche Bildung gehen.Der nationale Bildungsbericht legt einen Schwerpunkt auf soziale Ungleichheiten. Dem Bericht zufolge war 2024 in Deutschland jedes vierte Kind von mindestens einer sogenannten Risikolage betroffen. Gemeint sind drohende Armut, geringe Qualifizierung oder Arbeitslosigkeit der Eltern. Unter Kindern mit Einwanderungsgeschichte waren es 54 Prozent, unter Kindern ohne Einwanderungsgeschichte 14 Prozent.„Im Vergleich mit anderen Staaten hängt der Kompetenzerwerb in Deutschland besonders stark von der sozialen Herkunft ab“, schreiben die Autoren. Sie mahnen an, dass punktuelle Förderprogramme nicht ausreichend sind, und raten zu einer „systemischen Perspektive auf das Individuum“. Dass es an Programmen eigentlich nicht mangelt, ist offenkundig: Allein zwischen 2024 und 2026 zählt der Bericht 347 Maßnahmen der Länder und 13 des Bundes.Es mangelt an KoordinationKai Maaz vom Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation sprach mit Blick auf diese Zahlen davon, dass es viel Bewegung im System gebe. Die Frage sei nur, „ob diese Bewegung jetzt auch entsprechend koordiniert ist“, damit die einzelnen Aktivitäten und Projekte ineinandergreifen können. Maaz ist der Sprecher der Wissenschaftler, die den alle zwei Jahre erscheinenden Bericht verfasst haben. Dass es grundsätzlich an Koordination mangelt, machen die Autoren im Bericht immer wieder deutlich.Kai Maaz, geschäftsführender Direktor des Leibniz-Instituts für Bildungsforschung und Bildungsinformation, Katharina Günther-Wünsch (CDU), Berlins Senatorin für Bildung, Jugend und Familie, sowie Karin Prien (CDU), Bundesministerin für BildungdpaEin Beispiel für fehlende Abstimmung sind Sprachtests für alle vier Jahre alten Kinder, die im Koalitionsvertrag festgeschrieben sind. Die Wissenschaftler sehen „viel Bewegung in den Ländern“, erkennen aber deutliche Unterschiede: Teilweise werde der Sprachstand aller Kinder erfasst, andere testeten nur Kinder, die keine Kita besuchten. Und nur acht Bundesländer verpflichteten Kinder, bei denen ein Bedarf festgestellt wird, dazu, an einer Fördermaßnahme teilzunehmen. Der Bericht mahnt eine „länderübergreifende Harmonisierung der Erhebungsmethoden und -daten“ an.Leistungen sinken im DurchschnittEiner der Trends, um die es im Bericht geht, sind abnehmende Leistungen von Schülern. Immer mehr von ihnen erreichten grundlegende Kompetenzstandards nicht. Nach dem PISA-Schock der Nullerjahre beobachteten die Wissenschaftler eine Verbesserung, auf die seit Mitte der 2010er Jahre eine Verschlechterung folgte. Der Anteil der Schüler, die Mindeststandards nicht erreichten, sei gestiegen, während zugleich der Anteil besonders leistungsstarker Schüler zurückgehe. Diese Mindeststandards müssen aber erfüllt sein, um den jeweiligen Schulabschluss zu schaffen.Immerhin sind die Leistungen der Grundschüler in Mathematik zuletzt stabil geblieben, wie die Autoren ausführen. Im Sekundarbereich I seien aber Rückgänge zu verzeichnen. So verfehlte beispielsweise im Jahr 2024 knapp ein Viertel der Schüler, die mindestens die Mittlere Reife anstrebten, den Mindeststandard in Mathematik (neun Prozentpunkte mehr als 2018). Zugleich sei der Anteil der Jugendlichen ohne Schulabschluss auf rund acht Prozent gestiegen.2025 gab es so viele Kitas wie nie zuvorIm Bericht wird deutlich, wie schwierig es ist, für genügend Plätze in Kitas und Schulen zu sorgen, wenn die demographische Entwicklung schwankt. Entgegen langfristigen Prognosen sei es seit 2012 zu Phasen steigender Geburtenzahlen sowie erhöhter Zuwanderung gekommen. Seit 2022 sei hingegen ein deutlicher Geburtenrückgang zu beobachten. So würden sich „lang-, mittel- und kurzfristige Trends“ überlagern, „die zu teils schwer prognostizierbaren Zeitpunkten auf das Bildungssystem treffen“.In den Kitas macht sich der Geburtenrückgang teilweise bemerkbar. In Ostdeutschland sinkt die Zahl betreuter Kinder seit 2020, wie es im Bericht heißt. Bei den unter drei Jahre alten Kindern sei das auch im Westen so. Betreuungslücken gebe es insbesondere für diese Altersgruppe aber nach wie vor. 2025 gab es dem Bericht zufolge so viele Kitas wie nie zuvor. „Der jahrelange Ausbau setzt sich fort, aber mit verlangsamtem Tempo“, schreiben die Autoren. In einigen Regionen gebe es bereits Rückgänge, was neben den ostdeutschen Flächenländern vermehrt auch westdeutsche Länder betreffe.Weil weniger Kinder geboren werden und im Vergleich zu den Vorjahren weniger Migranten hinzukommen, rechnen die Wissenschaftler mittelfristig mit sinkenden Schülerzahlen. Erstmals soll sich das im Primarbereich im Schuljahr 2027/28 bemerkbar machen.Die Hoffnung, dass das Entlastung bringt, zerstreuen die Autoren. Sie verweisen auf den Rechtsanspruch auf ganztägige Förderung und Betreuung im Primarbereich. Der Bedarf an Ganztagsplätzen bleibe konstant hoch und werde weiterhin nicht gedeckt, auch wenn es länderspezifische Unterschiede gebe. Insgesamt sehen die Wissenschaftler nach einer Phase „quantitativer Expansion“ die Zeit einer „strukturellen Transformation der Bildungsinfrastruktur“ gekommen.Dafür ist qualifiziertes Personal entscheidend. Dass es davon zu wenig gibt und gleichzeitig fachliche Anforderungen zunehmen, machen die Autoren klar. Sie kritisieren beispielsweise, dass es auf der einen Seite immer mehr Lehrkräfte ohne vollständige Lehramtsqualifikation gibt, aber auf der anderen Seite ausländische Abschlüsse nur begrenzt anerkannt werden.Eine Frage des GeldesDie Bildungsausgaben seien über viele Jahre nominal deutlich gestiegen und hätten 2024 einen neuen Höchststand erreicht. „Ihr relativer Anteil am Bruttoinlandsprodukt blieb dabei jedoch weitgehend stabil, unterlag zwischenzeitlich allerdings rückläufigen Entwicklungen“, schreiben die Autoren. Gleichzeitig habe sich der „Finanzierungsbedarf“ erhöht, was sie auf „erweiterte Aufgaben“ und „gestiegene Qualitätsanforderungen“ zurückführen.Sie halten fest, dass man ein „leistungsfähiges und sozial gerechtes Bildungssystem“ nicht allein mit den Mitteln der Bildungspolitik schaffen kann. Sie raten zu einer engen Abstimmung mit anderen Politikfeldern wie Familien-, Sozial-, Integrations- und Arbeitsmarkpolitik. Für eine bessere Steuerung sind aus ihrer Sicht nicht neue Institutionen erforderlich, aber eine „verbesserte und stärker institutionalisierte Kooperation“.