Ist das möglich: Stillstand trotz ständiger Veränderungen? Die Frage drängt sich auf, wenn man den neuen nationalen Bildungsbericht liest, der an diesem Montag erschienen ist. Zu viele Kinder und Jugendliche erreichen grundlegende Kompetenzen nicht, Bildungsungleichheiten bleiben bestehen, zusätzlich erschwert der Fachkräftemangel die Weiterentwicklung. All das ist bekannt. Das Bildungssystem scheint blockiert.

Gleichzeitig wird klar, dass sich kaum ein gesellschaftlicher Bereich in den vergangenen 25 Jahren so tiefgreifend verändert hat wie die Bildung. Die Zahlen der Kinder in Kitas und Krippen haben sich verdoppelt, und Kindertagesstätten sind auf dem Weg, zu Bildungseinrichtungen zu werden. Nach der ersten Pisa-Studie im Jahr 2000 wurden Ganztagsschulen etabliert und Bildungsstandards eingeführt, der Zugang zu den Hochschulen wurde flexibler, noch nie machten so viele junge Menschen einen Studienabschluss. Bildungspolitik wird heute stärker durch Daten und empirische Erkenntnisse geprägt als jemals zuvor. Und die Schülerschaft ist heute eine andere, Stichworte: Zuwanderung, KI und Inklusion.

Das Bildungssystem wandelt sich also stärker, als viele wahrnehmen – und stößt immer wieder an ähnliche Grenzen. Warum? Vielleicht, weil wir Reformen zu linear denken. Auf neue Herausforderungen folgen neue Programme, auf schlechtere Leistungen zusätzliche Fördermaßnahmen. Und in jeder Neuerung steckt das Versprechen, dass etwas besser wird. Die Erfahrungen der vergangenen Jahre zeigen allerdings: Ganz so einfach ist es nicht. Bildungssysteme funktionieren nicht wie technische Systeme. Lernen entsteht unter viel komplexeren sozialen, familiären und institutionellen Bedingungen, als es sich Lehrkräfte und Politikerinnen, Eltern und Journalisten vorstellen. Pädagogische Qualität lässt sich nicht verordnen. Soziale Ungleichheiten – die schon mit dem Tag der Geburt beginnen – kann man nicht kurzfristig kompensieren und Bildungsbiografien nicht beliebig steuern.