G-7-Gipfel haben ihre eigene Dynamik. Was die Gastgeber im Vorfeld oben auf der Agenda sehen, dominiert nicht zwingend das Gipfelgeschehen. So ist es auch dieses Mal in Évian am Ufer des Genfersees. Der französische Präsident Emmanuel Macron wollte vor allem über die „weltwirtschaftlichen Ungleichgewichte“ reden, der diplomatische Ausdruck für den Unmut der westlichen Industrieländer über Chinas Exportflut. Es ging dann aber vor allem um die Ukraine, den Nahen Osten – und etwas, das die Runde noch häufiger beschäftigen wird: den Umgang mit Künstlicher Intelligenz (KI).Für den letzten Gipfeltag am Mittwoch hat Macron die Chefs mehrerer KI-Unternehmen eingeladen. Sam Altman von Open AI will kommen, Demis Hassabis von Google Deepmind und auch Dario Amodei von Anthropic. Für dessen besonders leistungsstarke Modelle Mythos und Fable 5 hat die amerikanische Regierung gerade einen Exportstopp angeordnet. Neben den amerikanischen Platzhirschen mit am Tisch: das französische KI-Unternehmen Mistral, der japanische Anbieter Sakana und mit Robin Rombach von Black Forest Labs auch ein deutscher Vertreter.CEOs und Politik an einem TischAuch wenn die G-7-Gipfel einst zum Austausch über wirtschaftliche Themen gegründet wurden – im Laufe der Jahre verlagerte sich der Fokus der Treffen immer stärker auf die Außen- und Sicherheitspolitik. Dass die Staats- und Regierungschefs wie jetzt Vorstandschefs von Unternehmen dazubitten, ist ungewöhnlich. Dass die Chefs konkurrierender Tech-Unternehmen dort zusammenkommen, ebenso. Was konkret bei dem Mittagessen besprochen werden soll, dazu äußerten sich die Teilnehmer im Vorfeld nur vage. Ziel sei, einen „sicheren, schnellen und effektiven Einsatz Künstlicher Intelligenz“ zu ermöglichen, hieß es.Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) will nach der größeren Runde mit mehreren der CEOs noch separat Gespräche führen. Zwar drehen sich die politischen Debatten in Berlin derzeit vor allem um Renten- und Steuerfragen. KI war zuletzt deshalb ein Thema, weil der thüringische Ministerpräsident Mario Voigt (CDU) einen Gastbeitrag für die F.A.Z. von ihr hat schreiben lassen – offenbar, ohne die Fakten zu überprüfen. Die Bedeutung der Rechenmodelle geht aber weit über diese Diskussion hinaus.Produktiver heißt mehr WachstumMacron bemüht sich schon länger, sein Land als Europas KI-Führungsmacht in Europa zu etablieren. Er verhandelt mit potenten Geldgebern und Partnern wie Indiens Premierminister Narendra Modi persönlich über Investitionen und unterstützt den heimischen Hoffnungsträger Mistral AI, Europas einzig nennenswerten Entwickler von KI-Sprachmodellen, wo es nur geht. Erste Erfolge zeichnen sich ab: Auf einem Gipfel Anfang 2025 präsentierte der Élysée-Palast Investitionsprojekte in KI-Infrastruktur in Frankreich im Umfang von 109 Milliarden Euro. Vor zwei Wochen kam die Ankündigung über bis zu 75 Milliarden Euro von Softbank hinzu. Der japanische Investor will mit dem Geld drei große Datenzentren errichten und dabei eng mit dem französischen Technologiekonzern Schneider Electric zusammenarbeiten.Durch den Einsatz von Künstlicher Intelligenz könnten deutsche Unternehmen wieder produktiver werden. KI könnte der Hebel sein, um Deutschland zurück auf den Wachstumspfad zu bringen. Doch die Modelle kommen großteils von Unternehmen aus den Vereinigten Staaten. Die könnten den Zugang als Druckmittel in geopolitischen Konflikten beschränken, ähnlich wie mit Zöllen. Von einem „Weckruf“ war unter deutschen Politikern nach der Anthropic-Entscheidung die Rede.Der gefallene HoffnungsträgerIn Deutschland war einige Jahre das Heidelberger Unternehmen Aleph Alpha der Hoffnungsträger der Politik. 2023 lud der damalige Kanzler Olaf Scholz (SPD) Gründer Jonas Andrulis zur Kabinettsklausur auf Schloss Meseberg ein. Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) stattete den Gründern sogar einen Besuch in Heidelberg ab. Doch das sogenannte Large Language Model, das es mit dem von Open AI aufnehmen sollte, erwies sich als Flop. Inzwischen hat das kanadische Unternehmen Cohere Aleph Alpha übernommen. Die Bundesregierung spricht lieber von einem „Zusammenschluss“.Bundesdigitalminister Karsten Wildberger (CDU) ließ es sich nicht nehmen, in der Pressekonferenz mit auf dem Podium zu sitzen. Er treibt den Einsatz von KI in der öffentlichen Verwaltung voran. Im Wirtschaftsministerium gibt es seit dieser Legislaturperiode einen Beirat für KI und Wettbewerbsfragen. Die Industrie versucht in Kooperation mit Forschungszentren wie Fraunhofer, die hohen Produktionskosten in Deutschland durch KI etwas günstiger zu gestalten. Das alles kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die USA und China technisch weit voraus sind.Macrons KI-Offensive soll in Anspielung auf Napoleons Schlacht gegen Österreich im Jahr 1800 „Projekt Marengo“ getauft worden sein. In besagter Schlacht verhalf nach einem Rückstand entschlossenes Handeln zum Sieg. Frankreich hat mit seiner klimafreundlichen Kernenergie einen Standortvorteil gegenüber Deutschland. Hinzu kommt der – offener als in Deutschland formulierte – politische Anspruch, von Amerika unabhängiger zu werden. Nach jüngsten Plänen der Regierung sollen US-Anwendungen wie Zoom, Microsoft Teams, Go To Meeting und Webex bis zum kommenden Jahr aus der Verwaltung verbannt werden. An ihre Stelle treten soll eine vom französischen Staat kontrollierte, mit französischer Technologie entwickelte quelloffene Software. Am Dienstag kündigte die Regierung in Paris zudem an, für Staatsdiener eine KI-basierte Anwendung einzuführen, die auf den Modellen von Mistral AI aufbaut.In der deutschen Politik wird KI oft eher als Gefahr denn als Chance gesehen. Viele Arbeitsplätze für Berufseinsteiger ersetzen Unternehmen heute durch KI. Die Einnahmen des Staates über Steuern und Sozialabgaben könnten noch stärker unter Druck geraten als ohnehin schon. Die SPD wirbt dafür, Digitalunternehmen steuerlich stärker zur Kasse zu bitten und den Einsatz von KI stärker zu regulieren. „Die Zukunft unseres Landes legen wir nicht in die Hände von irgendwelchen Tech-Bros“, sagte Arbeitsministerin Bärbel Bas kürzlich auf der Messe Republica. In der Abschlusserklärung des G-7-Gipfels zum Thema KI dürfte dieses Ziel diplomatischer formuliert werden.
Die KI soll gebändigt werden – und europäischer
Der französische Präsident hat die Chefs mehrerer KI-Unternehmen zum G-7-Gipfel eingeladen. Es ist eine Premiere – und der Versuch einer Aufholjagd.











